München - Eine Niederlage in eine Chance zu verwandeln, ist ein Kunststück. Der Hamburger SV hat es fertiggebracht. Nach der Absage Matthias Sammers für den Sportdirektorposten Ende Januar war eine große Lösung gefragt - und die präsentierten die Hanseaten dann auch. Ab dem 1. Juli zieht Frank Arnesen als neuer Sportchef in Hamburg die Strippen.

Arnesen gilt als einer der ganz großen Namen in der Branche. Bis Sommer steht er noch beim englischen Spitzenclub FC Chelsea als Sportchef und Chefanalytiker in der Verantwortung. Der Däne, so der Wunsch der HSV-Bosse, bringt die nötige Expertise und Erfahrung mit, um den Traditionsclub aus der Tristesse zu führen. "Ich bin sehr glücklich, dass uns diese großartige Lösung gelungen ist", jubilierte HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff bei der Vorstellung Arnesens.

Händchen für Talente

Noch ehe der neue starke Mann seine Arbeit aufgenommen hat, verkörpert der 54-Jährige bereits die Hoffnung auf eine bessere, erfolgreichere Zukunft des Bundesliga-Dinos. Eine zu hohe Erwartungshaltung? Arnesen gab sich bei seiner Präsentation jedenfalls keine Mühe, diese zu dämpfen: "Ich bin überzeugt, dass wir mit der vorhandenen Kraft und den richtigen Entscheidungen etwas Großes entwickeln werden."

Die Liste der Spieler, die Arnesen in seiner Laufbahn verpflichtet hat, verleiht seinen Worten zusätzliches Gewicht. In seiner Zeit als Sportdirektor der PSV Eindhoven lockte Arnesen unter anderem Ronaldo, Arjen Robben, Mark van Bommel, Ruud van Nistelrooy und Jaap Stam zum niederländischen Traditionsclub. Arnesen bewies ein Händchen für technisch versierte Profis - Spielertypen wie er selbst einer war. Arnesen blickt auf eine erfolgreiche Spielerkarriere zurück, wurde sechs Mal niederländischer Meister und holte 1988 mit Anderlecht den Europapokal der Landesmeister. 52 Einsätze bestritt der Mittelfeldspieler für die dänische Nationalelf und avancierte bei der EM 1984 in Frankreich mit drei Toren hinter Michel Platini zum zweitbesten Torschützen.

Nach seiner aktiven Zeit arbeitete Arnesen als Co-Trainer in Eindhoven und stieg 1994 zum Manager auf, wo er bis 2004 die Geschicke lenkte. Im Sommer 2004 verpflichtete ihn Tottenham Hotspur als Sportdirektor und bereits eine Saison später folgte Arnesen dem Ruf von Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch. Als Nachwuchskoordinator verpflichtet, stieg der Däne binnen fünf Jahren zum Chefanalytiker, Vorstandsmitglied und Sportdirektor auf.

"Er lebt Fußball 24 Stunden am Tag"

"Es war eine gewaltige Reise und ich möchte jedem bei Chelsea danken, besonders Roman, der mir die unglaubliche Gelegenheit gegeben hat, die Nachwuchsakademie und das Jugendsystem mit unserem hervorragenden Team weiterzuentwickeln", sagte Arnesen bei der Bekanntgabe seines Wechsels zum HSV. Pathetische Worte zum Abschied, doch gänzlich reibungslos verlief seine Zeit an der Stamford Bridge nicht.

Im Herbst 2009 geriet Arnesen in die Kritik. Die FIFA hatte Chelsea mit einem Transferverbot belegt, weil Arnesen und seine Crew das französische Talent Gael Kakuta nach Meinung des Verbandes unrechtmäßig vom RC Lens nach London lockte. Benny Nielsen, einst Europa-Scout der "Blues" und heute unter anderem Berater von Arsenal-Star Nicklas Bendtner, brach damals eine Lanze für Arnesen. "Ihn zu entlassen, wäre der größte Fehler überhaupt", sagte Nielsen der britischen Zeitung "Daily Express". Nielsen weiter: "Frank hat hervorragende Kontakte auf der ganzen Welt - wie kein Zweiter. Er lebt Fußball 24 Stunden am Tag. Er spricht mehrere Sprachen. Er kennt jeden." Der FC Chelsea beging den Fehler schließlich nicht, 2010 hob die FIFA das Transferembargo wieder auf.

Ein weiterer Kritikpunkt war die mangelnde Durchlässigkeit zwischen Jugendabteilung und Profiteam. Die horrenden Summen, die Arnesen und sein Team für den Nachwuchs ausgaben, stünden in keinem Verhältnis zum Ertrag, so der Vorwurf. Diesen entkräftete der vergangene Sommer zumindest teilweise. Die Nachwuchsspieler Jeffrey Bruma, Gael Kakuta, Patrick van Aanholt und Josh McEachran begannen die Saison im Kader Carlo Ancelottis. "Wir ernten jetzt die Früchte unserer Arbeit", erklärte Arnesen im November: "Unser Ziel war es, ab 2010 jedes Jahr einen Spieler aus der Jugendakademie in die erste Mannschaft zu bringen." Lediglich Supertalent McEachran spielt noch für die "Blues", die drei anderen verlieh Chelsea in der Winterpause weiter.

"Er steht für Kontinuität, gute Nachwuchsarbeit und Leidenschaft"

Beim HSV erhoffen sich die Verantwortlichen durch die Verpflichtung Arnesens ebenfalls einen Schub für die Nachwuchsabteilung. "Ich kenne Frank schon viele Jahre. Er steht für Kontinuität, gute Nachwuchsarbeit und Leidenschaft", sagte der scheidende HSV-Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann.

Mit im Gepäck hat Arnesen den Chefscout des FC Chelsea, Lee Congerton. Der übernimmt die Funktion des Technischen Direktors. Ebenfalls zum sportlichen Führungsteam soll Bastian Reinhardt gehören, der vom 1. Juli an auf sein Vorstandsmandat verzichten wird. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt offiziell der Dienst von Arnesen.

Hinter den Kulissen sondiert der Däne aber bereits die Lage. Vorige Woche war der zukünftige Sportchef auf Stippvisite in der Hansestadt, sprach mit Reinhardt und Trainer Michael Oenning über die neue Saison, auslaufende Verträge und mögliche Neuzugänge. Arnesen habe den HSV in Gesprächen als "sleeping giant" bezeichnet, verriet Aufsichtsratschef Rieckhoff. Offenbar arbeitet Arnesen bereits intensiv daran, den schlafenden Riesen zu wecken.

Andreas Messmer