Köln - Mit dem 1. FC Köln hat Peter Stöger das große Ziel Klassenerhalt vor Augen. Im GeißbockEcho erklärt der Kölner Trainer, wie er eine Mannschaft führt, dass es wichtigeres als Fußball gibt und wieso er mit Philipp Hosiner mitfühlt.

Frage:
Im Fußball erlebt man auch immer wieder unschöne Momente und negative Emotionen. Nehmen Sie solchen Ärger über schlecht gelaufene Spiele mit nach Hause?

Peter Stöger: Ich versuche, so etwas möglichst wenig mit nach Hause zu schleppen. Die Menschen in meinem privaten Umfeld wissen, wie es mir nach solchen Spielen geht – aber wieso sollen sie die Rechnung dafür zahlen, obwohl sie nichts dafür können? Natürlich beschäftige ich mich zu Hause mit dem Job, aber ich lasse es nicht zu nah an mich heran. Wenn man sich permanent selbst zerfleischt, kann es zu so etwas wie einem Burnout kommen. Im Fußball kommen alle fünf, sechs Tage neue Spiele und damit riesige Herausforderungen. Dadurch hat man aber auch nach jeder Niederlage schon bald wieder die Chance, etwas positiv zu gestalten.

"Im Fußball hast du immer die Chance, es nächste Woche besser machen"

Frage:Das heißt, sie freuen sich über den straffen Spielplan?

Peter Stöger: Auf der einen Seite ist es eine extreme Belastung, alle paar Tage einen Wettkampf zu haben, in dem man wieder versagen kann. Und natürlich besteht die Gefahr, mit jeder Woche tiefer in die Krise zu rutschen. Aber mir ist dieses Risiko viel lieber, als zum Beispiel ein Schwimmer zu sein, der bei Olympia einen schlechten Tag hat und dann wieder vier Jahre auf die nächsten Spiele hinarbeiten muss und dazwischen nur vergleichsweise unwichtige Wettkämpfe hat. Im Fußball gibt dir jede Niederlage die Möglichkeit, es nächste Woche besser zu machen. Das ist der Zugang, den ich als Trainer gefunden habe.

Frage: Wieso sind Sie Trainer geworden?

Peter Stöger:
Gute Frage, ich hätte das als Spieler eigentlich nie gedacht, weil ich damals festgestellt habe, dass der Trainer das schwächste Glied ist. In vielen Bereichen kann er gar nichts dafür, wenn etwas nicht funktioniert. Ich habe mich deshalb eher in der Organisation gesehen, als jemand, der strukturell denkt, als Sportmanager oder Sportvorstand. Das war ich nach meiner aktiven Zeit anfangs in Österreich auch. Da habe ich aber gemerkt, wie es mir fehlt, die Dinge auf dem Sportplatz umzusetzen. Die Herausforderung, mit Menschen zu arbeiten, direkt mit ihnen in Kontakt zu sein, sie zu begleiten, zu verbessern, ihnen zu helfen, den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu machen, hat mich sehr gereizt.

"Ich will Spieler weiterbringen - sportlich und in ihrer Persönlichkeit"

Frage:Was finden Sie an der Arbeit mit einer Mannschaft besonders spannend?

Peter Stöger: Diese riesige Aufgabe, 25 Spieler, die alle logischerweise ihre eigenen Ziele haben, auf ein gemeinsames Ziel einzustimmen und das im Idealfall so harmonisch wie möglich umzusetzen. Das ist ein permanenter Entwicklungsprozess. Man muss jeden Tag genau in die Mannschaft reinschauen, die ganzen kleinen Details im Verhalten der Spieler wahrnehmen und stets präsent sein. Das verlangt viel Aufmerksamkeit. Das schafft man nicht allein, deshalb ist der Trainerstab so wichtig. Genau wie Sportgeschäftsführer Jörg Schmadtke, mit dem wir uns täglich austauschen. Aus all diesen Mosaiksteinen bildet sich dann ein Gesamtbild, in dem man erkennt, was funktioniert und was nicht. Ich will Spieler weiterbringen – sportlich, aber auch in ihrer Persönlichkeit. Das zu bewältigen, ist die eigentliche, riesige Herausforderung für mich. Über den fußballerischen Bereich, über Taktik oder solche Dinge, reden wir da noch gar nicht.

Frage:Beruht Ihr Umgang mit Spielern auf Intuition oder ist da viel Strategie im Spiel?

Peter Stöger: Also Strategie ist es nicht. Eine Firma kann eine Strategie verfolgen, wenn sie ein Produkt am Markt platzieren will – aber eine Strategie im Umgang mit Menschen finde ich schwierig. Bei uns passiert vieles intuitiv. Das heißt aber nicht: aus einer Laune heraus. Wir machen uns im Trainerteam schon regelmäßig Gedanken über die Spieler. Wenn einer nicht gut drauf ist, kann man schauen, ob er am nächsten Tag dieselbe Körpersprache hat. Macht er am übernächsten Tag noch immer einen schlechten Eindruck, geht man hin und fragt, ob alles okay ist. Ob er ein sportliches Problem hat oder ein echtes Problem. Es kann ja auch etwas Privates sein. 

