Stuttgart - Mit zehn Spielern einen Punkt beim VfB geholt, gekämpft und defensiv eine klasse Leistung gezeigt: In Hoffenheim wächst der Mannschaftsgeist - vorbei die Zeiten, als Persönliches noch eine zu große Rolle spielte. Dank dieses Wandels scheinen in dieser Saison große Ziele erreichbar.

Natürlich könnte man meinen, dass ein Punkt in Stuttgart für die Europacup-Ambitionen von 1899 Hoffenheim zu wenig ist. Betrachtet man aber die genaueren Umstände des 1:1-Unentschiedens beim VfB muss man auch sagen, dass am vergangenen Samstag für die Kraichgauer einfach nicht mehr zu holen war. 50 Minuten wehrten sie sich nach der Roten Karte für Isaac Vorsah tapfer gegen die stürmischen Angriffsbemühungen der Stuttgarter und zeigten dabei, dass sie nicht mehr das wankelmütige Hoffenheim der vergangenen Tage sind.

Das sah nach der Partie auch Hoffenheims Manager Ernst Tanner so. Aufgeräumt betrat er in den Katakomben der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena die Interviewzone und sprach von einer "kämpferisch tollen Leistung" seiner Mannschaft. Man habe "defensiv stabil" gestanden und alles gegeben, so Tanner. "Hätten wir nach dem ersten gleich das zweite Tor gemacht, wären wir als Sieger vom Platz gegangen", war sich Tanner im Gespräch mit
bundesliga.de sicher. In der Tat zeigte die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick speziell zu Beginn der Partie die reifere Spielanlage und hatte den VfB im Griff. Lediglich der zweite Treffer fehlte.

Rangnick setzte auf Defensive

Nach der Roten Karte allerdings musste Rangnick das System umstellen, brachte Tobias Weis als zusätzliche defensive Absicherung, ein klares Signal an die Mannschaft, den Punkt zu sichern. Das erledigte sie in der Folge mit Bravour, weswegen die Hoffenheimer auch zufrieden die kurze Heimreise antraten. Nach dem 15. Spieltag liegt 1899 nun auf dem 6. Tabellenrang, nur einen Platz entfernt von der Qualifikation für das internationale Geschäft.

Die Perspektiven also sind gut in dem Verein. Die erstklassige Nachwuchsarbeit und die klare Linie bei Transfers tragen Früchte. Im Blickpunkt befinden sich junge talentierte Spieler mit großer Perspektive, als Beispiele seien hier der von 1860 München geholte Angreifer Peniel Mlapa oder der Isländer Gylfi Sigurdsson genannt, die beide in dieser Saison erstklassige Leistungen zeigen.

Noch fehlt die Cleverness

Hoffenheim hat eine positive Entwicklung hinter sich gebracht. Lediglich an Routine, Nervenstärke und Cleverness gilt es zu arbeiten, was auch Rangnick bestätigt: "Gegen Leverkusen waren wir zum Beispiel 70 Minuten lang die aktivere Mannschaft." "Vier, fünf Punkte" könnte man in dieser Saison mehr auf dem Konto haben, meint Rangnick. Erinnert sei nur an den bitteren Last-Minute-Gegentreffer in Dortmund nach zuvor hervorragendem Auftritt.

In der Tat ist es nur wenig, was Hoffenheim von einer absoluten Spitzenmannschaft unterscheidet. Das liegt auch daran, dass bei den Kraichgauern in den letzten Monaten ein stimulierender Mannschaftsgeist entstanden ist, und zudem eine Konkurrenzsituation, die jeden einzelnen Akteur zu Höchstleistungen antreibt. Lediglich in der Abwehr existiert durch die körperlichen Probleme von Josip Simunic und Matthias Jaissle ein personeller Engpass, der sich nun durch die Hinausstellung von Vorsah noch einmal verschärft hat. Wie lange der Verteidiger fehlen wird, ist noch unklar - der Verein hat Einspruch gegen die Zwei-Spiele-Sperre eingelegt.

Das Team wächst zusammen

Auf jeden Fall weht in Hoffenheim ein anderer Wind. Spielten in der Vergangenheit noch persönliche Frustrationen eine wesentliche Rolle, scheint es Rangnick nun gelungen zu sein, das Ego der Spieler dem Gemeinschaftssinn unterzuordnen. "Die Neuzugänge Tom Starke und die jungen Rudy, Mlapa und Sigurdsson tun uns von ihrer Mentalität her sehr gut", so Rangnick. Gerade die zuletzt Genannten würden eine neue Generation verkörpern. Positiver Anstoß für die "Alten" also.

Hinzu kommt, dass man sich in der Öffentlichkeit von den großen Zielen erst einmal verabschiedet hat. "Wir leben von Tag zu Tag", sagte beispielsweise Boris Vukcevic zu bundesliga.de. Natürlich habe man "große Träume", so Vukcevic, nur würden diese intern behandelt. Auch einer der Hoffenheimer Erfolgsfaktoren.

Aus Stuttgart bereichtet Jens Fischer