Köln - Souverän hat der 1. FC Köln als Aufsteiger die Klasse gehalten. Seit Manager Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger mit Augenmaß die Geschicke des Clubs leiten, läuft es rund beim FC. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Stöger über die gelungene Saison-Vorbereitung, die neue Offensiv-Stärke, Kritik an der Kölner Spielweise und den Standortvorteil Köln.

bundesliga.de: Herr Stöger, am vergangenen Wochenende hat der FC beim Colonia Cup phasenweise eine sehr gute Figur abgegeben. Entsprach das schon weitgehend Ihren Vorstellungen?

Peter Stöger: Die Spiele waren in Ordnung. Wahrscheinlich waren sie phasenweise sogar ziemlich gut, das stimmt. Das, obwohl wir munter durchgewechselt haben. Nach diesen beiden Tagen war das für mich das wichtigste: Dass viele Spieler auf sich aufmerksam machen konnten, und wir verschiedene Möglichkeiten haben. Sollte das im Wettbewerb ebenso funktionieren, wären wir hochzufrieden. Aber wir lassen uns nicht blenden. Wir wissen nicht, wie die Trainingsplanung bei den Engländern war, die körperlich sehr müde gewirkt haben. Und wie ernst die Spanier die Sache genommen haben, lässt sich ebenfalls nicht hundertprozentig bewerten. Nichtsdestotrotz war die Art und Weise wie wir gespielt haben das, was wir gerne sehen möchten.

bundesliga.de: Eine gute Figur abgegeben hat der FC schon in der vergangenen Saison, der ersten nach dem Wiederaufstieg. Muss der nächste Schritt sein, diese Leistung sogar zu toppen, oder wäre dieser Ehrgeiz der verkehrte Ansatz?

Stöger: Wenn man sich Ziele setzt, geht es nach allgemeinem Verständnis darum, das bisher Erreichte zu toppen. In unserem Fall müsste man aber erst einmal klären, was man toppen möchte: Die 40 Punkte, das Defensiv- oder das Offensiv-Spiel...

"Leistung stabilisieren, Team weiter bringen"

bundesliga.de: ...oder den Tabellenplatz...

Stöger: ...genau. Ich denke, dass wir für das erste Jahr in der Bundesliga gut aufgestellt waren. Wir haben es den Gegnern schwer gemacht gegen uns zu punkten. Für jeden Trainer muss der nächste Schritt sein, diese Leistung zu stabilisieren, die Mannschaft fußballerisch weiter zu bringen und einzelne Spieler weiterzuentwickeln. Wir sind überzeugt, dass wir mit den neuen Spielern unsere spielerische Qualität verbessert haben. Dennoch werden wir kaum 20 Punkte mehr erzielen. Das zu glauben wäre unrealistisch. Würde man so denken, könnte man sich fragen, welchen Anspruch der FC Augsburg in dieser Saison haben muss.

bundesliga.de: Sie haben in einem Interview betont, dass sich die Erwartungshaltungen von Fans und Club unterscheiden müssen. Ist dieser Spagat gerade in Köln sehr schwierig?

Stöger: Auch wir streben nach dem Höchsten. Nach dem Höchsten in unserer realistischen Einschätzung. In der Einschätzung der Fans ist der FC ein Club, der immer noch den Glanz vergangener Meisterschaften und großartiger Fußballer von internationalem Format versprüht. Und nicht wenige hoffen, dass der FC daran wieder anknüpfen kann. Das macht die Menschen in dieser Stadt aus. Deshalb kommen auch in der 2. Bundesliga 50.000 Fans ins Stadion, selbst wenn der Gegner auf dem Papier nicht so attraktiv ist. Dennoch habe ich mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass viele unsere Einschätzung teilen, dass hier mit Bedacht etwas entstehen könnte. Und weil sie um die unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen in der Bundesliga wissen, verstehen Sie auch, dass das nicht von heute auf morgen möglich ist.

bundesliga.de: Ist es nicht eine besondere Anekdote, dass mit Jörg Schmadtke und Ihnen erst ein Düsseldorfer und ein Wiener kommen mussten, um den Kölnern das verständlich zu machen?

Stöger: Alles, was häufig über diesen Verein gesagt wird, dass die Arbeit hier sehr schwierig sei, das Umfeld immer unruhig und die Presse besonders extrem, habe ich bis heute so nicht erfahren. Allerdings muss man festhalten, dass wir in den zwei Jahren, die ich beim FC bin, noch keine große Krise hatten. Zudem glaube ich, dass der aktuelle Prozess bereits länger im Gange ist und damit begonnen wurde, Leute wie Alexander Wehrle und Jörg Jakobs in verantwortliche Positionen zu holen. Auch Holger Stanislawski hat versucht die Strukturen zu verändern. Vielleicht wäre er einen ähnlichen Weg gegangen wie ich, hätte er sich nicht entschlossen auszusteigen. Ja, ich habe Ruhe im Club. Ich habe jegliche Unterstützung, in erster Linie von Jörg Schmadtke, aber auch vom Präsidium. Deshalb wäre es völlig falsch zu behaupten, dass ich der alleinige Heilsbringer gewesen bin.