"Es gibt im Leben Bereiche, die weit wichtiger sind als der Sport"

Frage:Sie sprechen also mit Spielern auch über, wie Sie es nennen, echte Probleme?

Peter Stöger: Es gibt im Leben Bereiche, die weit wichtiger sind als der Sport. Und wenn es dort Probleme gibt, kann das einen Spieler belasten. Deshalb ist es wichtig, dass man so etwas als Trainer mitbekommt, weil man nur so Verständnis aufbringen und das in der Beurteilung berücksichtigen kann. Ich muss von Problemen nicht im Detail wissen, und ich zwinge keinen Spieler, mir etwas zu erzählen. Aber wenn er will, kann er das tun. Die einen reden dann eher mit Alex Bade (Torwarttrainer, d. Red.), die anderen mit Manni Schmid (Co-Trainer), die nächsten mit mir oder mit Benny Kugel (Athletik-Trainer). Je nachdem, wie das Vertrauensverhältnis ist.

Frage:Wie nah ist Ihnen das Schicksal von Philipp Hosiner gegangen, den Sie noch aus Ihrer Zeit in Wien kennen und der im Winter zum FC wechseln sollte – bei dem dann aber ein Tumor in der Niere gefunden wurde?

Peter Stöger: Diese Sache ist mir sehr nahe gegangen und war nicht einfach für mich. Wir haben kürzlich noch Kontakt gehabt, es geht ihm jetzt soweit okay und er ist auf dem Weg der Besserung. Es scheint also noch glimpflich ausgegangen zu sein. Er hat mir persönlich sehr leid getan. Die Tage, nachdem unser Ärzteteam bei ihm dieses wirklich ernste Problem festgestellt hat, waren in meiner bisherigen Zeit als Trainer die unangenehmsten. Ich habe viele Spiele als Trainer und als Spieler verloren, aber das hat überhaupt keine Wertigkeit im Vergleich zu dem, was mit Philipp war.

"Spieler, die nicht spielen, würden mich wahrscheinlich am liebsten vom Hof jagen"

Frage:Viele Spieler loben Ihr gutes Händchen im Umgang mit ihnen. Sogar die, die nicht unbedingt Stammspieler sind.

Peter Stöger: Kein Spieler ist zufrieden, wenn er nicht spielt. Das wäre auch ein schlechtes Zeichen. Das Wichtige ist, dass die Spieler den Eindruck haben, dass wir die Mannschaft ins Rennen schicken, die momentan am besten drauf ist oder an diesem Tag am besten geeignet ist, unsere Idee umsetzen. Dass es nicht Leute gibt, die bevorzugt werden, ohne Leistung zu bringen oder die sich Dinge erlauben dürfen, ohne dass es geahndet wird. Wir versuchen, keine Unterschiede zu machen. Das wird möglicherweise wohlwollend zur Kenntnis genommen. Es ändert aber nichts daran, dass diejenigen, die nicht spielen, mich wahrscheinlich am liebsten vom Hof jagen würden. Das ist ja klar und ganz normal.

Frage:Ist das eine Einsicht, die Sie aus Ihrer Zeit als Spieler haben?

Peter Stöger: Alles, was ich als Trainer umzusetzen versuche, ist das Ergebnis dessen, was ich als Spieler an Erfahrungen gesammelt habe mit den zehn, fünfzehn Trainern, die ich hatte. Ich versuche mir die Dinge anzueignen, von denen ich finde, dass sie gut waren. Bei vielem, was ich als Trainer tue, frage ich mich: Wie hätte ich als Spieler darauf reagiert?

Frage:Wann zum Beispiel?

Peter Stöger: Wenn ich versuche, Kritik anzubringen. Falls sich ein Spieler eine klare Verfehlung geleistet hat oder gegen die Gruppe arbeitet, spreche ich das zum Beispiel vor der gesamten Mannschaft an. Nicht, um denjenigen bloßzustellen, aber wenn ich es nur unter vier Augen klären würde, hätten die anderen den Eindruck, dass ich die Verfehlung gar nicht bemerkt habe. Das habe ich aus meiner Zeit als Profi gelernt. Oder ein anderes Beispiel: Bei mir gibt es keine Straftrainings, weil das vollkommen sinnlos ist. Ein Training macht aus körperlichen oder psychischen Gründen Sinn, aber nicht, weil ich böse auf die Mannschaft bin oder schlechte Laune habe. Ein Training um 6 Uhr in der Früh anzusetzen, nur um jemanden zu quälen, das gibt es bei mir nicht.