München - Kann man es deutlicher sagen? Wohl kaum. "Jetzt stecken wir in der Scheiße, jetzt müssen wir zusehen, dass wir aus der Scheiße wieder rauskommen", fand Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nach dem 0:2 in Dortmund deutliche Worte. Aber woran hapert es bei den Bayern in dieser Saison wirklich?

Es wäre zu einfach, die magere Ausbeute von acht Punkten und nur fünf Toren in sieben Spielen allein auf die Ausfälle von Franck Ribery und Arjen Robben zu schieben. "Es muss Schluss sein damit, ständig zu trauern und den beiden nachzujammern", sagt Bayerns Präsident Uli Hoeneß: "Da müssen eben auch mal andere in die Bresche springen." Einerseits.

Bestandsaufnahme: Robbens Ausfall schmerzt, ist aber nicht entscheidend

Andererseits zeigt ein Blick auf die Statisik, wie sehr vor allem Robben seiner Mannschaft fehlt. Mit ihm holte der FC Bayern in der vergangenen Saison 2,3 Punkte pro Spiel, ohne ihn 1,5.

Der Niederländer gab rund ein Fünftel aller Bayern-Schüsse ab, die aufs Tor gingen, 16 Treffer gelangen ihm in nur 24 Spielen, dazu sieben direkte Torvorlagen. So einen Spieler kann kein Verein der Welt einfach so ersetzen. Auch die Torausbeute war deshalb merklich besser. Mit Robben schoss der FC Bayern in der vergangenen Saison 2,5 Tore pro Spiel - und ohne ihn nur 1,2.

Aber: Nichtmal diese Quote wird in dieser Saison bisher erreicht. Der FC Bayern stellt daher den schlechtesten Sturm der Liga. Da Thomas Müller im Mittelfeld spielt, warten die Bayern weiterhin auf das erste Stürmer-Tor der Saison - selbst wenn man Müller als Grenzgänger im Angriff dazurechnet. Und das liegt wiederum keinesfalls nur am Robben-Ausfall.

Einfaches Problem: Die Bayern verwerten 19 von 20 Chancen nicht

Denn im Vergleich mit 2009/10 haben die Bayern sogar mehr Ballbesitz (68,5 zu 61,2 Prozent) und gewinnen mehr Zweikämpfe (54,2 zu 51,1 Prozent). Die FCB-Profis schossen sogar häufiger aufs Tor: 14,6 Torschüsse pro Spiel waren es in der vergangenen Spielzeit, exakt einer mehr sind es nun. Aber: Nur 4,4 davon finden auch den Weg aufs Tor - 2009/10 waren es noch 6,6. Als in der Vorsaison sieben Spiele absolviert waren, hatten die Bayern 13 Tore erzielt, fünf davon durch die Stürmer Olic und Gomez, zwei durch Müller. Nach fünf Spieltagen hatte der FCB laut "kicker" eine Chancenverwertung von 34,4 Prozent.

Und nach dem 5. Spieltag dieser Saison? Waren es gerade sechs Prozent. Dieser Wert hat sich nach dem 7. Spieltag nicht verändert. Um es andersrum zu sagen: Fast 19 von 20 Chancen machen die Bayern nicht rein! Zum Vergleich: Spitzenreiter Mainz ist mit 25 Prozent Chancenverwertung auch in dieser Statistik Spitze - sicher kein Zufall.

448 zu 216 Pässen: An der Spielkontrolle liegt es nicht

Es klingt einfach, die Lösung dürfte sich allerdings schwierig gestalten: Die Bayern spielen meist nicht schlecht. Sondern sie treffen das Tor nicht - und obwohl Trainer Louis van Gaal diese Analyse, die er zu Saisonbeginn gebetsmühlenartig wiederholte, nach eigener Aussage nicht mehr hören kann, trifft sie zu. Allein Mario Gomez hätte in Dortmund in der ersten Halbzeit drei Mal einnetzen können.

Der BVB kam in dieser Phase auf einen Torschuss und einen Kopfball im Strafraum. Die Bayern spielten über die gesamten 90 Minuten zudem 448 gelungene Pässe (BVB: 216) und gaben acht Torschussvorlagen, der BVB fünf . Ohne Arjen Robben fehlen überraschende Dribblings und Zuspiele in die Spitze, aber die Chancen sind meist trotzdem da.

Rummenigges Lösung: "Beißen, Kratzen, Fighten"

Rummenigge nimmt daher die Offensive in die Pflicht. "Ich hatte den größten Lehrmeister in Form von Gerd Müller. Der hatte auch Phasen, wo er sechs, acht Spiele nicht getroffen hat"; sagt er: "Aber dann hat er im täglichen Training das Beißen, Kratzen, Fighten angefangen und so lange gearbeitet, bis er das Tor gemacht hat. Unsere Spieler sind nicht schlecht beraten, sich an Gerd Müller ein Vorbild zu nehmen."

Zwar kommt hinzu, dass die Defensive unerklärliche Aussetzer zeigt. "Wir bekommen immer wieder zu viele einfache Gegentore", ärgerte sich Bayerns Torwart Jörg Butt nach dem BVB-Spiel im Gespräch mit bundesliga.de. Entscheidend für den Misserfolg ist das indes nur bedingt. Tatsächlich kassiert der Rekordmeister 1,1 Gegentore pro Partie, 0,2 mehr als noch 2009/10. Damals hatten die Bayern nach sieben Spielen aber auch sieben Tore gefangen und damit nur eines mehr als jetzt. Nur hatten sie eben auch acht Treffer mehr erzielt, lagen auf Rang 7 und "nur" sechs Punkte hinter der Spitze.

Der Ausblick: Jetzt kommt Hannover

Nach der Länderspielpause wartet Hannover 96. Im vergangenen November gewannen die Bayern beim selben Gegner mit 3:0. Van Gaal sagte damals nach den Toren von Olic, Müller, Gomez: "Wir haben jetzt die Stürmer, die Tore schießen." Sie können es also. Gelingt ihnen endlich die Rückkehr zu alter Stärke, dürfte das gleichbedeutend mit dem ersten Schritt aus der Krise sein.

Und Vorstandschef Rummenigge müsste nicht mehr zu deutlichen Worten greifen.

Peter Seiffert