Leverkusen - Simon Rolfes hat seine Karriere nach nahezu 15 erfolgreichen Jahren im Profi-Fußball beendet. Jetzt möchte Rolfes, der schon als Spieler stets über das Rasenviereck hinaus geschaut hat, seine wertvollen Erfahrungen weitergeben. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 33-jährige über seine neu gegründete Firma und deren Ziele, über die Strahlkraft von Jupp Heynckes und darüber, warum er kein Trainer werden will.

bundesliga.de: Herr Rolfes, seit etwa einem Monat sind Sie kein Fußball-Profi mehr. Wachen Sie morgens dennoch manchmal auf und wollen instinktiv Ihre Trainingssachen packen?

Simon Rolfes: Nein. Das ist nicht der Fall. Das liegt wohl auch daran, dass aktuell Sommerpause ist und Profi-Fußballer ohnehin gerade im Urlaubsmodus sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass mir solche Gedanken später, wenn die Vorbereitungsphase der Vereine losgeht, schon mal kommen können.

"Wehmut wird mich nicht übermannen"

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

bundesliga.de: Wird ein wenig Wehmut aufkommen, wenn die Bundesliga im August in die neue Saison startet?

Rolfes: Es kann schon sein, dass es den einen oder anderen Tag geben wird, an dem ich denke "heute würde es Spaß machen, mal wieder auf dem Fußballplatz zu stehen". Im Großen und Ganzen glaube ich aber nicht, dass mich die Wehmut übermannen wird. Im Gegenteil: Im Augenblick empfinde ich es als sehr angenehm, dass ich mich nicht wie meine früheren Kollegen schon jetzt, im Urlaub, unbedingt mit Laufen etc. fit halten muss.

bundesliga.de: Wenn Sie Ihre lange Karriere Revue passieren lassen, was hat Sie am meisten bewegt?

Rolfes: Selbstverständlich ist gerade der Beginn einer solchen Karriere sehr bewegend, weil alles neu und aufregend ist und man noch nicht weiß, ob sich der Traum von der Bundesliga wirklich dauerhaft erfüllen wird. Da gibt es zunächst viele Fragezeichen. In der jüngeren

Vergangenheit waren es mit Sicherheit die Jahre 2009 und 2010, die sehr intensiv waren. In diese Zeit fällt zum einen meine einzige wirklich schwere Verletzung, die mich fast ein Jahr gekostet hat. Dass ich damals dennoch zurückkommen und auch den Weg zurück in die Nationalmannschaft finden konnte, hat mich sehr bewegt. Zum anderen waren die Jahre mit Jupp Heynckes, in denen ich noch einmal sehr viel dazu lernen durfte, enorm bewegend.

"Heynckes hat jeden weitergebracht"

bundesliga.de: Was war das Besondere an Jupp Heynckes?

Rolfes: Zum einen war Jupp Heynckes damals längst ein fertiger Trainer mit 50 Jahren Erfahrung als Trainer und Spieler auf allerhöchstem Niveau. Von seinem Erfahrungsschatz haben wir alle profitiert. Er hat jeden individuell noch einmal weitergebracht - wovon wiederum die Mannschaft profitieren konnte. Gepaart wird dieser große Erfahrungsschatz bei ihm mit großer Persönlichkeit und Menschlichkeit. Heynckes lebt eine Werte-Struktur vor. Werte, die gerade in unserer schnelllebigen Zeit hochmodern sind.

Wir waren damals eine sehr junge Mannschaft, der es sehr gut getan hat, dass da einer war, der echte Werte verkörpert, mit beiden Beinen im Leben steht und auf den man sich immer verlassen kann. Wie gesagt, zu Beginn einer Karriere umgeben einen jungen Spieler viele Fragezeichen. Umso wichtiger ist es, dass er jemanden hat, an dem er sich orientieren kann. Das ist nicht aus der Zeit gefallen, sondern hochmodern.

bundesliga.de: Während Ihrer 15 Profi-Jahre hat sich der Fußball sehr verändert, die Spieler sind immer jünger, die Körper tätowierter und die Schuhe bunter geworden; hat man sich mit zunehmendem Alter auch einsamer gefühlt?

Rolfes: Einsamer? - Nein, das würde ich so nicht sagen. Aber natürlich ändern sich die Zeiten. Ältere Spieler, die schon da sind, wenn man beginnt, und an denen man sich orientieren kann, hören irgendwann auf. Eine Zeitlang liegt man irgendwo im Mittelfeld und hat sowohl zu den jüngeren als auch zu den älteren Spielern eine relative Nähe. Allmählich aber wird man selbst zu einem dieser älteren Spieler...und gehört plötzlich zum alten Eisen (lacht). Ich habe aber festgestellt, dass das überhaupt kein K.o.-Kriterium sein muss.

Zu wem man einen guten Draht hat, ist weniger eine Frage des Alters als des Charakters. Das kann genauso gut der 18-Jährige sein wie der 27-Jährige oder 33-Jährige. Und Verrückte gab es im Fußball schon immer (lacht). Bloß ist der Fußball heute viel transparenter als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, so dass alles gleich in den Medien auftaucht.

"Herzog nahm mich anfangs unter seine Fittiche"

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bundesliga.de: Wen haben Sie als junger Spieler um Rat gefragt?

Rolfes: In meiner Anfangszeit, bei Werder Bremen, war es Andreas Herzog, der mich unter seine Fittiche genommen und mir viele gute Tipps gegeben hat. In Leverkusen waren es später Jörg Butt, Carsten Ramelow oder Bernd Schneider, die mir geholfen haben und auch Vorbilder waren.

bundesliga.de: Für wen waren Sie in Leverkusen Vorbild?

