Woche für Woche eine neue Mauer hochziehen, die dann auch noch in ermüdender Regelmäßigkeit von anderen wieder eingerissen wird, das fördert auf Dauer beim Erbauer doch ziemlich die Langeweile.

Natürlich, diese Arbeit setzt ein gutes Maß an handwerklichem Geschick voraus, hat aber dennoch einen unbestreitbar einseitigen Charme. Da macht es doch viel mehr Spaß, selbst der Architekt zu sein, um mit Stift und Zirkel offensiv und aktiv den eigenen Erfolg zu skizzieren.

Einfach mal anders, einfach mal offensiv

Das jedenfalls wird sich auch Bojan Prasnikar in einer ruhigen Minute der zurückliegenden Winterpause gedacht haben. Vielleicht bei einem Guten Glas "Grande Cuvée Certeze" aus der slowenischen Heimat. Vielleicht rund um Weihnachten, als die Besinnlichkeit trübe Alltagsgedanken verscheuchte, Probleme sich auf einmal aus anderen Perspektiven betrachten ließen und der entspannte Geist, befreit von Hektik und Zeitdruck, mit Leichtigkeit eine Lösung fand.

Die Lösung des Problems der mangelnden Tor- und Punkteausbeute klingt simpel und attraktiv. Prasnikar fordert nun: Jungs, mehr Mut im Offensivspiel! Cottbus startete wie verwandelt ins neue Jahr. Zwar war der Hochgeschwindigkeitsfußball aus dem Kraichgau für die neuen Lausitzer Ansprüch noch etwas zu flott. Aber nach dem 0:2 in Hoffenheim wurden die offensiven Vorgaben des Trainers beim 3:1 gegen Hannover bereits zielführend umgesetzt. Beim anschließenden 1:1 in Dortmund registrierte auch Premiere-Experte Stefan Effenberg bislang unbekannte Ansätze von Spielfreudigkeit: "Cottbus war gut und frech - das haben sie sich richtig verdient!"


Wer nicht trifft, der nicht gewinnt

Prasnikar vertraut auf Bewährtes, wenn er erklärt: "Ich muss den Spielern nicht sagen, dass sie kämpfen sollen, oder dass sie ihre Leistung abrufen müssen." Aber er fordert auch Neues: "Bei Ballbesitz müssen wir schneller und mutiger nachrücken, sowohl das Mittelfeld als auch die Außenverteidiger. Nur so schaffen wir Überzahlsituationen." Und in diesen sollen Torchancen erarbeitet werden: "Wer nicht aufs Tor schießt, kann keinen Treffer erzielen. Zu oft wählen wir noch den komplizierten Weg, statt des direkten zum Tor", moniert der Coach.

Und seine Spieler scheinen ihn zu verstehen. Energie strahlt nun auf einmal so etwas wie Torgefahr aus und spielt plötzlich recht ansehnlichen Fußball. Natürlich ist Prasnikars neue Taktik, bei der Energie gegen Bremen gleich mit drei Spitzen operierte, laufintensiver als das tradierte Cottbuser Spiel der Vergangenheit. Aber so ist das nun mal, wenn man sich entschließt, zukünftig doch einfach mal häufiger in des Gegners Hälfte vorbeizuschauen.

Energie entzerrt das Spiel

Ervin Skela und Ivica Iliev profitieren im Mittelfeld von der Neuausrichtung. Sie haben nun mehr Freiheiten im Angriffsspiel und nutzen diese auch mit beinahe kindlicher Lust auf offensive Abenteuer. Der Albaner und der Serbe sind die Top-Vorlagengeber der Lausitzer. Durch das erhöhte Spieltempo reißen die schnellen Offensivspieler Stanislav Angelov, Emil Jula und vor allem Dimitar Rangelov Löcher, in die Skela und Iliev ihre Pässe stecken.

Natürlich ist die Cottbuser Verwandlung nicht derart weit fortgeschritten, dass Energie Spiel und Gegner von Anfang bis Ende seinen Stempel aufdrücken könnte. Die Elf von Bojan Prasnikar hat es mitnichten verlernt, tief zu stehen und ab und an wieder mal ein kleines Mäuerchen hochzuziehen. Aber Cottbus ist nun variabler. "Ob nominell mit einem oder zwei Sechsern, mit einem oder zwei Stürmern - wichtig ist nur, dass alle mitmachen bei Balleroberung und bei Ballverlust, dass jeder seine Aufgabe erfüllt", erklärt Prasnikar.

Aktion plus Reaktion

Aus dem kompakten Defensivverbund kontern die Brandenburger gerne überfallartig und äußerst gefährlich über die Flügel. Dieses Konterspiel ist für Cottbus nicht unbedingt neu, hat aber eine neue, effektivere Qualität, wie Werder Bremen leidvoll erfahren musste.

Im Spiel gegen die Hanseaten zeigte Energie zudem eine zusätzliche Weiterentwicklung. Sie spielten mit, agierten, statt nur zu reagieren. Cottbus scheint selbstbewusster geworden zu sein, belegt nun mit sieben Punkten aus vier Spielen Platz 4 der Rückrundentabelle.

Schaaf hat's geahnt

Als Thomas Schaaf im Vorfeld des 21. Spieltags daran appellierte, den Tabellen-Sechzehnten nicht zu unterschätzen, war dies in der Tat wohl eher düstere Vorahnung als freundliches Understatement: "Sie sind sehr zweikampfstark, einsatzwillig, haben eine hohe Laufbereitschaft und arbeiten sehr diszipliniert nach hinten", zählte Bremens Trainer zunächst die bekannten Cottbuser Wesenszüge auf, ehe er die neuen benannte: "Sie haben aber auch ihren Spielfluss verbessert. Sie haben einige gute Fußballer in ihren Reihen, Cottbus wird uns alles abverlangen."

Vielleicht ist diese Entwicklung in der Lausitz auch nur eine logische Konsequenz. Eine endlich gereifte Erkenntnis aus der saisonübergreifenden sportlichen Stagnation heraus: Wer andauernd nur im Keller mauert, erreicht mit dieser Bauweise nur schwerlich das Erdgeschoss, geschweige denn den nächsten Stock. Energie-Architekt Prasnikar scheint das erkannt zu haben.

Michael Wollny