Dortmund - Erik Durm und der BVB haben in dieser Rückrunde einiges gemeinsam: Bei beiden zeigt die Formkurve steil nach oben, beide können aus einer durchwachsenen Spielzeit noch eine Rekordsaison machen. Und während der BVB Europa wieder fest im Blick hat, setzte Nationalspieler Durm auf seine gute Leistung der letzten Wochen gegen Hertha BSC schon mal das vorläufige Sahnehäubchen.

Es war die 47. Minute, als sich Erik Durm rechts am Strafraum in Position brachte. Henrikh Mkhitaryan spielte den Pass und der 22-Jährige zögerte nicht lange. Ballannahme mit rechts, Abschluss mit links – unhaltbar schlug die Kugel nach seinem schönen Schlenzer im Gehäuse von Hertha BSC ein.

Für Erik Durm war es der erste Treffer in der Bundesliga überhaupt. Und diese Premiere überforderte selbst den Weltmeister für einen kurzen Moment: "Ich glaube, man hat mir angesehen, dass es nicht alltäglich für mich ist, ein Tor zu schießen", musste er nach dem Spiel selbst lachen. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er reingeht. Nach dem Tor war ich erstmal perplex, wusste gar nicht genau, wo ich hinlaufen soll." So verwirrt wie nach seinem Treffer wirkt Durm auf dem Platz sonst allerdings nicht. Im Gegenteil: Auch gegen die Berliner stellte er seine Seite konsequent zu, leistete sich keine Ballverluste und setzte nicht nur mit seinem Treffer auch offensive Akzente.

Mit Tempo und Dynamik über rechts

Dass er diese Leistung derzeit Woche für Woche, Spiel für Spiel auf der rechten Außenbahn abliefert, unterstreicht seine Vielseitigkeit. Vom Stürmer hatte Jürgen Klopp den damals 20-Jährigen nach seinem Wechsel aus Mainz nach Dortmund zum Außenverteidiger umgeschult – für die linke Seite. Nach dem Ausfall von Lukasz Piszczek und den Verletzungen von Kevin Großkreutz und Oliver Kirch beorderte der Trainer seinen Schützling dann vor knapp fünf Wochen auf die rechte Abwehrseite. Und der feierte, zuvor selbst lange verletzt, beim Pokalsieg gegen Hoffenheim ein Comeback nach Maß, brachte Tempo und Dynamik zurück auf die Außenbahn.

Seither liefert Durm in der Startelf ab, ob in der Liga oder im Pokal. Gegen Hoffenheim bereitete er einen Treffer per Flanke vor. Gegen Frankfurt gewann er 70 Prozent seiner Duelle und war damit zweikampfstärkster Borusse. Dass er jetzt gegen Hertha BSC ausgerechnet seinen 100. Pflichtspieleinsatz als Profis mit dem ersten Bundesligatreffer krönte, rundet seinen Lauf ab.

Wieder zu dieser Form zu finden, war für Erik Durm wie auch für seinen Verein in dieser Saison ein langer Weg. Seine Hinrunde verlief ähnlich verkorkst wie der gesamte Auftritt der Borussia bis Weihnachten. "Die Brasilien-Fahrer hatten es schwerer, wieder rein zu kommen, weil wir keine große Vorbereitung hatten", erinnert sich der Nationalspieler. Zu Beginn der Rückrunde gesellten sich individuelle Probleme hinzu: "Verletzungen, Grippe, muskuläre Probleme – da hat mich auch so einiges aus der Bahn geworfen."

Piszczek: "Erik ist ein feiner Kerl"

Jetzt aber ist die Kraft zurück, das Timing stimmt wieder und auch die Lust aufs Kicken ist nicht zu übersehen. Ein Eindruck, den Erik Durm bestätigt: "Es macht einfach Spaß, wieder auf dem Platz zu stehen. Im Moment passt es ganz gut. Aber die Mannschaft macht er mir auch sehr einfach."  Komplimente, die seine Mitspieler nur zurückgeben können. Und so war Lukasz Piszczek, nach seinem Comeback gegen Berlin Hauptkonkurrent auf dem Platz rechts in der Viererkette, auch der erste Gratulant nach Durms Tor: "Ich habe ihm diesen Treffer gegönnt. Erik ist ein feiner Kerl und ein toller Spieler."

Vor allem auch einer, dank dessen Mitwirken sich der BVB deutlich stabilisiert hat. Gegen Berlin blieb die Borussia beim dritten Heimsieg in Folge – jeweils mit Durm in der Startelf - ohne Gegentor, holte dabei neun Punkte. In der Rückrunde spielte Dortmund bereits acht Mal zu Null; in der Hinserie war das nur zwei Mal gelungen. "Wir sind super drauf, haben jetzt fünf Spiele hintereinander nicht verloren. Jetzt haben wir es selbst in der Hand, das ist sehr wichtig für uns", freut sich auch Erik Durm.

Saison mit Pokalsieg und Europa League vergolden

Auf Rang sieben steht der BVB zwei Spieltage vor dem Ende der Saison. Das wäre, unabhängig vom Ausgang des Pokalendspiels, das erneute Ticket nach Europa. Die Borussia wäre damit im sechsten Jahr in Folge international dabei, was zugleich die Einstellung des Vereinsrekordes bedeuten würde. Ruft man sich dazu in Erinnerung, dass eben jener BVB nach dem 19. Spieltag noch Tabellenletzter war und seither 27 Punkte holte, kann man sehr gut Jürgen Klopps Hauch von Euphorie nachvollziehen: "Platz sieben fühlt sich an wie der Platz an der Sonne. Und nach oben ist noch was möglich, das ist richtig cool."

Zumindest Platz sechs erscheint noch möglich, der Dortmund auf dem Weg in die Europa League den Umweg über die Qualifikationsrunde ersparen würde. Dazu müssen in der Liga wohl zwingend noch zwei Siege her – und die sollen es auch werden, geht es nach Erik Durm: "Wir müssen und wollen die beiden Spiele gegen Wolfsburg und Bremen jetzt noch gewinnen. Das ist unser Ziel. Und dann können wir die Saison beim Finale in Berlin zum Schluss noch vergolden und dem Trainer einen schönen Abschied bescheren."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte