Hamburg - Mit einem gellenden Pfeifkonzert wurden die Spieler des Hamburger SV nach dem 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach am 34. Spieltag der vergangenen Saison in die Sommerpause verabschiedet. Dass es nach dem 0:1 gegen den gleichen Gegner am vergangenen Samstag nur vereinzelt zu Unmutsbekundungen kam, verwunderte den neutralen Betrachter schon ein wenig.

Denn der HSV ist so schlecht in die Saison gestartet wie noch nie zuvor in der Vereinsgeschichte. Lediglich 1972/73 stand bei fünf Niederlagen ebenfalls nur ein Remis zu Buche. Das Torverhältnis war aber etwas besser.

"Stehen mit dem Rücken zur Wand"

Die Fans wissen nicht, ob sie der neustrukturierten Mannschaft die Talfahrt übel nehmen sollen oder nicht und sind mehr oder weniger sprachlos. Der Trainer auch. "Wenn man von sechs Spielen fünf verliert, fehlen mir natürlich die Argumente", erklärt ein sichtlich enttäuschter Michael Oenning nach der Pleite.

Heiko Westermann stand der Frust ebenso ins Gesicht geschrieben. "Jetzt ist es zappenduster, jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Wir haben noch kein Spiel gewonnen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen", sagte der Kapitän der "Rothosen".

Probleme mit ruhende Bällen

Dabei sind die Gründe für die Misere offensichtlich. Da ist zum Beispiel das desolate Abwehrverhalten bei Standardsituationen. Gleich acht Treffer kassierten die Hamburger nach einem ruhenden Ball - je vier nach Eck- und Freistößen. Das "Goldene Gegentor" gegen die Elf vom Niederrhein resultierte ebenfalls aus einem Freistoß, bei dem der nicht gerade als Kopfball-Ungeheuer bekannte Heung-Min Son den Torschützen Igor de Camargo sträflich aus den Augen ließ.

"Es ärgert mich maßlos, dass wir das Gegentor wieder durch einen Standard bekommen haben", analysierte Oenning. Mehr noch echauffierte sich der 45-Jährige darüber, dass es "meine Mannschaft nicht geschafft hat, das Spiel nach dem Rückstand zurückzuholen." Aber wie auch. Dafür fehlt es dem Bundesliga-Dino, der als einzige Mannschaft von Beginn an in der Bundesliga vertreten ist, derzeit einfach an Führungsspielern. Jeder ist zu sehr mit sich und seiner eigenen Leistung beschäftigt.

Zwar hatte Oenning versucht, mit einer defensiven Aufstellung die nötige Sicherheit ins Spiel der Hausherren zu bringen. Doch dieser Gedanke fiel, wie schon in Bremen, deutlich zulasten des Offensivspiels, das zumindest in der ersten Halbzeit gar nicht stattfand. Magere zwei Torschüsse wurden abgefeuert. Stürmer Mladen Petric, dem man dank seiner Torjägerqualitäten noch am ehesten zutraut, die Wende zum Guten einzuleiten, resignierte nach dem Schlusspfiff schon fast: "Wir erzählen immer das Gleiche, Woche für Woche, aber es passiert immer wieder. Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll."

Son und Töre als Hoffnungsträger

Doch es gab auch kleine Leuchtfeuer in den dunklen Tagen im Volkspark. Die Youngster Son und Gökhan Töre, die zu Beginn noch auf der Ersatzbank saßen, haben ihre Spielfreude scheinbar noch nicht verloren. Nach ihrer Einwechslung brachte sie Leben in das Spiel des HSV, die Hausherren waren dem Tor da eigentlich näher als die Gäste.

Am Freitag reisen die Hamburger nach Stuttgart zum VfB. Es gibt sicherlich einfachere Aufgaben. In der vergangenen Saison ging der Bundesliga-Dino dort mit 0:3 unter. Keine rosigen Aussichten. Aber gerade dann schreibt der Bundesliga-Fußball ja immer die besten Geschichten.

Aus Hamburg berichtet Michael Reis