So haben die Spanier ihre Monarchin wohl noch nie gesehen. Doch an diesem historischen Abend, da konnte auch Königin Sofia nicht mehr an sich halten.

Als Andres Iniesta in der 116. Minute des Endspiels der WM in Südafrika das Siegtor erzielte, als der Straßenkampf auf dem Rasen kurz darauf zu Ende war, riss die als eher steif und spröde bekannte Blaublüterin die Arme in die Höhe und hüpfte sogar ein wenig.

"Ein Traum ist wahr geworden"

Dann eilte sie von der Tribüne, um ihren Fußball-Königen auf Augenhöhe zu huldigen, während daheim in Spanien Hunderttausende den ersten WM-Titel der "Furia Roja" feierten.

"Die Weltmeisterschaft hat eine der besten Mannschaften aller Zeiten gekrönt", behauptete die Sporttageszeitung "Marca" nach dem 1: 0 (0:0, 0:0) nach Verlängerung gegen die Niederlande.

In der Tat: Erst als dritte Mannschaft nach Deutschland und Frankreich darf sich die spanische Auswahl zugleich Weltmeister und Europameister nennen. Als erste Mannschaft aus Europa gewann diese menschgewordene und perfekt funktionierende Ballzirkulationsmaschine den goldenen Weltpokal bei einem Endturnier außerhalb des Alten Kontinents. "Ein Traum ist wahr geworden", schrieb die Zeitung "El Pais".

Nur Ansätze von "Tiqui-Taca"

"Die Weltmeisterschaft zu gewinnen, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Wir haben vor langer Zeit unseren Weg begonnen, wir mussten hart arbeiten, wurden aber dafür belohnt", sagte Torschütze Iniesta.

Die Spanier waren dran, ebenso wie vor zwei Jahren, als sie in Wien das EM-Finale gegen Deutschland gewannen (1:0). "Wir haben einfach die erfolgreiche Arbeit fortgesetzt. Wir brauchten nur ein paar neue Spieler in die Mannschaft zu bringen, um das Team aufzufrischen", erklärte Trainer Vicente Del Bosque und betonte: "Diese Mannschaft umgibt eine besondere Ausstrahlung - die bleibt bestehen."

In erster Linie besteht die spanische Nationalmannschaft aus Spielern des FC Barcelona - sieben standen anfänglich auf dem Platz, neben Iniesta auch der geniale Xavi. Allerdings: Das "Tiqui-Taca", das dominante, kaum zu stoppende Passspiel, war im Stadion "Soccer City" von Johannesburg nur in Ansätzen zu sehen. Die Niederländer hielten nach einer guten spanischen Anfangsphase mit Härte dagegen, danach ließen sich die Ballkünstler des Europameisters in eine hässliche, wenig unterhaltsame Auseinandersetzung verwickeln, die bisweilen an eine Rauferei unter Halbstarken erinnerte.

Robben: "Ich bin sehr traurig"

Doch Schönheitspreise hatten die Spanier schon viel zu oft gewonnen. "Das einzige, was in Endspielen zählt, ist, sie auch zu gewinnen", sagte Mittelfeldspieler Xabi Alonso. Das hatten sich die Niederländer wohl auch so ähnlich gedacht.

In den Endspielen 1974 in Deutschland und 1978 in Argentinien unterlagen sie jeweils gegen die Gastgeber - obwohl sie besser waren. Diesmal waren sie schlechter - und hätten doch gewinnen können, wenn nicht müssen: Zweimal rannte Arjen Robben alleine auf Spaniens Torhüter Iker Casillas zu, doch beide Male erreichte der Ball nicht das Netz (62. /83.).

"Ich bin sehr traurig", sagte Robben, "es tut unheimlich weh, vor allem, wenn ich an meine erste Chance denke, die ich vergeben habe." Da schoss der Angreifer von Bayern München fast unbedrängt Casillas den Ball an den Fuß. Beim zweiten Sturmlauf wurde er auf dem Weg zum Tor von Carles Puyol aber in Catcher-Manier beinahe zu Boden gerissen. "Da hätte man Puyol vom Platz stellen müssen", sagte Robben. Doch runter musste nur sein Mitspieler John Heitinga (109., Gelb-Rot). Dazu gab es 13 Gelbe Karten, Rekord für ein WM-Finale. Acht Gelbe sahen die Niederländer, fünf die Spanier.

Könige der Minimalausbeute

Die Niederländer schimpften naturgemäß auf Schiedsrichter Howard Webb aus England, doch allen voran Robben vergaß auch nicht, die Qualität des neuen und insgesamt achten Fußball-Weltmeisters der Geschichte zu betonen. "Spanien", sagte der Niederländer, "hat eine überragende Mannschaft", und "dank ihrer überragenden Einzelkönner" auch immer die Möglichkeit, ein Tor zu erzielen. Wie zum Beweis nahm Del Bosque in der Verlängerung Xabi Alonso und Torjäger David Villa vom Feld - beide gute Elfmeterschützen. "Ich war überzeugt", sagte er lapidar, "dass wir noch in der Verlängerung treffen würden."

Ein Kapitel der spanischen Erfolgsgeschichte schrieben auch Ottmar Hitzfeld und die Schweiz mit, die den Europameister in ihrem Auftaktspiel mit 1:0 besiegten.

Als erste Mannschaft wurde Spanien nach einer Niederlage im ersten Spiel am Ende Weltmeister, doch die teilweise erdrückenden Dominanz verschleiert auch, dass die Spieler von Del Bosque vor allem die Könige der Minimalausbeute sind: Acht Tore in sieben Spielen reichten Spanien, um Weltmeister zu werden, fünf dieser Treffer erzielte Villa. Gegen Portugal, Paraguay und Deutschland war Spanien ins Finale eingezogen - jeweils mit 1:0.