Aus der Traum vom vierten Stern: Mutlos, harmlos und hilflos hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihre Chance auf den WM-Titel verspielt. Das junge Team von Bundestrainer Joachim Löw ließ beim 0:1 (0:0) im Halbfinale gegen Spanien alles vermissen, was es bisher in Südafrika so stark gemacht hatte, und spielt wie 2006 nur um den "Trostpreis". Im Spiel um Rang drei trifft die DFB-Auswahl am Samstag in Port Elizabeth auf Uruguay. Carles Puyol (73.) versetzte den Deutschen den K.o.-Schlag.

"Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir haben uns viel vorgenommen, es ist uns nicht gelungen. Auf das Spiel um Platz drei habe ich überhaupt keine Lust", sagte Kapitän Philipp Lahm, der wie seine Mitspieler nach dem Schlusspfiff fassungslos auf dem Rasen stand und ins Leere starrte.

Löws Zukunft ungewiss

Löw ließ seine Zukunft als Trainer offen. "Darüber wird nach dem Turnier gesprochen", sagte er und präsentierte sich als fairer Verlierer: "Kompliment an die Spanier. Ich glaube, dass sie jetzt Weltmeister werden. Sie haben uns an die Grenzen gebracht. Manche konnten die Hemmungen nie richtig abbauen."

Abwehrchef Puyol traf nach teilweise drückender Überlegenheit und zahlreichen Chancen für den Europameister mit einem Kopfball aus sieben Metern, die deutsche Mannschaft konnte nicht mehr kontern - der Traum von der achten Finalteilnahme war geplatzt. Spanien und die Niederlande kämpfen am Sonntag in Johannesburg um die Nachfolge des entthronten Weltmeisters Italien. Es wird eine Premiere: Beide Nationen sind noch ohne WM-Titel. Holland hatte Uruguay am Dienstag 3:2 besiegt.

Kaum Durchschlagskraft

Wer die deutsche Mannschaft gegen England (4:1) und die Argentinier (4:0) erlebt hatte, rieb sich im Moses-Mabhida-Stadion von Durban verwundert die Augen. Dominanz, Spielwitz und der Glaube an die eigene Stärke waren vor 60.960 Zuschauern nicht zu sehen. Stattdessen schoben sich die deutschen Spieler in Abwehr und Mittelfeld fast ängstlich den Ball zu. "Wir haben zu wenig nach vorne gemacht, uns zu wenige Chancen erarbeitet. Uns hat vielleicht ein bisschen der Mut gefehlt", sagte Torhüter Manuel Neuer.

Die Spanier dagegen dominierten, schienen technisch und taktisch eine Stufe reifer und waren zudem extrem gedankenschnell, was die deutsche Mannschaft bisweilen überforderte. Insbesondere in der ersten Halbzeit lief das Spiel fast nur in der deutschen Hälfte ab - es war wie eine Kopie des EM-Finals vor zwei Jahren (0:1). Die Abwehr immerhin stand lange halbwegs gut, vor allem Per Mertesacker überzeugte neben dem diesmal schwächeren Arne Friedrich.

Müller wurde vermisst

Die Frage nach dem Ersatz für den überragenden, aber gelbgesperrten Thomas Müller hatte Löw mit der nächstliegenden Wahl beantwortet: Piotr Trochowski sprang ein, der Mittelfeldspieler vom Hamburger SV wurde aber in der zweiten Halbzeit zu Recht von Toni Kroos abgelöst (62.). Der Leverkusener besaß kurz darauf die beste Chance der DFB-Auswahl zum 1:0, scheiterte aber an Torhüter Iker Casillas (69.).

Bei Spanien standen gleich sieben Spieler vom Meister FC Barcelona in der Startelf. Fernando Torres, der zuletzt höchst glücklose Schütze des Siegtors im EM-Finale 2008 gegen Deutschland (1:0), saß auf der Bank, für ihn spielte der überragende Pedro. Torres kam erst in der Schlussphase für David Villa. Pedro führte sich auch gleich mit einem Steilpass durch die deutsche Abwehr ein - der aufmerksame Neuer rettete vor Villa (6.).

Deutsches Mittelfeld kaum zu sehen

Bereits zu diesem Zeitpunkt war auffällig: Deutschland musste reagieren, Spanien agierte - und das sehr ballsicher. Im Zweikampf kam Löws Elf häufig zu spät oder war nicht entschlossen genug. Die Spanier legten sich die deutsche Mannschaft geduldig zurecht, sie dominierten, Iniesta und Xavi tobten sich im Mittelfeld fast nach Herzenslust aus - nur die Zielstrebigkeit fehlte zunächst.

Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mesut Özil bekamen dagegen keine Linie ins deutsche Spiel, Jerome Boateng und Lukas Podolski auf der linken Seite waren zu schwach. Löw reagierte und brachte für Verteidiger Boateng früh Marcell Jansen (52.). In den Minuten nach dem Wechsel herrschte in der deutschen Abwehr völlige Konfusion. In der 58. Minute parierte Neuer zunächst gegen Pedro, Sekunden später brachte Iniesta den Ball flach vor das Tor, und Villa verpasste um Zentimeter.

Mit der Einwechslung von Kroos wurde es besser. Der Ball lief nun über mehrere Stationen, es war mehr Zug hinter den Aktionen - doch in die beste Phase hinein fiel nach einem Eckball von Iniesta das 0:1. Es war mehr als verdient.

Schema:

Deutschland: Neuer/Schalke 04 (24 Jahre/11 Länderspiele) - Lahm/Bayern München (26/71), Mertesacker/Werder Bremen (25/68), Friedrich/VfL Wolfsburg (31/78), Boateng/Manchester City (21/9) ab 52. Jansen/Hamburger SV (24/34) - Schweinsteiger/Bayern München (25/80), Khedira/VfB Stuttgart (23/11) ab 81. Gomez/Bayern München (24/38)- Trochowski/Hamburger SV ab 62. Kroos/Bayern München (20/7) (26/35), Özil/Werder Bremen (21/16), Podolski/1. FC Köln (25/79) - Klose/Bayern München (32/101) - Trainer: Löw

Spanien: Casillas/Real Madrid (29/110) - Ramos/Real Madrid (24/66), Pique/FC Barcelona (23/22), Puyol/FC Barcelona (32/89), Capdevila/FC Villarreal (32/51) - Busquets/FC Barcelona (21/19), Xabi Alonso/Real Madrid (28/75) ab 90.+3 Marchena/FC Valencia (30/62) - Pedro/FC Barcelona (22/6) ab 86. Silva/Manchester City (24/38), Xavi/FC Barcelona (30/93), Iniesta/FC Barcelona (26/48) - Villa/FC Barcelona (28/64)ab 81. 9 Torres/FC Liverpool (26/79) - Trainer: del Bosque

Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)

Tor: 0:1 Puyol (73.)

Zuschauer: 60.960

Gelbe Karten: keine