Frankfurts Andre Silva trifft derzeit nach Belieben - © DFL Deutsche Fußball Liga
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xGoals: Sind die Top-Torjäger effizienter geworden?

Simon Rolfes ist Direktor Sport bei Bayer 04 Leverkusen, hat zwischen 2005 und 2015 insgesamt 288 Bundesliga-Spiele bestritten und trug 26 Mal das Trikot der deutschen Nationalmannschaft. An dieser Stelle schreibt er wöchentlich über die neuen, innovativen Match Facts, die von AWS für die Bundesliga während der Spiele bereitgestellt werden. Diesmal geht es um die xGoals der zehn besten Bundesliga-Torjäger 2020/21.

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Von Simon Rolfes

Es ist schon erstaunlich, was die Top-Stürmer in dieser Bundesliga-Saison leisten: Nach 20 Spieltagen haben bereits sieben Spieler zweistellig getroffen. Robert Lewandowski hat zwar erstmals im Jahr 2021 ein Bundesliga-Spiel ohne Tor beendet, trotzdem ist er mit seinen nunmehr 24 Treffern auf bestem Wege, den ewigen 40-Tore-Rekord von Gerd Müller aus der Saison 1971/72 zu knacken. Der "Bomber der Nation" hatte damals nach 20 Spieltagen übrigens erst 18 Tore auf dem Konto.

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Aber auch Frankfurts Andre Silva beeindruckt mich mit seinen bisherigen 17 Toren. So oft hat in der Historie zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Frankfurter Spieler getroffen. Ähnlich ist es bei Wout Weghorst: Mit seinem Treffer gegen Augsburg am vergangenen Wochenende trug er sich 2020/21 schon zum 14. Mal in die Torjägerliste ein. Auch das hatte nach 20 Spieltagen noch nie ein Wolfsburger geschafft.

Weil in der heutigen Zeit aber auch besser denn je verteidigt wird, vor allem im Kollektiv, frage ich mich, ob die Stürmer einfach noch konsequenter im Abschluss geworden sind. Mit dem Bundesliga Match Fact xGoals können wir diese These anhand von Daten überprüfen. Zumindest, was die Effizienz der Torjäger betrifft. Wir vergleichen bei den zehn besten Torschützen der bisherigen Saison ihre xGoals, also jene Anzahl an Toren, die anhand ihrer Abschlüsse von ihnen zu erwarten gewesen wären, mit der Anzahl ihrer tatsächlichen Tore.

Die Top-10-Torjäger und ihr Verhältnis zu xGoals und tatsächlichen Toren - DFL

Die zehn Top-Torjäger alle mit mehr Treffern als xGoals

Das Ergebnis deckt sich mit meiner Erwartung, ist aber trotzdem erstaunlich: Alle zehn Top-Torjäger dieser Saison haben mehr Tore erzielt, als von ihnen zu erwarten gewesen wäre. Und es wundert mich nicht, dass ausgerechnet Robert Lewandowski in Sachen Effizienz vor dem gegnerischen Tor noch einmal in einer ganz eigenen Liga spielt. Zwar waren von ihm in dieser Saison 15,5 Tore zu erwarten – und damit mehr als von jedem anderen Spieler. Doch mit 24 Treffern hat er seinen xGoals-Wert um 8,5 übertroffen. Einen so großen positiven Unterschied schafft kein anderer Spieler auch nur ansatzweise. Es ist also neben der Vielzahl von Möglichkeiten für den aktuellen Weltfußballer auch die Abgeklärtheit vor dem Tor, die das Gesamtpaket Lewandowski so eindrucksvoll macht.

Aus der Masse stechen aber auch zwei Spieler heraus, die sogar mehr aus dem Mittelfeld kommen: Thomas Müller, der bei Bayern vielleicht sogar aktuell seine beste von vielen guten Saisons spielt. Und auch Senkrechtstarter Silas Wamangituka vom VfB Stuttgart. Beide folgen in Sachen Effizienz auf den Plätzen zwei und drei und sind ligaweit die einzigen beiden Spieler, die neben Lewandowski noch mehr als vier Tore mehr geschossen haben, als es nach xGoals zu erwarten war. Bei Thomas, mit dem ich selbst noch in der Nationalmannschaft zusammen gespielt habe, ist die große Stärke seine Antizipationsfähigkeit. Er hat ein außergewöhnliches Gespür für Räume und weiß oft besser als alle anderen, wo die Bälle hinfallen. Und über Senkrechtstarter Wamangituka habe ich ja in der vergangenen Woche schon ausführlich gesprochen.

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Immerhin haben wir bei Bayer Leverkusen mit Lucas Alario auch einen der effizientesten Stürmer in unseren Reihen. Von allen Torjägern dieser Liste wären von Lucas tatsächlich die wenigsten Tore zu erwarten gewesen: 4,6. Dass er diesen Wert um 3,4 übertroffen hat, spricht für seine Klasse vor dem Tor, die ich natürlich auch jeden Tag im Training eindrucksvoll zu Gesicht bekomme.

Da die Berechnung der Torwahrscheinlichkeiten, die für einzelne Spieler oder ganze Mannschaften zum xGoals-Wert aufsummiert werden können, auf einem Machine Learning Algorithmus mit der Erfahrung von abertausenden Torschüssen der Bundesliga beruht, lässt sich als Fazit festhalten, dass die Top-Torjäger vor dem Tor deutlich effizienter agieren als der Durchschnitt der Bundesliga-Spieler. Ein Grund für ihren derzeitigen Lauf könnten die leeren Stadien sein. Der Druck beim Torabschluss ist ohne Zuschauer geringer. Und was ich fast noch wichtiger finde: Kommandos an die Mitspieler werden bei der deutlich ruhigeren Kulisse natürlich besser verstanden.

Ob die Torjäger über die Jahre hinweg wirklich kaltschnäuziger geworden sind, das kann die Datenlage leider nicht belegen. Schließlich gibt es xGoals in der Bundesliga erst seit Ende 2019/20. Solche Vergleiche werden wir in Zukunft dank der Bundesliga Match Facts aber machen können.

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