Rolfes: Einen guten Draht hatte ich zu Bernd Leno, zu Julian Brandt und zu Levan Öztunali. Ob ich deshalb ein Vorbild für sie war, weiß ich nicht. Aber vielleicht hat der eine oder andere hin und wieder mal zugehört und aufgepasst, wenn ich etwas gesagt habe, so dass ich ihm für seinen Weg etwas mit geben konnte (lacht). Es macht aber ohnehin keinen Sinn jemanden kopieren zu wollen. Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg finden.

bundesliga.de: Das bringt uns zu „Olympia – The Career Company“, der Firma, die Sie gegründet haben. Was genau verbirgt sich dahinter?

Rolfes: Wir möchten junge Spieler von Beginn an beim Aufbau ihrer Karriere unterstützen. Viele Fußballer haben großes Potenzial - warum aber schaffen es nicht noch mehr in den Profifußball?! Ich finde es hochspannend, dieses Potenzial freizulegen und zu entwickeln und dem Spieler so eine echte Chance auf eine Karriere im Profi-Fußball zu bieten. Mit meinem Partner, Dr. Markus Elsässer, der aus dem Wirtschaftsbereich kommt und Finanzexperte ist, möchte ich dem Spieler über die gesamte Karriere hinweg, aber auch nach dem Karriereende helfen. Ich glaube, dass gerade hier Bedarf besteht. Denn man kann auch nach der Profi-Karriere ein erfolgreiches, erfülltes Leben führen und durchaus eine zweite Karriere in Angriff nehmen.

"Möchte Fußballern auch nach Karriereende helfen"

bundesliga.de: Sie sehen sich also nicht als der klassische Spielerberater?

Rolfes: Nein. Selbstverständlich gehört zu einer Karriereplanung im Profi-Fußball auch die Planung der entsprechenden Karriere-Schritte. Bei einem Spielerberater hört die Beratung ggf. nach Abschluss des Vertrages aber auf. Unser Anspruch und unser Ansatz sind universeller. Wir wollen den Spieler erst einmal soweit bringen, dass er überhaupt eine Chance auf einen Vertrag hat. Hier sehe ich eine Parallele zu Jupp Heynckes. Wir möchten den Spieler in seiner individuellen Entwicklung noch einmal weiter bringen - so wie Heynckes das 2009 und 2010 in Leverkusen gelungen ist. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis.

bundesliga.de: War eine Trainer-Karriere für Sie nie eine Option?

Rolfes: Nein. Nicht so, wie sich das Profi-Trainer-Geschäft darstellt. Ich habe als 14-jähriger zwar eine F-Jugendmannschaft trainiert. Die individuelle Entwicklung des Einzelnen zu beobachten bzw. zu fördern, das hat mir damals sehr viel Freude bereitet. Und ich glaube, dass ich dafür durchaus Talent mitbringe. Profi-Trainer aber ist häufig ein kurzfristiges, schwer planbares Geschäft, bei dem man möglicherweise sehr schnell den Arbeitsplatz wechseln muss, so dass viele Trainer zeitweise von ihrer Familie getrennt leben. Das wäre mit meinem Familienmodell nicht vereinbar. Deshalb war eine Trainer-Karriere für mich nie eine Option.

bundesliga.de: Wird sich „Olympia – The Career Company“ ggf. weiteres Know-how mit ins Boot holen, etwa einen Psychologen?

Rolfes: Es kann durchaus sein, dass es Sinn macht, einen Psychologen dazu zu holen. Allerdings halten wir es nicht für sinnvoll, in jedem Fall so zu verfahren. Wir wollen jede Karriere hoch individuell betrachten und genau analysieren, wo welcher Bedarf ist.

"Erfolg ist in den seltensten Fällen Zufall"

bundesliga.de: Hätten Sie sich als junger Spieler einen solchen Ansprechpartner, wie Sie es nun sein wollen, gewünscht?

Rolfes: Ja. Als 18-jähriger ist man noch sehr unbedarft und weiß nicht genau, worauf es wirklich ankommt. Ich habe an meinem eigenen Beispiel gelernt, wie viel tatsächlich in jedem Spieler stecken kann. Irgendwann in meinem letzten Jahr bei Werder Bremen habe ich mit Athletiktraining begonnen. Das hat mich damals innerhalb von sechs Monaten enorm vorangebracht und dazu geführt, dass Werder plötzlich an einem langfristigen Vertrag interessiert war, obwohl man zuvor gar nicht verlängern wollte.

Denn man hat gesehen, dass der talentierte Spieler Rolfes, als der ich als 18-jähriger gegolten habe, plötzlich nicht nur Talent hat, sondern zudem große Dynamik ausstrahlt und einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht hat. Deshalb war es kein Zufall, dass ich innerhalb eines Jahres über Alemannia Aachen zu Bayer Leverkusen gekommen bin. Vielleicht hätte ich diesen Schritt aber schon ein oder zwei Jahre früher machen können, wenn mich jemand beraten und ich den richtigen Mann an meiner Seite gehabt hätte. Erfolg, bzw. die Entwicklung von Erfolg ist in den seltensten Fällen Zufall.

bundesliga.de: Gibt es bereits Fußballer, die sich an Sie gewandt haben?

Rolfes: Man darf nicht vergessen, dass ich bis vor wenigen Wochen selbst noch mittendrin war im Profi-Rhythmus. Wir wollen auch nichts überstürzen und nehmen uns Zeit, um alles gewissenhaft vorzubereiten. Einige erste Gespräche hat es aber bereits gegeben.

Das Gespräch führte Andreas Kötter