München - Schon nach sieben Bundesliga-Spieltagen hat Shinji Kagawa die Herzen der BVB-Anhänger im Sturm erobert. Vier Treffer, ein Assist und jede Menge Tempodribblings machten den Japaner zum neuen Liebling der "schwarz-gelben" Fangemeinde.

Mit seinen beiden Treffern im Revierderby bei Schalke 04 setzte er sich bereits ein Denkmal. Warum er sich so schnell in der Bundesliga zurechtfand, was er von Würstchen und Pils hält und warum er sich beinahe im Westfalenpark verletzt hätte, erfahren sie hier. bundesliga.de hat zehn Fakten über Shinji Kagawa, die Sie (vielleicht) noch nicht wussten...

Gute Referenzen

Der BVB angelte sich Kagawa vom japanischen Erstligisten Cerezo Osaka, für den er 55 Tore in 125 Spielen erzielt hatte. In der vorangegangenen Saison war der wieselflinke Stürmer mit 27 Treffern Torschützenkönig der zweiten japanischen Liga und hatte somit bedeutenden Anteil am Aufstieg seiner Mannschaft. Zudem reiste Kagawa 2008 mit der japanischen Olympiaauswahl nach Peking (im Bild beim Spiel gegen die USA), im Mai des gleichen Jahres debütierte er in der japanischen A-Nationalmannschaft. Hier kommt er inzwischen auf 15 Einsätze, in denen er einen Treffer erzielte.

Pommes Schranke

Für einen Japaner ist die Umstellung auf die deutsche Küche in der Regel ein Kulturschock - Kagawa macht da keine Ausnahme: "An das Essen muss ich mich noch gewöhnen", gesteht er. Doch auch der fernöstliche Gaumen ist mit einigen kulinarischen "Köstlichkeiten" aus dem Ruhrgebiet durchaus kompatibel: "Eure deutschen Würstchen sind überragend. Ich liebe sie." Und am Pils hat sich der schmächtige junge Mann auch nicht verschluckt: "Nach dem Sieg auf Schalke habe ich mir ein Bierchen gegönnt." Die "WAZ" bringt es auf den Punkt: "Er passt zum BVB wie Sojasauce zu Sushi”. Und an die "Pommes Schranke" wird sich Kagawa bestimmt auch noch gewöhnen...

Anpassung in Windeseile

Die japanische J-League steht auf einem technisch hohen Niveau - dafür ist die Athletik nicht ganz so ausgeprägt wie in der Bundesliga. Klar, dass sich Kagawa zunächst auf die neuen Gegebenheiten einstellen musste. "Das erste Training war sehr hart. Ich kann noch nicht genau sagen, wie lange es dauern wird, bis ich mich an das körperbetonte deutsche Spiel gewöhnt habe", sagte der 21-Jährige nach der Premiere mit seinen neuen Teamkameraden. "Aber ich denke, ich werde mich so schnell wie möglich anpassen und in der Mannschaft durchsetzen." Gesagt, getan - bereits beim Saisonstart gegen Leverkusen stand er in der Anfangsformation.

Echte Blondinen, flotte Hasen

"Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele blonde Frauen gesehen wie jetzt in Deutschland", sagte der Japaner nach den ersten Wochen in Dortmund. Ob er denn ein Faible dafür habe, wurde er gefragt. Nein, ganz so, wie es immer geschrieben werde, sei das nicht. "Mir sind nur die vielen blonden Mädchen aufgefallen", grinst er verlegen. Ansonsten liebt es Kagawa, im Westfalenpark spazieren zu gehen und dabei den vielen Kaninchen, die sich abends auf den Wiesen tummeln, hinterherzuschauen - oder zu laufen. "Ich hätte mich fast verletzt, als ich ihnen gefolgt bin", sagt er lachend.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Während es auf dem Platz von Beginn an hervorragend klappte, hat Kagawa mit den Deutsch-Pauken noch größere Probleme. "Die Sprache ist schwieriger, als ich mir vorgestellt habe. Aber ich gehe an die Sache so heran, als ob ich ein Deutscher werden möchte, um sie so schnell wie möglich zu lernen!" BVB-Coach Jürgen Klopp ist der gleichen Meinung: "Die Sprache muss so schnell wie möglich passen. Dann klappt die Kommunikation mit den Mitspielern auf und neben dem Platz viel besser und die Integration in die Mannschaft geht viel schneller von statten." 'Tor, Abseits, Flanke, Ecke, Hintermann' - das kommt alles aus dem Effeff. Ein privater Deutschlehrer soll ihn jetzt auch außerhalb des Rasens coachen.

