München - Es waren diese drei Worte, die Thiago Alcantara auch hierzulande schlagartig berühmt machten. "Thiago oder nix", lautete Pep Guardiolas Wunsch im Sommer 2013 unmittelbar nach seinem Dienstantritt beim FC Bayern München. Kurz darauf wechselte Thiago tatsächlich vom FC Barcelona nach München, wo ihm seither wegen dieser Aussage die Bezeichnung als Guardiolas Wunschspieler anhaftet. Gut drei Jahre später sieht Thiago selbst die Sache gelassen, schließlich hat er auch ohne seinen Ziehvater noch viel vor.

Das sei nur ein Slogan, mit dem man die Zeitungen besser verkaufen könne, spielt Thiago die Bedeutung dieser berühmten drei Worte herunter. "Es geht nicht nur um Thiago. Fußball ist keine Sache von einzelnen Spielern, sondern von der ganzen Mannschaft." Der 1,74 Meter große Mittelfeldspieler begreift sich auf dem Platz als absoluter Teamplayer und Taktgeber. Eine Rolle, die er in den vergangenen drei Jahren im Trikot der Bayern gerne häufiger ausgefüllt hätte.

Von Verletzungen gebeutelt

Doch immer wieder wird Thiago von Verletzungen zurückgeworfen. So erleidet er gleich bei seinem Startelfdebüt im August 2013 einen Syndesmosebandriss, der ihn drei Monate außer Gefecht setzt. Ende März 2014 dann der nächste Rückschlag: Ein Teilriss des Innenbandes im rechten Knie stellt für Thiago den Beginn einer langen Leidenszeit dar. Sein Comeback vor Augen, bricht die Verletzung im rechten Knie im Mai erneut auf, gleiches passiert ihm einige Monate später im Oktober. Es vergehen 371 Tage, ehe Thiago am 4. April 2015 im Klassiker bei Borussia Dortmund unter Tränen seine Rückkehr feiert. "Es war ein sehr emotionaler Moment", sagte er damals. "Der Wert der Minuten auf dem Feld ist nach einem so schwierigen Jahr natürlich schon ein wenig gestiegen."

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Deutlich gestiegen ist in der abgelaufenen Saison die Anzahl seiner Minuten auf dem Feld - obwohl ihn im vergangenen November eine Kapselverletzung im rechten Knie erneut zu einer einmonatigen Pause zwingt. Am Ende kommt er auf 27 Bundesliga-Einsätze, in den beiden Spielzeiten zuvor bringt er es zusammen nur auf 23 Spiele. Seiner Rolle als Ballmagnet und -verteiler, die er einst mit einem mittlerweile überbotenen Rekord von 177 Ballbesitzphasen im Bundesligaspiel gegen Eintracht Frankfurt im Februar 2014 begründet hat, wird Thiago in dieser Spielzeit wegen schwankender Leistungen allerdings nur ansatzweise gerecht.

Thiago: "Fußball heißt: Spaß haben"

"Ich habe viele Spiele bestritten", zieht der 25-Jährige dennoch eine positive Bilanz. "Natürlich gibt es im Verlauf der Saison bessere und schlechtere Spiele, aber insgesamt bin ich zufrieden." Auch weil der Spanier nach seiner langen Verletzungspause die Freude am Fußball wiedergefunden hat. "Fußball heißt: Spaß haben. Ich versuche Spaß zu haben und mit meiner Leistung dafür zu sorgen, dass die Leute Spaß haben", sagt Thiago.

Die Begeisterung für diesen Sport wird dem am 11. April 1991 im italienischen San Pietro Vernotico geborenen Sohn des ehemaligen Profis Mazinho, der 1994 mit Brasilien Weltmeister wurde, praktisch in die Wiege gelegt. Ein Tattoo auf seinem rechten Unterarm erinnert Thiago zudem täglich daran: Es zeigt ihn im Alter von zwei Jahren beim Spielen am Strand - natürlich mit einem Fußball. Was es heißt Fußballprofi zu sein, erlebt Thiago bereits in jungen Jahren. Durch die Vereinswechsel seines Vaters zieht die Familie von Italien zunächst nach Brasilien, ehe sie in der Region Galicien im Nordwesten Spaniens eine Heimat findet. Im Alter von 14 Jahren verlässt Thiago sein Elternhaus, um in der berühmten Jugendakademie La Masia des FC Barcelona seinen Traum vom Profifußball zu verwirklichen.

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Obwohl er international auch für Brasilien hätte spielen können, entscheidet sich Thiago für das Land, in dem er den Großteil seiner Jugend verbracht hat. Ab der U16 durchläuft er alle Nachwuchsnationalmannschaften Spaniens und wird dabei zum Titelsammler. Dem EM-Titel 2008 mit der U17 folgen 2011 und 2013 zwei weitere mit der U21. Nachdem er mit der A-Nationalmannschaft der "Furia Roja" sowohl die EM 2012 als auch die WM 2014 verletzungsbedingt verpasst hat, steht Thiago bei der EM in Frankreich nun vor seiner ersten Teilnahme an einem großen Turnier.

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Trotz der großen Auswahl an Mittelfeldspielern vom Format Weltklasse schätzt Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque die Fähigkeiten des Bayern-Stars. "Er ist ein Spieler, der zu unserem Stil passt", sagt der 65-Jährige. "Von Angriff bis Abwehr - Thiago achtet auf alles und ist in alles involviert." Ähnlich wie in München stellt sich Thiago auch im Nationalteam voll und ganz in den Dienst der Mannschaft, ohne dabei das große Ziel des Titelverteidigers aus den Augen zu verlieren: "Wir sind alle Teamkollegen hier und so nehmen wir auch die EURO in Angriff: Als eine große Herausforderung, Champions zu werden."

Maximilian Lotz