"Destruktiv? – Das lassen wir an uns abperlen"

bundesliga.de: Sollten gewissenhafte Verantwortliche eines Proficlubs nicht grundsätzlich so arbeiten, dass potenzielle Nachfolger stets gute Arbeitsbedingungen vorfinden?

Stöger: Jörg Schmadtke sagt von sich selbst gerne, dass er nur eine "periphere Erscheinung" im Club ist (lacht). Und ein Trainer ist noch schneller ausgetauscht. Das, was im Rahmen des Umsetzbaren möglich ist, wird mir hier ermöglicht, und mehr geht eben nicht. Das ist für mich schon durch die Erfahrungen in Österreich völlig normal, und ich glaube, dass es mit dem, was wir umgesetzt haben, funktioniert. Sollte es nicht funktionieren, bleibt die Hoffnung, dass der nächste meine Ideen aufnehmen und mit seinen vereinbaren kann. In Österreich sagen wir "Das letzte, was ich möchte, ist verbrannte Erde zurückzulassen". Das betrifft Wirtschaftliches ebenso wie Zwischenmenschliches. Mir würde es jedenfalls nicht gefallen, dass am Ende des Tages alle mit großer Freude ums Lagerfeuer tanzen, weil ich endlich weg bin. Ich möchte, dass die Leute sagen "Leider hat es nicht mehr geklappt, deshalb mussten wir reagieren. Aber es ist sehr schade."

bundesliga.de: Ihre Mannschaft war mit der fünftbesten Defensive bisher sehr schwer zu schlagen. Kurioserweise hat der eine oder andere das Ihrem Team zum Vorwurf gemacht...

Stöger: Auch bei den Trainern der Spitzenclubs wird der FC noch immer als großer Club wahrgenommen, und einige namhafte Trainer haben sich darüber geärgert, dass wir versucht haben mit unseren Möglichkeiten ihr Spiel zu unterbinden. Dazu kann ich nur sagen, dass es definitiv nicht unsere Aufgabe ist gegen Spitzenclubs das Spiel zu gestalten und so ins offene Messer zu laufen. Ich bin der Meinung, dass alles, was im Rahmen der Fairness bleibt, legitim ist. Deshalb haben wir uns in der Mannschaft darauf verständigt, dass wir diese Kritik an uns abperlen lassen.

bundesliga.de: Aber wie sehr hat Sie geärgert, dass man eine sehr positive Leistung als ‚destruktiv’ ausgelegt hat?

Stöger: Betrachtet man die ganze Saison, bleibt am Ende des Jahres in jeder Berichterstattung übrig, dass wir die Klasse souverän gehalten haben: "Wunderbare Geschichte - Das, was vorgegeben wurde, hat der FC erreicht". Dazwischen aber wurde mal bekrittelt, dass wir nicht attraktiv spielen, mal, dass wir eine schlechte Heimbilanz-, mal, dass wir eine nicht so gute Auswärtsbilanz hätten. Da stellt sich doch die Frage, ob wir uns hinterfragen müssen oder das eine oder andere besser mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nehmen sollten. Und exakt das ist eine der Qualitäten dieses Clubs, dass man nicht alles auf die Goldwaage legt, was geschrieben wird. Immer mit dem Wissen, dass auch die Journalisten ihren Job machen und tagtäglich Geschichten bringen müssen.

"Lasse mich an diesem Kader messen"

© gettyimages / Christof Koepsel

bundesliga.de: Offensiv, wo es in der vergangenen Saison nicht immer rund lief, scheint der Kader jetzt besser besetzt und in der Lage den Gegner nicht nur physisch, sondern auch fußballerisch in Bedrängnis zu bringen...

Stöger: Wir haben mehr Möglichkeiten im Kader, und ich habe keine Angst davor, mich daran messen zu lassen. Wir haben über die vergangene Saison hinweg erkannt, an welchen Rädchen wir drehen müssen und welche Spielertypen dafür interessant sein könnten. Also haben wir eine Liste aufgestellt nach dem Prinzip ‚a, b, c, d, e’ und haben diese Spielertypen schließlich gefunden.

bundesliga.de: Vor allem haben Sie sie auch bekommen...

Stöger: Wir waren früh dran und haben uns Zeit für ausführliche Gespräche mit den Kandidaten genommen, die wir holen wollten. Überzeugt haben wir die Jungs mit der Aussicht auf Weiterentwicklung und auf die Möglichkeit in der Bundesliga Spielpraxis zu sammeln. Das alles an einem extrem interessanten Standort. Da hilft uns Köln sehr. Und es ist sehr reizvoll in diesem Stadion auflaufen und spielen zu können. Ich gebe zu, dass wir selbst ein ganz klein wenig überrascht waren, dass wir manche dieser Spieler holen konnten. Oder lassen Sie es mich so ausdrücken: Auch wenn ich bei einem Club wäre, der höhere Ansprüche hat als der FC, wäre der eine oder andere dieser Jungs auf meiner Liste gewesen.

bundesliga.de: Miso Brecko, den Sie erneut zum Kapitän gemacht haben, obwohl er zuletzt keinen Stammplatz hatte, war nicht mehr zu überzeugen. Sind Sie enttäuscht über seinen Wechsel nach Nürnberg?

