Südafrika geht mit dem letzten, so sehnsüchtig erhofften Schub in die historische erste Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent: Bei der Eröffnungsfeier am Freitag vor dem Auftaktspiel zwischen "Bafana Bafana" und Mexiko im Soccer-City-Stadion von Johannesburg (ab 15:45 Uhr im Live-Ticker) wird auch die südafrikanische Ikone Nelson Mandela unter den 94.700 Zuschauern weilen.

Der 91 Jahre alte Friedensnobelpreisträger, erster schwarzer Präsident des einstigen Apartheid-Staates, war die treibende Kraft der südafrikanischen WM-Bewerbung, die nach dem Scheitern 2000 mit 11:12 Stimmen gegen Deutschland vier Jahre später zum Erfolg geführt wurde.

"Fußball hat besonderen Platz in den Herzen"

"Sport hat die Macht, Menschen zu inspirieren und zusammenzuführen. Der Fußball genießt in Afrika große Popularität und nimmt einen besonderen Platz in den Herzen der Menschen ein. Daher ist es so wichtig, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet", hatte Mandela in einer Videobotschaft anlässlich der WM-Gruppenauslosung gesagt. In der mittlerweile 80-jährigen WM-Geschichte schlägt Südafrika ein neues Kapitel auf.

"Ke nako! - Die Zeit ist reif", hatte Mandela immer wieder betont und nie Zweifel an Südafrikas Willen und Fähigkeiten aufkommen lassen, das zweitgrößte Sportereignis der Welt nach den Olympischen Spielen zu organisieren und zu einem Erfolg für den ganzen Schwarzen Kontinent zu machen. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter verstieg sich Anfang der Woche schon auf die Prognose von der "besten Weltmeisterschaft aller Zeiten".

Polit-Prominenz und Vuvuzela-Lärm

Die Regenbogennation hofft vier Jahre nach dem deutschen Sommermärchen, das Millionen und Aber-Millionen in seinen Bann zog, auf ein Wintermärchen, denn auf der südlichen Erdhalbkugel herrscht während der WM-Endrunde (bis 11. Juli) Winter, auch wenn die Temperaturen und der Sonnenschein keine Vergleiche zum europäischen Winter zulassen.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon, der südafrikanische Staatspräsident Jacob Zuma und dessen mexikanischer Amtskollege Felipe Calderon werden am Freitag beim mit Spannung erwarteten Eröffnungsspiel ebenfalls zugegeben sein, wobei sich die Mexikaner nicht nur gegen elf hochmotierte Bafana-Kicker, sondern auch gegen den Lärm von 90.000 Vuvuzelas behaupten müssen.

Die Plastiktröte wird ebenso zu einem Sinnbild dieser WM wie die schon jetzt grenzenlose Begeisterung am Kap der guten Hoffnung. Die 50-Millionen-Einwohner-Nation fiebert dem Ereignis entgegen, das den einstigen Apartheid-Staat einen soll. "Die Explosion des nationalen Stolzes ist ein nicht zu unterschätzender Effekt. Millionen Südafrikaner blicken mit Hoffnung, Stolz und einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl auf das Turnier. Dies fördert den Zusammenhalt unserer Nation", sinnierte Zuma, der zuletzt bei offiziellen Anlässen häufig mit einem Schal in den Nationalfarben erschienen war.

"Kaiser" hat vollstes Vertrauen in Südafrika

Franz Beckenbauer, der sich als Macher des Sommermärchens 2006 wie kaum ein Zweiter ein Urteil erlauben darf, hat vollstes Vertrauen in das WM-Gastgeberland. "Südafrika kann es, Südafrika ist bereit", sagte der "Kaiser". 98 Prozent der knapp drei Millionen Eintrittskarten wurden nach Angaben der FIFA abgesetzt, allerdings kamen zuletzt immer wieder zusätzliche Kontingente, darunter 38.000 teure Hospitality-Tickets, auf den Markt.

Die wirklichen Probleme liegen allerdings woanders. Die Massenpanik beim WM-Test Nigeria gegen Nordkorea in Johannesburg, bei der 16 Personen verletzt wurden, hat aber erneut gezeigt, wie fragil das Thema Sicherheit am Kap einzuschätzen ist.

Enorme Anstrengungen

Nicht abzusprechen ist den Südafrikanern, dass sie mehr erreicht haben, als viele ihnen zugetraut haben. Investitionen von 20 Milliarden Euro hat die Kap-Republik in Stadien, Hotels und Infrastruktur getätigt. Die hohe Kriminalitätsrate - durchschnittlich werden in Südafrika 50 Menschen pro Tag ermordet - erwies sich im Vorfeld immer wieder als starke Belastung für die junge Demokratie, die als Lokomotive des afrikanischen Kontinents gilt.

Die zehn Stadien in neun WM-Städten müssen indes den Vergleich mit Deutschland vor vier Jahren nicht scheuen. Südafrika hat enorme Anstrengungen unternommen, der Welt in diesem Bereich seine Leistungsfähigkeit zu zeigen. Fast war es des Guten zu viel, denn in etlichen Provinzstädten (Polokwane, Nelspruit) ist sehr fraglich, ob die Arenen nach der WM noch ausreichend genutzt werden.

Unrealistische Titelchancen und wahre Favoriten

Wie erfolgreich die WM am Ende wird, hängt sicherlich auch im starken Maße von "Bafana Bafana" (Den Jungs) ab. Seit zwölf Spielen sind die Südafrikaner unter ihrem erfahrenen brasilianischen Coach Carlos Alberto Parreira, der Brasilien 1994 in den USA zum Weltmeister machte, ungeschlagen. Die Einheimischen träumen gar vom WM-Titelgewinn, der allerdings objektiv betrachtet unrealistisch ist.

Die wahren Favoriten sind somit andere: Europameister Spanien ist an erster Stelle zu nennen, aber auch Rekord-Weltmeister Brasilien, der zum sechsten Mal den WM-Titel erringen will, hat gewohnt gute Chancen. Den Confed Cup 2009 in Südafrika als WM-Generalprobe hat die "Selecao" schon für sich entschieden. "Direkt danach kommt Deutschland", sagte Beckenbauer. Aber auch England, Argentinien und Titelverteidiger Italien gehören zum erweiterten Favoritenkreis.