Vertauscht

Shinji Kagawa heißt eigentlich Kagawa Shinji - denn in der japanischen Sprache steht der Nachname vor dem Vornamen. So fremd ist das in Deutschland übrigens gar nicht - denn auch in Bayern werden Josef Huber und Anton Moser bisweilen Huber Sepp und Moser Toni gerufen. Stadionsprecher Norbert Dickel will den richtigen Namen des Neuzugangs beim Vorlesen der Aufstellung im nächsten Heimspiel unters BVB-Volk schreien: Mit der Nummer 23...Kagawaaa Shinjiii! Und die Fans wären sicher nicht böse, wenn sie es bei einem Shinji-Treffer und dem anschließenden Jubelschrei gleich noch einmal üben könnten...

Lobeshymnen

BVB-Cheftrainer Jürgen Klopp hält große Stücke auf den jungen Japaner: "Shinji ist ein flinker und wendiger Spieler - ein insgesamt herausragendes Talent!" Kagawa ist beidfüßig, dribbelstark, extrem torgefährlich und in Mittelfeld und Angriff variabel einsetzbar. Seine persönlichen Stärken sieht der Japaner vor allem in seiner Offensivkraft, seinem Zug zum Tor und seiner Technik. Auffällig ist auch seine Fähigkeit, Zuspiele im höchsten Tempo zu verarbeiten und an den Mitspieler weiterzugeben. Vier Tore und ein Assist stehen schon nach sechs Spieltagen zu Buche - einen besseren Start hätte er sich kaum wünschen können.

Derbyheld

An den 19. September 2010 wird sich Kagawa vermutlich bis an sein Lebensende erinnern. Mit zwei Treffern im Revierderby bei Schalke 04 machte sich der Japaner schon in seinem vierten Spiel für den BVB unsterblich. Als er nach der 3:1-Gala gegen 22 Uhr in Dortmund aus dem Mannschaftsbus kletterte, trugen ihn die Fans auf Schultern und feierten ihn minutenlang mit Shinji-Kagawa-Sprechchören. Klopp: "Das war Ekstase pur, ein Riesen-Erlebnis für uns alle. Vor allem Shinj konnte sich ein Bild davon machen, welche Bedeutung ein Derby-Sieg gerade für unsere Fans hat."

Fehleinschätzung

Als Shinji Kagawa im Derby gegen Schalke 04 nach 74 Minuten gegen Robert Lewandowski ausgewechselt wurde, erhoben sich die Dortmunder Fans und feierten ihren neuen Liebling mit standing ovations - kein Wunder nach seinem "Doppelpack". Doch wer glaubte, der Japaner würde sich am Jubel berauschen, sah sich getäuscht. Gut eine Stunde nach dem Abpfiff erfüllte Kagawa die Interviewanfragen - mal mit, mal ohne Dolmetscher. Japanischen Journalisten erklärte er seine Auswechselung allen Ernstens mit der Vermutung, dass er wohl zu schlecht für 90 Minuten gewesen sei...

Erdbeben

Kagawa stammt aus der Millionenstadt Kobe, die vor 15 Jahren von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde. Über 6000 Menschen starben damals, rund 44.000 wurden verletzt. Klein Shinji und seine Familie hatten Glück - ihr Haus wurde nicht stark beschädigt. Dennoch kann er sich noch gut an den 17. Januar 1995 erinnern, als im Morgengrauen die Wände wackelten: "Mein Vater hat sich gegen den Schrank gestemmt, damit er nicht umfällt." Seit damals werden im Erdbeben gefährdeten Japan die Möbel an den Wänden festgeschraubt.

Johannes Fischer