Kiel - Die großen Zeiten von Holstein Kiel liegen lange zurück. 1912 feierte man an der Ostseeküste die einzige deutsche Meisterschaft der Klub-Geschichte. Außerdem gewannen die Norddeutschen sie deutsche Akademiker-Meisterschaft. Die Kieler gingen damit als erster Double-Gewinner in die deutsche Fußball-Historie ein.

Die Vize-Meisterschaften von 1910 und 1930 stehen als weiterer Höhepunkte in den Annalen des Klubs. Nach dem zweiten Weltkrieg gelang den Kielern die Qualifikation für die höchste deutsche Spielklasse - die Oberliga Nord.

Kiel schreibt Fußball-Geschichte

Und auch in dieser Klasse schrieben die Störche, wie die Spieler wegen ihrer roten Stutzen genannt werden, noch einmal Fußball-Geschichte: Am 26. Oktober war das 0:0 der Kieler bei Altona 03 das erste Spiel, das im deutschen Fernsehen in voller Länge übertragen wurde.

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Die Qualifikation für die Bundesliga 1963 verpassten die Kieler knapp, spielten aber als einer von sieben Vereinen durchgehend in der elf Jahre bestehenden Regionalliga Nord. Den Sprung in die 1981 gegründete zweigeteilte 2. Bundesliga verpassten die Kieler erneut nur denkbar knapp.

Absturz 1981

1978 kehrten die Schleswig-Holsteiner noch einmal ins Unterhaus zurück. Doch mit Gründung der eingleisigen Zweiten Liga 1981 fanden sich die Störche in den Niederungen des Fußballs wieder. Fortan pendelte der KSV Holstein zwischen Dritt-und Viertklassigkeit. Wie die Löwen in München hinter dem FC Bayern nur die Nummer zwei sind, sind es an der Förde die Zebras. Rekordmeister THW Kiel, der FC Bayern des Handballs, überstrahlt in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt alles.

Nun schicken sich die Störche an, aus diesem langen Schatten herauszutreten. Mit 15 Spielen ohne Niederlage arbeiteten sich die Kieler zwischen dem 22. und 35. Spieltag von Rang zehn auf Relegationsplatz drei vor. Gegner im Kampf um den Platz in der 2. Bundesliga ist der TSV 1860 München.

Plätzchen wechsel dich

Ein Klub, der in der Saison hinter seinen Ambitionen zurückgeblieben ist. "Wir werden Zweitliga-Meister", hatte der damalige Löwen-Coach Ricardo Moniz angekündigt. Bereits im September musste der Niederländer seinen Hut nehmen.

Auch unter Markus van Ahlen ging's mit dem bayrischen Traditionsverein weiter bergab. Nach der Winterpause nahm Torsten Fröhling als dritter Trainer der Saison auf der Bank Platz. Unter dem Ex-St.-Pauli-Profi konnte der direkte Abstieg vermieden werden.

Nerven bei den Löwen liegen blank

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Ruhe ist nicht eingekehrt in den Klub. Vereinsführung und Investor Hasan Ismaik streiten um Verbleib oder Entlassung von Sportdirektor Gerhard Poschner, in der Vorbereitung auf die Relegation setzte es für Rodri eine Watschn von Ersatz-Keeper Stefan Ortega. "So etwas ist normal in dieser Phase. Alle sind enttäuscht, da liegen die Nerven blank. Diese Aggressivität wünsche ich mir für das Spiel am Freitag", versucht Fröhling der tätlichen Auseinandersetzung etwas Positives abzugewinnen.

Wie blank die Nerven aber liegen, bringt Christopher Schindler auf den Punkt: "Wenn du in Kiel so auftrittst, bekommst du auf die Fresse", haderte der Löwen-Kapitän mit dem Auftritt der Mannschaft beim 0:2 in Karlsruhe zum Saisonabschluss.

Psychologischer Vorteil für Kiel

Unruhe dort, Kontinuität hier. Den Nichtabstieg hatten sich die Kieler für ihr zweites Drittliga-Jahr als Ziel gesteckt. Am Ende wurde es Rang drei. Kein Wunder, dass die Mannschaft mit der besten Defensive der Liga die Partien optimistisch angeht. "Wir haben den Vorteil, dass wir etwas gewinnen und die Münchner etwas verlieren können", beschreibt Geschäftsführer Wolfgang Schwenke die Ausgangsposition.

Torhüter Kenneth Kronholz und die Abwehrkette um das 21-jährige Talent Hauke Wahl ließen in 38 Partien gerade mal 30 Treffer zu. In der Zentrale organisiert der 32 Jahre alte, torgefährliche Mittelfeld-Routinier Rafael Kazior (11 Treffer) das Spiel einer geschlossenen auftretenden Mannschaft (13 verschiedene Torschützen), die mit Marc Heider (12) und Manuel Schäffler (10) über eine torgefährliche Doppelspitze verfügt.

"Zwei richtig geile Spiele"

"Für uns werden das zwei richtig geile Spiele und eine große Herausforderung", freut sich Trainer Karsten Neitzel auf das Nord-Süd-Duell. Schwenke bemüht das Wort vom tapferen "Gallier-Dorf in Fußball-Deutschland", dass eigentlich keine Chance hat. Doch die wollen sie nutzen, denn "die Relegation hat Pokalcharakter". Und unter diesen Voraussetzungen trafen die Teams in der Saison schon einmal aufeinander. Am 17. August hatten die Löwen in der ersten Runde des DFB-Pokals im Holstein Stadion viel Mühe, gegen tapfere Störche mit 2:1 die Oberhand zu behalten.

Sollten es den Störchen gelingen, den Deutschen Meister von 1966 22 Jahre nach seiner Rückkehr in den Profi-Fußball in die 3. Liga zurückzuschießen, wäre das nördlichste Bundesland erstmals seit dem Abstieg des VfB Lübeck 2004 wieder in der 2. Bundesliga vertreten. "Nach ewigen Zeiten wieder Zweitliga-Fußball in Schleswig-Holstein. Das wäre großartig", so Schwenke. Und ein weiteres Highlight in den Geschichtsbüchern des Deutschen Meisters von 1912.

Jürgen Blöhs