Frankfurt - Stefan Reinartz ist das, was man gemeinhin eine treue Seele und einen klugen Kopf nennt. 16 Jahre Bayer 04 Leverkusen stehen für die erste, ein Fernstudium der Psychologie belegt die zweite Aussage. Vor dieser Saison aber war es dennoch Zeit für eine Veränderung. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Reinartz über die Gründe für seinen Wechsel zu Eintracht Frankfurt, über die schwankenden Leistungen der Hessen und über das rasche Wiedersehen mit seinem Ex-Club an diesem Wochenende.

bundesliga.de: Herr Reinartz, wenn die Eintracht am Samstag Bayer Leverkusen empfängt, werden Sie zum ersten Mal gegen Ihre ehemaligen Kollegen antreten. Regt sich da der Fußball-Romantiker in Ihnen?

Stefan Reinartz: Ja, ein wenig schon. Ich war sehr, sehr lange in Leverkusen und spiele am Samstag zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder gegen Bayer. Damals haben wir in der E-Jugend mit Bergisch Gladbach mit 0:10 deutlich von Bayer auf die Mütze bekommen. (lacht) Bei den Senioren treffe ich das erste Mal überhaupt auf Bayer.

bundesliga.de: Was war nach so langer Zeit der Grund, diesen sicheren Hafen zu verlassen?

Reinartz: Es gibt Menschen, die dann doch noch einmal etwas anderes kennenlernen wollen. (schmunzelt) Natürlich habe ich mich bei Bayer sehr wohlgefühlt, wie ich mich überhaupt im Rheinland sehr wohl fühle. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, irgendwann durch eine Veränderung neue Reize zu setzen.

"Eintracht ist ein Club mit großer Strahlkraft"

bundesliga.de: Was hat den Reiz der Eintracht ausgemacht, immerhin soll es auch andere Angebote - etwa aus England - gegeben haben?

Reinartz: Zum einen wollte ich nicht allzu weit weg von Freunden und Familie, zum anderen ist die Eintracht ein Club von sehr großer Strahlkraft und mit großer Power auch rund um den Club. Zudem habe ich gehofft, dass ich hier auf eine Mannschaft treffe, in die ich mich schnell einfinde, und damit eine hohe Wahrscheinlichkeit habe, regelmäßig auf dem Platz zu stehen.

bundesliga.de: Kann man den Schritt von einem Club, der meist zur erweiterten Spitze zählt, zu einem, der aktuell eher im Mittelfeld steht, auch als Rückschritt sehen?

Reinartz: Das lässt sich unter sportlichen Gesichtspunkten wohl nicht ganz wegdiskutieren. Wobei ich dennoch glaube, dass ich den sportlichen Rückschritt eher schon ein Jahr zuvor gemacht habe, als ich nach vier, fünf Jahren als Stammspieler bei Bayer zu einem Spieler wurde, der in der vergangenen Saison nur noch ab und zu auf dem Platz gestanden hat. Deshalb sehe ich den Schritt zur Eintracht für mich ganz persönlich nicht als Rückschritt, sondern sogar als einen Schritt nach vorne.

"Nicht aus allen Wolken gefallen"

bundesliga.de: Waren Sie schockiert, dass statt Thomas Schaaf, der Sie unbedingt verpflichten wollte, plötzlich Armin Veh der Trainer war?

Reinartz: Nicht so sehr, weil ich keinen Vertrag bei Thomas Schaaf unterschrieben habe, sondern bei Eintracht Frankfurt. Aber es stimmt schon, dass die Entwicklung ein Stück weit überraschend war. Trotzdem bin ich nicht aus allen Wolken gefallen, weil sich dieses Szenario medial ein wenig angedeutet hatte. Damit muss man als Spieler ohnehin immer rechnen.

bundesliga.de: Zurück zum Samstag: Die Eintracht und Bayer trennt in der Tabelle nur ein Sieg...

