Der grandiose Xavi fiel "Wildschwein" Carles Puyol um den Hals, die Presse feierte die "Geburt eines neuen Spaniens", und sogar Vicente Del Bosque war kurz im siebten Himmel.

"Die Jungs haben einfach nur fantastisch gespielt", sagte der sonst so zurückhaltende Trainer, nachdem seine Europameister mit Fußball in Vollendung Deutschlands Reise zum vierten Stern beendet und Spanien zum ersten Mal in ein WM-Finale geführt hatten.

Ein entschlossener Puyol

Doch ausgerechnet der umjubelte Schütze des goldenen Tores zum 1:0 (0:0) in Durban wollte von "Viva Espana" nichts hören. Carles Puyol schüttelte nach dem Schlusspfiff schnell alle Gratulanten ab, befreite sich aus einer riesigen Jubel-Traube und verschwand ein paar Schulterklopfer später mit entschlossenem Blick in den Katakomben des Moses-Mabhida-Stadions. Die Botschaft des Leitwolfes war eindeutig: Das war noch nicht das Ende, im Finale wartet Holland.

Selbst das Reden überließ der Abwehrchef zunächst lieber anderen, als er die Journalisten mit einem dreifachen "Adios" links liegen ließ. "Dies ist ein historischer Moment in der Geschichte unseres Landes, und dieses Team hat ihn sich verdient", sagte Mittelfeldstratege Xavi und schwenkte dann ganz auf Puyols Linie ein: "Aber jetzt wollen wir auch Weltmeister werden."

"Wie ein junges Wildschwein"

Doch der Moment war einfach zu schön, um nach der "Fußball-Lektion für Deutschland" ("AS") zur Tagesordnung überzugehen und sofort an das große Finale gegen Arjen Robben und Co. am Sonntag zu denken. "Das war großartig", sagte Xabi Alonso mit glänzenden Augen und lobte lachend seinen 32 Jahre alten Abwehrchef für dessen wuchtigen Kopfballtreffer in der 73. Minute: "Wir hatten zehn Minuten am Stück vergeblich ihren Strafraum belagert, doch dann kam Puyol wie ein junges Wildschwein und traf."

Torjäger David Villa, nach der WM neuer Teamkollege von Puyol beim FC Barcelona, verfrachtete den langmähnigen Routinier lieber ins nasse Element: "Puyol, der Hai, hat uns ins Finale geführt!"

Nah an der Perfektion

Del Bosques Fazit fiel ernsthafter, aber nicht weniger überschwänglich aus. "Wir streben nach dem besten Fußball: Den Ball erobern, den Ball kontrollieren, möglichst 90 Minuten lang. Meine Spieler haben diesen Job in beeindruckender Art und Weise erledigt", sagte der Coach.

Und auch Xavi sah sich und die Mannschaft nahe an der Perfektion: "Wir haben Leichtigkeit auf dem Platz verspürt. Das ist das, wonach wir immer suchen. Ich bin sehr glücklich." Sein kongenialer Mittelfeldpartner Andres Iniesta sprach genussvoll von "perfekten Momenten auf dem Spielfeld".

Das schwindelerregende Passspiel der Roten Furie und der erstmalige Einzug ins WM-Finale rissen ganz Spanien zu Begeisterungsstürmen hin. Direkt nach dem Schlusspfiff stürmten jubelnde Fans in Barcelona die Ramblas, in Madrid brachen auf dem Fanfest am Bernabeu-Stadion alle Dämme. Selbst auf Mallorcas Ballermann erkannten Tausende deutsche Touristen die erdrückende Übermacht des Gegners an.

Lob von den Medien

Die Zeitungen übertrafen sich gegenseitig mit Superlativen. "Es war der beste Fußball. Spanien spielt Deutschland schwindelig", schrieb "El Mundo Deportivo", und "El Pais" meinte: "Es gibt nichts zu kritisieren. Ein neues Spanien ist geboren."

"Superdeporte" fühlte sich an das 1:0 im EM-Finale vor zwei Jahren erinnert und bemerkte genüsslich, dass das "gefürchtete Deutschland wieder über denselben Stein stolpert". "Marca" schickte eine vorsichtige Warnung hinterher: "Nur Holland trennt uns vom Ruhm. Dieser Titel darf uns nicht entrinnen."

In Durban kehrte ein lächelnder Del Bosque kurz vor Mitternacht zur Sachlichkeit zurück: "Wir haben noch ein Spiel zu spielen, und der Gegner ist stark."