Stöger: Ich finde es schade, bin aber nicht enttäuscht. Miso war hier ein sehr wichtiger Faktor. Er hat viel mitgemacht und sich doch immer wieder durchgesetzt, egal bei welchem Trainer, egal in welcher Liga. Auch in den beiden Jahren, in denen wir zusammengearbeitet haben, war er ein wichtiger Faktor. Aber ich akzeptiere, dass er sich angesichts eines Vertrages von nur noch einem Jahr Laufzeit für eine andere Aufgabe entschieden hat. Die EM im kommenden Jahr in Frankreich hat da sicher eine Rolle gespielt, weil er seiner Einschätzung nach in Nürnberg relativ garantiert regelmäßig zum Einsatz kommen kann und so größere Chancen auf die EM hat. Ich sehe hier aber noch einen Aspekt.

"Jeder hätte Helmes das Comeback gegönnt"

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bundesliga.de: Welchen, bitte?

Stöger: Ich glaube, dass die Spieler mitbekommen, dass wir bemüht sind eine Lösung zu finden und niemandem etwas verbauen wollen, wenn einer für sich entscheidet, dass er gerne etwas anderes machen möchte - immer vorausgesetzt, dass es wirtschaftlich seriös und für den Verein vertretbar ist. Das kann ein weiterer Weg sein, junge, wirklich gute Spieler bekommen zu können. Sie wissen, dass sie in Köln gefördert und weiter entwickelt werden. Wenn aber die Möglichkeit kommt, einen Karrieresprung machen zu können, wird man immer an einer gemeinsamen Lösung arbeiten.

bundesliga.de: Eine gemeinsame Lösung wurde auch für Patrick Helmes gefunden.

Stöger: Es ist sehr schade, weil wir gesehen haben, wie sehr Patrick darum gekämpft hat, es doch noch einmal zu schaffen. Wir haben ihn in der 2. Bundesliga geholt, mit dem Wissen, dass er den Unterschied ausmachen kann. Und das ist ihm in großen Teilen gelungen. Umso mehr hat jeder ihm gewünscht, dass es noch einmal klappt mit dem Bundesliga-Fußball. Leider hat sich herausgestellt, dass der Knorpelschaden im Hüftbereich keinen Profi-Fußball mehr zulässt. Trotzdem glaube ich, dass seine Rückkehr eine richtig gute Sache war. So konnte die alte Geschichte um den Wechsel nach Leverkusen, der viele Fans zwischenzeitlich sehr unglücklich gemacht hatte, aufgearbeitet werden. Und für uns war klar, dass wir ihn in den Verein einbauen möchten. Er wird zunächst einmal als Assistenztrainer bei der U21 arbeiten. In ein paar Monaten werden wir uns zusammensetzen und sehen, wie es ihm gefällt. Bisher scheint ihm die Arbeit großen Spaß zu machen.

"Kontinuität ist die Basis"

bundesliga.de: Vielleicht entwerfen Sie zum Schluss noch eine Vision für den FC. Es geht das Gerücht, dass ausgerechnet der Weg von Borussia Mönchengladbach Ihre Fantasie beflügeln würde...

Stöger: Gladbach hatte vor einigen Jahren eine sehr schwierige Phase. Aber man hat sich zurückgekämpft, hat seriöse, gute Arbeit gemacht und sich weiterentwickelt. Das, was die Leute dort geschafft haben, ist zu respektieren und durchaus nachahmenswert. Aber ich weiß selbstverständlich, dass ein Vergleich mit Gladbach den FC-Fans nicht so angenehm ist. Sollten sich die Augsburger nun über drei, vier Jahre oben in der Tabelle festsetzen, hätten die FC-Fans mit diesem Modell wohl weit weniger Probleme (lacht). Grundsätzlich geht es aber doch darum zu erkennen, dass man mit seriöser Arbeit und ein wenig Glück etwas auf die Beine stellen und weit kommen kann.

bundesliga.de: Wenn man Geduld hat...

Stöger: Es muss jedem klar sein, dass wir noch das eine oder andere Jahr brauchen werden, bis der FC vielleicht etwas Größeres auf die Beine stellen kann. Auch weil die wirtschaftliche Basis hier in dem Maße noch nicht gegeben ist. Umso wichtiger ist es, dass man weniger Fehler macht als jemand, der wirtschaftlich nachlegen kann. Kontinuität ist dafür die Basis. Und mit den Vertragsverlängerungen von Alexander Wehrle und Jörg Schmadtke ist die bei uns auf jeden Fall gegeben.

Das Gespräch führte Andreas Kötter