Weiter in der Champions League und jetzt auch der Befreiungsschlag in der Bundesliga? Bis zur 90. Minute sah es für den VfB Stuttgart danach aus. 1:0-Führung beim 1. FSV Mainz 05.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Jens Lehmann begeht eine Tätlichkeit gegen Aristide Bance, sieht für diese Aktion Rot, Schiedsrichter Wolgang Stark gibt auch noch Elfmeter, den dann Eugen Polanski verwandelt.

Lehmann rückt in den Fokus

Zwei Punkte futsch. Der Torwart außer Rand und Band. Enttäuschung in Stuttgart, zumal ein Sieg nicht unverdient gewesen wäre. "Einsatz, Wille und Laufbereitschaft haben gestimmt. Mit der Führung im Rücken sind wir dann auch sicherer geworden", so Trainer Christian Gross nach seinem Bundesliga-Debüt.

In den Fokus rückte dennoch sein Torhüter, der sich nach dem Schluss auch noch mit einem Fan anlegte. Lehmann riss dem Anhänger außerhalb des Stadions die Brille vom Kopf und gab diese erst zurück, nachdem er dazu mehrmals aufgefordert worden war.

Beckenbauer: "Er hat zwei Gesichter"

Dann setzte sich Lehmann, der sich auch noch mit einem Kameramann anlegte, in ein Taxi zum Frankfurter Flughafen, um einen Flieger nach München zu erreichen. VfB-Mediendirektor Oliver Schraft teilte mit, dass der Verein darüber Kenntnis hatte und dies nichts Ungewöhnliches sei.

Ein skurriler Abend von Lehmann. Unterstützung erfuhr der Routinier aber von Franz Beckenbauer. "Im Moment übertreibt er es vielleicht ein bisschen. Er müsste eigentlich Zwilling sein vom Sternzeichen, denn er hat zwei Gesichter: Privat ist er ein ganz netter, intelligenter und sympathischer junger Mann. Und auf dem Fußballplatz ist er ein ganz anderer Mensch - da sucht er die Konfrontation, die Herausforderung. Es gibt kaum einen Menschen, bei dem es so extrem ist, wie bei ihm", so der "Kaiser" in der TV-Sendung "Sky90" am Sonntagabend.

Gross sieht Redebedarf

In Stuttgart werden die Wogen inzwischen geglättet. Auch Lehmann hat inzwischen Einsicht gezeigt und sich "bei der Mannschaft entschuldigt", wie Stürmer Ciprian Marica erklärte. Spekulationen, wonach sich die Wege des Clubs und des Spielers trennen, wies Sportchef Horst Heldt zurück: "Ich glaube nicht, dass das sein letztes Spiel war. Jens wird jetzt eine Sperre bekommen, aber er hat Vertrag bis 30. Juni 2010."

Dennoch gibt es Redebedarf in Stuttgart. "So etwas darf dem Torwart nicht passieren", meinte Innenverteidiger Georg Niedermeier. Trainer Gross, bei dem Disziplin oberste Priorität hat, wird ein ganz besonderes Auge auf seinen erfahrenen Schützling werfen. "Mir geht der Mannschaftserfolg über alles. Es stehen jetzt Dinge an, die wir lösen müssen", so der Schweizer über Lehmann, der in Mainz ansonsten eine überzeugende Leistung ablieferte.

Neuer Mut für den VfB

So wie auch die gesamte VfB-Mannschaft: Kompakt in der Defensive, engagiert und sehr gut organisiert im Mittelfeld auch dank der Rückkehrers Sami Khedira und im Angriff mit den beiden Sturmspitzen Pavel Pogrebnyak und Ciprian Marica, die beide wie verwandelt wirken - der VfB hat neuen Mut geschöpft und hätte in Mainz gewinnen können.

Einziges Manko: die mangelnde Konsequenz im Abschluss. "Wir haben es einfach nicht geschafft, unsere Chancen zu Ende zu spielen und den Sieg nach Hause zu fahren", so Heldt nach der Partie. So blieben die kampfstarken Mainzer im Spiel und witterten bis zum Schlusspfiff ihre Chance.

Die Punkteausbeute soll nun vor der Winterpause noch um drei Zähler erhöht werden: "Jetzt werden wir gegen Hoffenheim alles daran setzen, ein gutes Resultat zum Vorrundenende zu erzielen", so Kapitän Matthieu Delpierre. In der Tat benötigt die Mannschaft von Gross endlich auch in der Bundesliga mal wieder einen Sieg, seit sage und schreibe neun Spielen haben die Schwaben nun nicht mehr gewonnen.

Jens Fischer und Fatih Demireli