Reinartz: Dass wir zu diesem Zeitpunkt drei Punkte auseinanderliegen, hätte ich vor der Saison gerne unterschrieben - wenn beide Teams vier, fünf Punkte mehr auf dem Konto hätten. Sowohl Bayer als auch die Eintracht haben wohl eine etwas bessere bisherige Punktausbeute erwartet. Sorgen mache ich mir um Bayer aber ganz bestimmt nicht. Ich weiß wie gut dort gearbeitet wird, so dass Bayer am Ende der Saison eine gute Platzierung erreichen wird.

"Leistungsschwankungen in beide Richtungen"

© gettyimages / Michael Titgemeyer

bundesliga.de: Und die Eintracht, die mit einer enormen Bandbreite an Leistungen - vom grandiosen 6:2 gegen Köln bis zum 0:2 in Ingolstadt - ihrem Ruf als launische Diva wieder einmal gerecht zu werden scheint?

Reinartz: Das muss man wohl so sehen. Wir hatten tatsächlich relativ große Leistungsschwankungen in alle Richtungen und stehen deshalb in der Tabelle ein wenig zwischen Baum und Borke. Es ist uns bisher einfach nicht gelungen, jede Woche eine gute Mannschaftsleistung abzurufen.

bundesliga.de: Haben Sie dafür schon eine Erklärung?

Reinartz: Die Erklärungsansätze, die wir nutzen wollen, um es möglichst besser zu machen, halten wir ein Stück weit intern. Es würde doch wenig Sinn machen, drei Tage vor dem nächsten Spiel Lösungen hinauszuposaunen, von denen der Gegner wohl nur allzu gerne erfahren würde.

"Fressen wieder weniger Gegentore"

bundesliga.de: Wieder besser läuft es, seitdem die Mannschaft auf dem Platz buchstäblich enger zusammengerückt ist, wie etwa beim Punktgewinn gegen die Bayern...

Reinartz: Ja, das kann man so stehen lassen. Seit zwei, drei Wochen ist unser Spiel ein Stück weit defensiver ausgerichtet ist - und seitdem fressen wir deutlich weniger Gegentore. Mit einer derartigen Ausrichtung ist es möglich, selbst gegen die Bayern zu null zu spielen. Und das gibt der Mannschaft gleichzeitig wieder mehr Sicherheit auch für das Spiel nach vorne.

bundesliga.de: Wie sähe denn Ihre persönliche Lieblingstaktik aus?

Reinartz: Alles, was Punkte bringt, ist grundsätzlich legitim. Wenn ich mir aber eine Variante aussuchen dürfte, käme das, was aktuell Borussia Dortmund spielt, oder das, was in der vergangenen Saison Borussia Mönchengladbach unter Lucien Favre gezeigt hat, meiner Idealvorstellung vom ästhetischen Spiel schon sehr nahe. Diese Art Fußball macht mir immer noch am meisten Spaß.

bundesliga.de: Noch ein kurzer Ausflug neben den Platz: Sie absolvieren ein Fernstudium der Psychologie. Hat Ihnen das schon Erkenntnisse für das tägliche Leben als Profi gebracht?

Reinartz: Es stimmt, dass ich Psychologie studiere. Seit dem Grundstudium, das etwa ein Drittel ausmacht, liegt das Studium zurzeit aber auf Eis. Allerdings habe ich mir vorgenommen, bis zum Ende meiner Profi-Laufbahn auch die weiteren zwei Drittel durchgezogen zu haben. Was den Nutzen für den Fußball betrifft: So nah liegen Theorie und Praxis dann doch nicht beisammen. Natürlich gibt es - ähnlich wie beim Medizin-Studenten, der dauernd irgendwelche Krankheitssymptome bei sich zu entdecken glaubt - Situationen, in denen sich die Welt wiederfinden lässt in den Theorien. Bis man aber tatsächlich konstruktiv aus diesen Theorien etwas ableiten kann, das bleibt ein sehr weiter Weg.

Das Gespräch führte Andreas Kötter