Abgeklärt, dominant, siegeshungrig: Louis van Gaal hat den FC Bayern bedingungslos auf Erfolg getrimmt. Der niederländische Cheftrainer baute sich nach einigen gescheiterten Versuchen zu Beginn seiner Amtszeit das passende Systempuzzle zusammen - und scheint nun die Früchte seiner akribischen Arbeit zu ernten. bundesliga.de zeigt die Unterschiede zum holprigen Saisonstart, blickt in die Trickkiste des Münchner Coaches und verrät, wie er das Starensemble auf Touren brachte.

Rückblick, August 2009: Der FC Bayern will nach mäßigem Saisonstart mit zwei Unentschieden endlich durchstarten. Aufsteiger Mainz 05, bei dem der Rekordmeister am 3. Spieltag gastiert, scheint gerade recht zu kommen. Doch statt des erhofften Aufbruchs erleben die Münchner ein Waterloo und gehen mit einer ebenso unerwarteten wie verdienten 1:2-Niederlage vom Platz.



Video: Mainz - FC Bayern

Umdenken bei van Gaal

Mit Michael Rensing, Edson Braafheid, Anatoliy Tymoshchuk, Hamit Altintop und Danijel Pranjic stehen fünf Spieler in der Startformation, die Monate später während der Siegesserie keine Rolle mehr spielen werden. Die Zeit des Umbaus für van Gaal hat begonnen.

Der erste Hoffnungsschimmer kommt gerade rechtzeitig, bevor das erfolgsverwöhnte Münchner Umfeld, das den Saisonstart bereits mit Kopfschütteln quittierte, den neuen Cheftrainer in die Mangel nimmt. Gegen Meister VfL Wolfsburg sorgt der wenige Tage zuvor von Madrid nach München gewechselte Arjen Robben mit zwei Treffern für den 3:0-Endstand - und für ein Umdenken bei van Gaal.





Rückkehr zum Ajax-System

Fortan wirft der holländische Übungsleiter sein taktisches Konzept über den Haufen und lässt mit dem gleichen System spielen, das ihm bereits zu Beginn seiner Trainerlaufbahn bei Ajax Amsterdam großen Erfolg gebracht hatte. Mit dem offensiven 4-3-3 hatte der Taktikfuchs in der Saison 1994/95 mit Ajax die Champions League gewonnen - zu einer Zeit, in der ein 4-4-2 das Nonplusultra war. Absolute Spielkontrolle, gepaart mit kreativem Spielaufbau und einer offensiven Flügelzange stand schon vor 15 Jahren auf van Gaals Zettel.

Christian Ziege, der im Sommer während eines Trainerpraktikums an der Säbener Straße die Arbeitsweise van Gaals hautnah miterleben durfte, beschreibt bei bundesliga.de die erfolgsbringende Maßnahme des Niederländers. "Es ist keine große Überraschung, dass die Bayern zu Saisonbeginn einige Probleme hatten", erklärt der ehemalige FCB-Profi: "Da kommt ein neuer Trainer, der eine gewisse Vorstellung hat, wie man Fußball spielt. Er hat es am Anfang mit der Raute probiert, was aber nicht so funktioniert hat, wie er sich das vorgestellt hat. Dann hat er die Größe gezeigt und sein System umgestellt."

Nur Remis gegen zwei Titelkonkurrenten

Für Ziege war dieser Systemwechsel der entscheidende Faktor: "Seitdem läuft das Bayern-Spiel ein wenig anders. Van Gaal lässt mit zwei Offensiven über Außen spielen, meistens mit Robben und Ribery. Und ich denke, das klappt immer besser."

Bevor jedoch alle Rädchen ineinander greifen, gibt es für die Münchner noch einige Rückschläge zu verkraften. Nach der 0:1-Niederlage in Hamburg sowie zwei enttäuschenden Heim-Remis' gegen die Titelkonkurrenten Schalke 04 und Leverkusen macht sich an der Isar Ernüchterung breit - und die Grantler im Umfeld werden wieder lauter.



