Stuttgart/München - Wenn der Herbst ins Ländle einzieht, stehen in Stuttgart traditionell ungemütliche Zeiten an - nicht nur, wenn es um ein unterirdisches Bahnhofsprojekt geht. Denn mit Westwind, Nebelschwaden und Laubfall ging in den letzten Jahren immer auch der rasante Leistungsabfall des VfB einher.

In der aktuellen Saison sind die Schwaben drauf und dran, zum dritten Mal in Folge eine indiskutable Hinrunde abzuliefern. Und wieder - wie in den beiden vergangenen Spielzeiten zuvor - reagierte der VfB auf den Negativlauf mit einer Trainerentlassung. Christian Gross, im Sommer noch als Held gefeiert, musste ebenso gehen wie in den Jahren zuvor Armin Veh und Markus Babbel.

"Es wurden Dinge zu spät verändert"

Das Kuriose dabei: Allen drei Trainern ist gemeinsam, dass sie nach einer hervorragenden Rückrunde in der darauf folgenden Spielzeit mit dem VfB regelrecht abstürzten. Doch gibt es handfeste Gründe für das die herbstliche Schwächeperiode der Stuttgarter, die regelmäßig in einer Trainerentlassung gipfeln?

Für VfB-Idol Guido Buchwald spielen wiederkehrende Faktoren jedenfalls keine Rolle. "Die Mannschaft verändert sich ja im Laufe der Zeit. Wenn man den Kader von dieser Saison mit dem von vor drei Jahren vergleicht, dann sieht man viele Veränderungen. Ein Khedira, ein Gomez oder ein Lehmann sind jetzt zum Beispiel nicht mehr dabei. Von daher denke ich nicht, dass das Team den Weckruf eines Trainerwechsels benötigt", so der ehemalige Nationalspieler im Interview mit bundesliga.de: "Eher sind es mannschaftsinterne Dinge, die zu spät verändert werden. Es gibt in der aktuellen Saison zum Beispiel keine Hierarchie beim VfB - und demzufolge keine Harmonie auf dem Platz."

Alles nur Zufall also? bundesliga.de wollte es genau wissen und sucht nach Ursachen für dieses ungewöhnliche Phänomen.

Markus Babbel startet durch

Begonnen hatte die beängstigende Serie mit der Beurlaubung von Armin Veh, der in der Saison 2008/09 nach dem 14. Spieltag seinen Hut nehmen musste. Auf Platz 11 stand der VfB damals, hatte 18 Punkte gesammelt und 19 Tore erzielt. Sicherlich keine desaströse Bilanz - doch nach dem Gewinn der Meisterschaft eineinhalb Jahre zuvor waren die Ansprüche im Schwabenland ganz andere.

Mit Babbel übernahm ein Trainerneuling das Zepter, startete gleich durch und führte den VfB auf einen eindrucksvollen 3. Platz. Unter der Regie des jungen Coaches fuhr Stuttgart in 20 Spielen 46 Zähler ein und stellte das zweitbeste Team in der Rückrunde.

Hauptmerkmal der Wende zum Positiven war die konsequentere Verwertung von Torchancen. Konnten die Schwaben unter Veh nur elf Prozent ihrer Möglichkeiten ausnutzen (Platz 15), zeigte das Team unter Babbels Regie wesentlich größere Nervenstärke. Der neue Trainer steigerte den Wert in der Rückrunde auf 17 Prozent und lag damit im Bundesliga-Vergleich auf Platz 3.

Das Murmeltier grüßt im Herbst

Doch anstatt sich auch in der folgenden Spielzeit auf ihre Tugenden zu besinnen, knickte die Leistungskurve radikal ab - und vor dem Tor begann wieder das große Nervenflattern. Lediglich sieben Prozent der Chancen verwertete das Team in der Saison 2009/10 unter der Regie von Babbel. Nachdem der VfB am 15. Spieltag erst zwei Siege eingefahren hatte und auf Platz 16 abgestürzt war, zogen die Verantwortlichen die Reißleine und wechselten erneut den Trainer.

Mit Christian Gross heuerte dieses Mal ein erfahrener Coach am Neckar an, der - ähnlich wie Babbel im Jahr davor - gleich eine beeindruckende Serie hinlegte. Nach einem 1:1 in Mainz feierten die Stuttgarter fünf Siege in Folge und verabschiedeten sich vom Abstiegskampf.

Am Ende der Saison schafften die Schwaben mit Platz 6 den Einzug in die Europa League, denn Gross holte in den verbleibenden 19 Spieltagen sagenhafte 43 Punkte. Nebenbei wurde der VfB bestes Rückrundenteam - trotz der Aufholjagd des FC Bayern Richtung Titelgewinn.

Ein Kantersieg, sechs Niederlagen

Der Schlüssel zum Erfolg? Mit dem neuen Trainer hatte das Team die Kaltschnäuzigkeit zurückgefunden und münzte 17 Prozent aller Chancen in Tore um. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Zwölf Tore schoss man unter Babbel, 39 Tore unter Gross. Dagegen war die Abwehr auch schon vor dem Trainerwechsel stabil: 21 Gegentore unter Babbel standen 20 Gegentore unter Gross gegenüber.

Doch wie von Zauberhand löste sich die Treffsicherheit der Schwaben erneut in der Sommerpause auf. Bis auf den 7:0-Kantersieg gegen Mönchengladbach, der die Chancenverwertung auf bislang 15 Prozent hochtrieb, überboten sich die VfB-Stürmer im Auslassen von hochkarätigen Möglichkeiten. Dadurch ging zum dritten Mal in Folge der Saisoneinstand in die Hose - und dieses Mal gründlich. Sechs Niederlagen in sieben Spielen, das war dem VfB zuletzt in der Abstiegssaison 1974/75 passiert.

Angesichts dieser horrenden Bilanz warteten die Stuttgarter Entscheidungsträger nicht bis kurz vor der Winterpause, sondern vollzogen den dritten Trainerwechsel schon im Oktober. Jetzt also soll mit Jens Keller zum dritten Mal in Folge ein neuer Coach die Wende bringen. Damit der VfB seinen Aufholjagd beginnt, bevor die ersten Schneeflocken im Schwabenland rieseln.

Johannes Fischer