München - Totenstille legte sich über weite Teile der Allianz Arena. Nur in einer oberen Ecke des riesigen Runds gab es ein Häuflein schwarz-blau gekleideter Fans, das mit einem kollektiven Aufschrei aus der Ferne zu hören war. Soeben hatte Goran Pandev in der 87. Minute den 3:2-Siegtreffer gegen den FC Bayern München erzielt - und die meisten Zuschauer in eine Art Schockstarre versetzt.

"Es war ein Stich ins bayerische Herz", formulierte Bayerns Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge treffend. Und das Messer bohrte sich deshalb so tief in die Brust, weil sich der "Lucky Punch" der Gäste lange Zeit nicht angekündigt hatte: Dass nämlich die Münchner im Champions-League-Achtelfinale an diesem Gegner scheitern würden, konnte eine halbe Stunde zuvor getrost noch ausgeschlossen werden.

Bruch nach Robbens Auswechslung

Der deutsche Rekordmeister hatte die "Nerazzurri" trotz des frühen Rückstands bis zur 60 Minute in Grund und Boden gespielt. Die Treffer von Mario Gomez (21.) und Thomas Müller (31.) spiegelten nur unzureichend die Überlegenheit der Bayern wider, die mit traumhaften Kombinationen und einer Vielzahl an hochkarätigen Torchancen eigentlich schon vor der Pause den Haken hinter dieses Duell setzen mussten.

"Wir müssen in der ersten Halbzeit schon 4:1 führen", sagten Arjen Robben und Gomez unisono nach dem Abpfiff - als sich der Ärger über das unnötige Ausscheiden noch längst nicht gelegt hatte. Denn letztlich hatten es sich die Gastgeber selbst zuzuschreiben, dass auch der letzte Titel in dieser so verkorksten Saison leichtfertig verspielt wurde. "Wir machen immer dieselben Fehler. Man kann vorher über die Fehler reden, aber man muss dann auch etwas auf dem Platz zeigen", ärgerte sich der Niederländer, nach dessen Auswechslung in der 67. Minute ein Bruch ins Bayern-Team kam.

"Das darf uns nicht passieren"

Und auch Bastian Schweinsteiger legte den Finger in die Wunde: "Der Trainer gibt es vor, sagt, wie der Gegner steht. Aber wir machen es einfach nicht. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Jeder muss offensiv, aber jeder auch defensiv denken." Doch genau daran haperte es in der Schlussphase, als Inter nach dem unverhofften Ausgleich durch Wesley Sneijder (63.) Oberwasser bekam und bei den Münchnern im gleichen Maße die Angst vor dem Scheitern langsam nach oben kroch.

Fortan schlichen sich zunehmend Unsicherheiten in die Defensive der Bayern ein, während der Offensivdrang gleichzeitig abebbte. " Das darf uns nicht passieren, auch wenn der 2:2-Ausgleich natürlich ein Schock war - trotzdem waren wir zu dem Zeitpunkt noch in der nächsten Runde. Wir müssen mit breiter Brust weiterspielen und dürfen nicht einbrechen. Das ist aber leider passiert", lamentierte Gomez.

"Inter war keine gute Mannschaft"

Dabei war auch dem Stürmer durchaus bewusst, dass es kaum eine bessere Möglichkeit zur Revanche für die Finalniederlage von Madrid gegeben häte. "Inter war heute keine gute Mannschaft - sondern ein Team, das immer ein Stück weit auf ihr Glück gehofft hat."

Dass die Italiener jedoch überhaupt dieses Glück für sich in Anspruch nehmen konnten, hatte sich die Mannschaft von Cheftrainer Louis van Gaal selbst zuzuschreiben. "Wir haben in der Halbzeit schon gesagt, dass man kompakt bleiben muss. Wenn wir das nicht machen, dann wird es schwierig. Ich denke, dass wir Fehler gemacht und zu einfach diese Gegentore bekommen haben", monierte der niederländische Coach.

"Unfassbar, dass wir gegen Inter Mailand noch ausscheiden", brachte es Schweinsteiger auf den Punkt. So unfassbar, dass die Wunden nach dem "Stich ins bayerische Herz" wohl noch lange nachbluten werden. Die Stille in der tiefschwarzen Nacht lieferte ein eindrucksvolles Zeugnis davon.

Aus der Allianz Arena berichtet Johannes Fischer