Video: FC Bayern - Leverkusen

Die bange Frage lautet: Würde nach Jürgen Klinsmann der nächste Trainer die hochgesteckten Erwartungen der Bayern-Bosse verfehlen? Erst der Spätherbst muss ins Land ziehen, um diese Frage zu beantworten.

Die Erfolgsserie beginnt

Als die Bayern-Fans am 25. November nach dem Champions-League-Vorrundenspiel gegen Maccabi Haifa die Allianz Arena verlassen, denken wohl die Wenigsten, soeben Zeuge des Beginns einer furiosen Serie gewesen zu sein. Ihre Elf hatte die Israelis zwar mit 1:0 besiegt und sich damit eine kleine Chance auf das Weiterkommen in der "Königsklasse" bewahrt, doch spielerisch konnten die Bayern erneut nicht überzeugen.

Spielbericht FC Bayern - Maccabi Haifa

In der Bundesliga liegt man zu diesem Zeitpunkt sechs Punkte hinter Spitzenreiter Bayer Leverkusen auf Pldem 7. Platz - und hinkt immer noch meilenweit den eigenen Ansprüchen hinterher. Und doch dauert es nur noch einige Tage, bis die Spieler die Vorgaben des Trainers mustergültig umsetzen und der Höhenflug der Münchner beginnt.

Turin als Wendepunkt

Knackpunkt, darin sind sich alle Beteiligten einig, ist der 4:1-Sieg bei Juventus Turin, mit dem die Elf von Louis van Gaal soeben noch das Achtelfinale in der Champione League erreicht. Dabei beflügelt weniger das nackte Ergebnis die Mannschaft, als vielmehr die Dominanz, mit der es herausgespielt wurde.

Spielbericht Juventus Turin - FC Bayern


Doch nicht nur taktische Veränderungen bringen den Erfolg zurück an die Säbener Straße - auch die kämpferischen Tugenden tragen zur Renaissance des Mia-san-mia-Gefühls bei. Zwischen dem 1. und 13. Spieltag hatte der FCB eine negative Zweikampfbilanz, als man nur 49,3 Prozent der Duelle am Ball gewinnen konnte. An den darauffolgenden zwölf Spieltagen steigern sich die Bayern diesbezüglich auf 54,3 Prozent - ein Top-Wert in der Liga.

Überragende Passquote im Bayern-Spiel

Darüber hinaus verbessert sich der Rekordmeister in den Kategorien Chancenverwertung, Schussgenauigkeit, Tore sowie Torschüsse pro Partie. Logische Konsequenz: In den vergangenen zwölf Bundesligapartien holen die Münchner 32 von möglichen 36 Punkten und übernehmen am 24. Spieltag erstmals seit knapp zwei Jahren die Tabellenführung.

Mittlerweile sind die Bayern schon seit 18 Bundesligaspielen unbesiegt - die längste Serie seit 2002, als man saisonübergreifend 19 Begegnungen nicht verlor. Innerhalb einer Spielzeit blieben die Münchner zuletzt 1986/87 so lange ohne Niederlage.

Ein genauer Blick in die Statistik offenbart außerdem van Gaals Leitmotiv: Die absolute Spielkontrolle auf dem Platz. Sein Team schlägt sowohl die meisten Pässe der Liga (523 Pässe pro Spiel) als auch die genauesten - 83,5 Prozent der Abspiele kamen zum Mitspieler. Auch in des Gegners Hälfte sind die Bayern mit 76,5 Prozent angekommener Pässe am sichersten in der Bundesliga. Durchschnittlich sind es 291 Pässe in der gegnerischen Hälfte pro Partie, was ebenfalls den Spitzenwert in der Liga darstellt.

Keine Frage, der FC Bayern München hat dank seines Cheftrainers an alte Erfolgszeiten angeknüft. Und an der Säbener Straße haben selbst die Grantler nichts mehr zu meckern.

Johannes Fischer