München - Es ist ein großer Klassiker im Weltfußball: Deutschland gegen Italien. Zahlreiche denkwürdige Spiele wurden zwischen diesen beiden Schwergewichten ausgefochten. Zuletzt im Halbfinale der WM 2006, als die deutsche Mannschaft mit 0:2 nach Verlängerung unterlag - Italien besiegte später im Finale auch Frankreich.

Wenn die "Squadra Azzurra" am Mittwoch in den Signal Iduna Park zurückkehrt (ab 20:15 Uhr im Live-Ticker) , ist vom Glanz vergangener Tage aber nichts mehr zu erkennen. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft ging es mit dem Lieblingskind der Italiener bergab. Höhepunkt der sportlichen Talfahrt war das Aus in der Vorrunde bei der WM in Südafrika.

Das Ende des Catenaccio

Ein Umbruch musste her. Marcello Lippi räumte seinen Trainerstuhl und machte so Platz für Cesare Prandelli. Ein Trainer der jungen Generation, Verfechter der offensiven Spielweise. Eigentlich undenkbar im Land des "Catenaccio". Doch Prandelli hat in Parma und Florenz gezeigt, was er mit geringen Mitteln und jugendlichen Elan bewirken kann.

So finden sich im derzeitigen Kader auch nur noch zwei Weltmeister von 2006: Daniele de Rossi, der im Mittelfeld die Zügel in der Hand halten soll, und Gianluigi Buffon. Für den Torwart ist die Partie gegen Deutschland das Comeback in der Nationalmannschaft. Während der WM 2010 verletzte er sich gleich im ersten Vorrundenspiel gegen Paraguay schwer und fiel in der Folge mit einem Bandscheibenvorfall ein halbes Jahr aus.

Lehrlinge in der Abwehr

Erst Anfang Januar lief er erstmals wieder für seinen Club Juventus Turin auf. Und feierte die Rückkehr auf den Rasen überschwänglich mit einem Striptease vor den Fans. Für Prandelli ist der Keeper gesetzt. "Buffon hat sich erholt und ist wieder fit. Er ist meiner Ansicht nach die Nummer eins unter allen Torhütern", sprach Prandelli "Super-Gigi" eine Art Stammplatzgarantie aus.

Auf Buffon könnte gegen das DFB-Team viel Arbeit zukommen. Denn während in der Vergangenheit Größen wie Fabio Cannavaro oder Alessandro Nesta alleine mit ihren Namen die Angreifer lähmten, wird die aktuelle Viererkette wohl nur eingefleischten Italien-Kennern etwas sagen.

Andrea Rannochia (Inter Mailand), Davide Astori (Cagliari), Mattia Cassani (Palermo), Domenico Criscito (CFC Genua) oder Christian Maggio (Neapel) sollen es unter anderem gegen Özil, Klose und Co. richten.

Cassano ist zurück

Dass ein Neuanfang auch immer mit der Auswahl neuer Spieler einhergeht ist bekannt. Doch genau da liegt das Problem. "Ich suche junge Spieler mit Qualität, die bereits dem Druck standhalten und zu festen Größen werden können", sagte Prandelli der "Welt am Sonntag". Und stellte fest: "Vielversprechende italienische Youngster sehe ich aktuell allerdings nicht."

So gehen die Italiener nach Amauri, Ledesma und Camoranesi wieder einmal den Weg der Einbürgerung. Thiago Motta von Inter Mailand bekam am Montag von der FIFA "grünes Licht". Der 28-jährige gebürtige Brasilianer dürfte ein Mann für die Startelf sein.

Im Sturm ist die Zeit der Inzaghis und Del Pieros ebenfalls vorbei. Das "Enfant Terrible" Alessandro Cassano wagt einen neuen Anlauf im azurblauen Trikot. Schon Giovanni Trapattoni adelte ihn als "Zukunft des italienschen Fußballs". Zahlreiche Eskapaden hemmten aber Cassanos Entwicklung. Unter Prandelli hat sich der Stürmer nun aber zum neuen Helden der Tifosi gemausert.

Ein neuer Stern namens Giovinco?

Da sich Mario Balotelli von Manchester City in einem Formtief befindet und deshalb nicht nominiert wurde, könnte auch die große Stunde von Sebastian Giovinco schlagen. Der "Zehner" vom FC Parma wird aufgrund seiner geringen Körperlänge von nur 1,64 Meter in Anlehnung an eine Comicfigur "Atom-Ameise" genannt. Ein quirliger Offensivspieler - und eine der vielen Hoffnungen Italiens.

Der Anfang ist gemacht, die Ergebnisse der jungen Ära Prandellis geben aber noch keinen Aufschluss über die Leistungsfähigkeit der "Squadra Azzurra". Nach der 0:1-Debütpleite gegen die Elfenbeinküste holte Italien in der EM-Qualifikation drei Siege gegen Estland (2:1), die Faröer Inseln (5:0) und Serbien (3:0 am grünen Tisch nach Ausschreitungen serbischer Chaoten) sowie ein 0:0 gegen Nordirland. Der Test gegen Deutschland wird daher wohl der erste richtig Gradmesser für die "neue" italienische Nationalmannschaft.

Michael Reis