Köln - Im Mai beendete Simon Rolfes nach 288 Bundesliga-Spielen (41 Tore) seine aktive Profikarriere bei Bayer 04 Leverkusen. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Ehrenspielführer der Werkself über das Topspiel der Bundesliga zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen, die neuen Stars in München und die Chancen der Rheinländer.

bundesliga.de: Simon Rolfes, waren Sie überrascht, wie souverän Bayer 04 in den Champions-League-Playoffs die Aufgabe gegen Lazio gemeistert hat? Die Italiener hatten eigentlich keine Chance.

Simon Rolfes: Ja, am Ende war ich schon etwas überrascht, wie klar es insgesamt war. Es war zu erwarten, dass es am Anfang umkämpfter sein würde und die Chancen zum Ende hin größer würden. Es hat sich schon im Hinspiel gezeigt, dass Lazio in der Schlussphase körperlich abgebaut hat, auch wenn sie noch spät das Tor geschossen haben. Ich war mir deshalb sicher, dass die Leverkusener Chancen steigen, wenn sie das 0:1 egalisieren und das Spiel in die Länge ziehen. Dass Lazio am Ende so chancenlos war, selbst als das Spiel in der ersten Halbzeit offener war, hat mich schon überrascht in der Klarheit.

bundesliga.de: Am Samstag wartet die nächste Hürde auf Bayer 04. Dann gastiert Leverkusen bei Bayern München. Glauben Sie, dass Leverkusen in dem Spiel eine Chance hat und es ein Duell auch auf Strecke fast auf Augenhöhe ist?

Rolfes: Nein, auf Strecke haben die Bayern einfach einen so tiefen Kader, mit dem sie Verletzungen besser kompensieren können. Aber für den Samstag gibt das Ergebnis von gestern einen unglaublichen Schub auch für den Kopf. Das enorm wichtig für den weiteren Saisonverlauf. Auch wenn das Spiel gegen Lazio viel Energie gekostet hat, werden sie am Samstag wieder mit viel Energie, Motivation und Euphorie ins Spiel gehen. Sie werden wahrscheinlich ein sehr dynamisches Spiel initiieren. Das kann den Bayern auch Probleme bereiten. Deswegen ist am Samstag mit Sicherheit etwas möglich.

"Leverkusen sollte personell noch nachlegen"

bundesliga.de: Die Stärke der Bayern war schon in der vergangenen Saison, dass sie gegen die Mannschaften ab Platz 7 fast keine Punkte liegen gelassen haben. In den Topspielen selbst waren sie gar nicht so dominant.

Rolfes: Das zeichnet die Spitzenmannschaften immer aus. Sie holen die Punkte, die man machen muss und am Ende den Ausschlag geben. Da haben sie ihre Klasse gezeigt.

bundesliga.de: Bei Leverkusen gibt es einige Verletzte und auch Transfergerüchte. Muss der Verein noch vor dem Ende der Transferperiode noch etwas unternehmen?

Rolfes: Wenn man ambitioniert ist, und das ist Leverkusen, dann sollte der Verein auf jeden Fall noch personell nachlegen. Das werden sie auch machen. Ein paar Tage Zeit sind ja noch. Jetzt kommt erst richtig Bewegung auf den Transfermarkt. Um die Wettbewerbe Meisterschaft, Champions League und Pokal meistern zu können, braucht der Kader noch eine größere Tiefe.

bundesliga.de: Lassen Sie uns auf das Topspiel selbst zu sprechen kommen. Wie bereitet man sich auf einen Gegner vor, der wie die Bayern auch während des Spiels ständig in der Lage ist, sein System und seine Taktik zu verändern? Ist das eine besondere Herausforderung oder achtet man mehr auf sich selbst?

