München - Auch wenn er offiziell kein Amt beim VfB Stuttgart inne hat, ist Hansi Müller dem Verein sehr verbunden. 1975 begann er im Trikot mit dem roten Brustring seine Profikarriere und schnürte sieben Jahre lang die Schuhe für die Schwaben. Daher ist der 53-Jährige mit der aktuellen Situation - das Team ist Letzter - auch unzufrieden.

Im bundesliga.de-Interview analysiert Müller die Lage beim VfB und nennt Gründe für die Krise. Die Mannschaft habe genug Qualität und Substanz, "aber man darf nicht blauäugig sein", warnt er.

bundesliga.de: Am vergangenen Samstag feierte Jens Keller mit einem 2:2 auf Schalke seinen Einstand beim VfB Stuttgart, wobei auch durchaus mehr drin war. Wie bewerten Sie die Situation?

Hansi Müller: Grundsätzlich ist es natürlich bezeichnend, dass es einige sehr unglückliche Entscheidungen gibt, wenn du unten drin stehst. Ich denke da an das vermeintliche 2:0 am Samstag, an den Elfmeter für Schalke, an vermeintliche Tore von Cacau gegen Frankfurt und Pogrebnyak in Nürnberg - das ist schon irgendwie pervers, weil jeder Punkt ja momentan Gold wert ist. Solche Dinge dürfen aber nicht dazu führen, dass der VfB den Kopf in den Sand steckt - und das wird auch nicht passieren. Schon gegen Frankfurt und auch jetzt auf Schalke hat die Mannschaft gezeigt, dass sie sich der Situation bewusst ist und entsprechend reagiert.

bundesliga.de: Glauben sie, dass der VfB in den nächsten Spielen eine Serie starten kann?

Müller: Es ist ein Vorteil, dass man jetzt erst im Herbst und nicht schon im Frühjahr ist. Es ist noch genug Zeit, um Boden gut zu machen. Mit ein oder zwei Siegen klettert man wahrscheinlich von den Abstiegsplätzen - darauf muss der VfB den Fokus legen. In so einem Spiel wie jetzt am Sonntag gegen St. Pauli musst du einfach mal voll punkten und dich freischwimmen.

bundesliga.de: Mit der Krise im Herbst hat Stuttgart ja durchaus in den Vorjahren seine Erfahrungen gemacht...

Müller: Klar, das ist schon ein Phänomen. Aber man kann die Situationen nicht einfach vergleichen und muss nach den Ursachen schauen. Horst Heldt hat den Verein verlassen, Spielerpersönlichkeiten wie Jens Lehmann, Sami Khedira oder Alexander Hleb sind weg, in der Innenverteidigung gab es Probleme mit Matthieu Delpierre und Serdar Tasci, Cacau ist noch nicht in Topform - diese ganzen Dinge kamen zusammen und haben zu der jetzigen Situation geführt. Und obendrein gibt's noch die Baustelle Stadion. Es ist nämlich schon ein Handicap, wenn hinter dem einen Tor fünf Bagger stehen anstatt 15.000 Fans.

bundesliga.de: Glauben Sie trotzdem an die Wende?

Müller: Die Mannschaft hat die Qualität und die Substanz, da unten raus zu kommen. Im Übrigen hätte das Christian Gross mit Sicherheit auch geschafft. Das Team findet sich im Gegensatz zu potenziellen Abstiegskandidaten in dieser Tabellenregion jetzt doppelt schlecht zurecht, weil die Spielweise und die Mentalität des VfB eigentlich eine andere ist. Aber Stuttgart gehört ins obere Drittel.

bundesliga.de: Der Verein hat betont, dass Jens Keller kein Interimstrainer ist. Wie schätzen Sie das Verhältnis ein?

Müller: Der VfB schenkt Jens Keller aktuell das Vertrauen, stellt aber keinen Freifahrtschein aus. Die Verantwortlichen werden von Spiel zu Spiel analysieren: Wie präsentiert sich die Mannschaft? Wie viele Punkte sammelt sie? Aber möglicherweise müssen die Verantwortlichen in den nächsten Wochen noch eine weitere Reißleine ziehen. Der Verein und das ganze Umfeld erwarten Punkte. Bleiben die aus, muss der Club weitere Maßnahmen treffen. Soweit sind wir zwar noch nicht, aber man darf nicht blauäugig sein. Erstmal muss man sich von den unteren Tabellenrängen verabschieden, was ich der Mannschaft unter Jens Keller vollends zutraue.

Das Gespräch führte Tim Tonner