Sinsheim. "War es ein Traumtor?", fragte Serge Gnabry, obwohl er die Antwort längst wusste. Der Reporter konnte nur lachend nicken und Gnabry sagte: "Danke." Der Stürmer der TSG 1899 Hoffenheim stand im Fokus nach dem 4:0 (1:0)-Erfolg gegen den Tabellenzweiten RB Leipzig. Am ersten Adventswochenende erzielte der 22-Jährige zwei Treffer, seine ersten für die TSG in der Bundesliga, das Traumtor zum 3:0 in der 62. Minute aus genau 43,5 Metern.

Manchmal genügt eine Aktion, um das Potenzial zu erahnen, das in einem Spieler steckt. Gnabry hatte an diesem Samstag diese eine Aktion, die erklärt, warum ihn sein Trainer Julian Nagelsmann hinterher einen "Qualitätsspieler" nannte. Es war nicht das Tor zum 3:0 an sich, dass diesen Angreifer so außergewöhnlich macht. Einen Treffer aus über 40 Metern haben auch schon weniger talentierte Spieler geschossen. Aber wie schnell Gnabry nach einem harten Anspiel von Nadiem Amiri erkannte, dass Leipzigs Torhüter Peter Gulasci ein bisschen zu weit vor seinem Tor stand, aber wirklich nur ein bisschen, und er dann den Abschluss suchte, war beeindruckend. Gnabry erklärte die Szene hinterher so: "Ich habe den Ball einmal mitgenommen, kurz geschaut und mich dann einfach entschieden draufzuhauen und mein Glück zu suchen."

Video: Hoffenheim mit Gnabry bei der Freistoß-Challenge

Gnabry: "Ich hoffe, der Knoten ist jetzt geplatzt"

Nach zwölf Spielen mit nur zwei Siegen und dem enttäuschenden vorzeitigen Aus in der Europa League brauchten die Badener diesen Befreiungsschlag gegen eine Top-Mannschaft für ihrer Selbstvertrauen. Es war ein beeindruckender Erfolg gegen den Tabellenzweiten in einem wichtigen Richtungsspiel - eine Niederlage hätte den Anschluss ans obere Tabellendrittel vergrößert. Nun aber liegen die Leipziger nur noch drei Punkte entfernt.

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Die TSG hat sich wieder eine Perspektive nach oben verschafft, und auch Serge Gnabry hofft nun auf sein Glück, nachdem ihn Verletzungen so lange zum Zuschauen verurteilt hatten. "Ich hoffe, nach meinen zwei Toren ist nun der Knoten geplatzt", sagte Gnabry, der bis zum nächsten Sommer vom FC Bayern München an die Badener ausgeliehen ist. Wegen Verletzungen kam der schnelle Stürmer bislang nur in fünf Bundesliga-Partien zum Einsatz. Zunächst fiel er nach einer Sprunggelenksverletzung aus, anschließend machte ihm eine Verletzung in der hinteren Oberschenkelmuskulatur lange zu schaffen.

"Wir haben Serge schon geholt, dass er mehr als zwei Tore für uns macht." Julian Nagelsmann, Trainer TSG 1899 Hoffenheim

Verletzungen warfen Gnabry immer wieder zurück

Gnabrys Sprintermuskulatur sei sehr anfällig, erklärt Trainer Nagelsmann. Diese Anfälligkeit begleitet Gnabry schon seine ganze Karriere, die den in Stuttgart geborenen Sohns eines Ivorers und einer Schwäbin schon früh nach England zum FC Arsenal hat ziehen lassen. In London schaffte er den großen Durchbruch nicht, nach einer Leihe in Bremen gehört er seit dieser Saison dem FC Bayern, wohin er im Sommer auch wechseln soll. "Wir haben ihn schon geholt, dass er mehr als zwei Tore für uns macht", sagt Nagelsmann und hofft, dass Gnabry nun durch Training sich auch jene Fitness erarbeitet, um sein großes Potenzial ausschöpfen zu können.

Am Samstag wechselte Nagelsmann seinen anfälligen Helden vorsichtshalber nach 65 Minuten aus. Derzeit hangele sich Gnabry nach seiner langwierigen Verletzung von Spiel zu Spiel, ohne immer am Mannschaftstraining teilzunehmen. Nagelsmann sagt, während der Spiele müsse man diesem Könner schon ab und an in den Hintern treten. "Auch gegen Leipzig hatte Serge in der ersten Halbzeit 15 Minuten eine totale Ruhephase", monierte Nagelsmann, der hohe Ansprüche an den Spieler stellt, weil er von dessen Klasse überzeugt ist. Aber, sagt Nagelsmann, Gnabry sei auch ein "total vorbildlicher Profi", der die Schwachstellen seines Körpers kenne und wisse, dass Verletzungsprophylaxe zu seinem Leben als Fußballer gehöre. Gnabry beschäftige private Coaches, um seine Muskulatur zu stärken und zu pflegen.

Bisher hat Gnabry schon zwei A-Länderspiele bestritten

Serge Gnabry schaut, schießt und trifft zum 3:0 aus 43,5 Metern © gettyimages / Simon Hofmann

Aber auch seine bislang wenigen Auftritte im Hoffenheimer Trikot erklären, warum der U21-Europameister schon zwei A-Länderspiele für Deutschland bestritten hat: Er ist schnell, im Dribbling kaum zu stoppen und erkennt Situationen sehr schnell. Bleibt er gesund, ist von Serge Gnabry in der Zukunft noch viel zu erwarten. Nicht nur sein Traumtor gegen Leipzig gibt eine Ahnung davon. Die Perspektive stimmt wieder in Nordbaden nach diesem Sieg gegen Leipzig - das gilt für Serge Gnabry ebenso wie für die TSG Hoffenheim.

Von Tobias Schächter