Rolfes: Die Herangehensweise von Leverkusen ist, mehr auf sich selbst zu achten und sein Spiel dem Gegner aufzudrücken. Trotzdem werden sie sich auf die verschiedenen Muster, die es gibt, vorbereiten und durchspielen, welche Möglichkeiten es gibt. Als Spieler muss man flexibel reagieren. Aber diese Umstellungen können auch beim Gegner für Verwirrung sorgen. Bei häufigen Systemabstellungen klappen alle Abstimmungen im Defensivbereich auch nicht immer sofort. Ein Spieler braucht auch immer etwas Zeit, um sich umzustellen. Es funktioniert nicht immer auf Knopfdruck. Darin liegt auch eine Chance für den Gegner.

"Man muss an die eigenen Stärken glauben"

bundesliga.de: Sie haben den Leverkusener Trainer Roger Schmidt erlebt. Wie sieht seine Auseinandersetzung mit dem Gegner aus? Wie sind seine Anweisungen?

Rolfes: In der Vorbereitung auf ein Spiel wird sehr professionell gearbeitet. Dazu gehört auch, den Gegner gut zu analysieren. Die Mannschaft wird auf die Bayern vorbereitet sein. Nichtsdestotrotz muss man auch an seine eigenen Stärken glauben. Man muss versuchen, sein Spiel durchzuziehen, weil die eigenen Abläufe eingespielt sind.

bundesliga.de: Besteht die Gefahr, eine Mannschaft mit zu vielen Informationen zu überfordern?

Rolfes: Genau das muss ein Trainer abwägen, keine Frage. Das ist nicht wie früher beim Auswendigklernen. Man muss die Spieler effizient auf die wichtigsten Sachen hinweisen. Der Spieler muss immer noch frei genug sein für seine eigene Kreativität und sein eigenes Gefühl auf dem Platz. Die Herausforderung für die Trainer besteht darin, das richtige Maß zu finden und den Spieler nicht mit zu vielen Informationen vollzupacken.

bundesliga.de: In den letzten Jahren konnte Leverkusen die Bayern einige Male besiegen. Welche Rolle spielt dieses Wissen, den Gegner schlagen zu können?

Rolfes: Es ist immer gut für die eigene Psyche, einen Gegner schon häufiger besiegt zu haben. Und der Gegner weiß das ja auch. Die Bayern wissen auch, dass gegen Leverkusen ein Sieg noch nicht sicher ist.

"Costa ist ein unglaublicher Spieler"

bundesliga.de: Die Bayern haben ihren Kader in dieser Saison auch noch einmal kräftig aufgerüstet. Welcher Neuzugang gefällt Ihnen besonders gut?

Rolfes: Natürlich Douglas Costa. Er ist ein unglaublicher Spieler, der perfekt in das Guardiola-System von viel Ballbesitz passt. Er kann den Gegner durch Einzelaktionen aufreißen und Tore vborbereiten. Auch im Hinblick darauf, dass Franck Ribery offenbar länger verletzt ist, war das ein enorm wichtiger Transfer. Bei den Bayern hat es am Ende der letzten Saison in den großen Duellen daran gefehlt, dass sie wegen des Fehlens von Ribery über die Außen nicht mehr in den Eins-gegen-Eins-Situationen so gefährlich waren. An Costa werden die Bayern und auch die Bundesliga noch ihre Freude haben. Er wird noch ein herausragender Spieler werden.

bundesliga.de: Arturo Vidal kennen Sie noch aus Ihgrer gemeinsamen Zeit in Leverkusen.

Rolfes: "Mein" Arturo, natürlich, den muss man auch nennen. Er ist ein ganz anderer Typ. Er bringt bei den Bayern auch etwas rein, was sie meiner Meinung nach im letzten Jahr nicht hatten. Er ist zweikampfstark, robust und trotzdem ein guter Fußballer, der aus der Tiefe des Mittelfelds auch vorne reingeht. Er ist torgefährlich. Seine Stärke wird vor allem in den engen Duellen zu sehen sein, vielleicht in einem Halbfinale der Champions League, wenn die Spiele im Mittelfeld entschieden werden. Für solche Duelle ist Arturo prädestiniert.

bundesliga.de: Wagen Sie einen Tipp für Samstag.

Rolfes: Ich erwarte ein offenes Spiel und tippe auf ein 2:2.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski