München - In der 40. Minute rannte Arjen Robben zur linken Eckfahne, ballte die Fäuste und schrie viel Frust heraus. Frust aufgrund der Turbulenzen beim FC Bayern, Frust wegen des bisherigen Spielverlaufs im Heimspiel gegen den Hamburger SV.

Gerade hatte der Niederländer den FCB mit einer wahren Energieleistung - sein wuchtiger Linksschuss war 107 km/h schnell - in Führung gebracht. Bis zu diesem ersten Tor waren die Gäste aktiver, den Münchnern fiel nur wenig ein.

"Wir haben einiges korrigiert"

"Da war schon Wut dabei", sagte er im Anschluss an die 6:0-Gala: "Gestern waren wir noch eine Katastrophe, heute sind wir wieder die Supermannschaft." Der Einsatz sei an diesem Nachmittag ein entscheidender Faktor gewesen. "Das ist das Einzige, was man in so einer Situation machen kann. 100 Prozent auf dem Platz geben", so Robben.

Nach zuletzt drei Niederlagen in Folge und der feststehenden Trennung von Louis van Gaal sei es "sehr schwierig gewesen und der Druck wurde immer stärker. Nun haben wir einiges korrigiert", bilanzierte der Superstar, der als Anführer auf dem Rasen voranging und kurzerhand selbst die Treffer Nummer zwei und drei nachlegte. Sein Geheimnis: "Es hängt viel mit der nötigen Aggressivität zusammen."

Auch den zweiten Treffer kurz nach Wiederanpfiff hatte er noch lautstark und gestenreich gefeiert, danach war der desolate HSV ein leichtes Opfer. Die Münchner - insbesondere Robben und Franck Ribery - versprühten in der Folge viel Spielfreude und spazierten zum höchsten Heimsieg gegen den Nord-Rivalen seit dem 8. August 1987.

"Viele Spieler denken so"

"Es war ein wichtiger Tag - für den Trainer und auch für die Mannschaft", betonte Robben, der wie einige Kollegen keinen Hehl aus der Sympathie für den scheidenden Trainer machte. "Natürlich" habe die Mannschaft für den Trainer gespielt, antwortete auch Philipp Lahm, "aber wir haben auch für uns gespielt, für den Verein. Wir alle wollen Platz zwei."

Der 3. Rang, der zur Qualifikation für die Champions League berechtigt, ist bei zwei Punkten Rückstand auf jeden Fall wieder in greifbarer Nähe. Der Abstand auf den Zweiten Leverkusen beträgt nach diesem Wochenende sieben Zähler.

"Wir haben wieder eine Hoffnung, es ist fantastisch", strahlte van Gaal. Glücklich war der Coach außerdem über den Zuspruch der Mannschaft. "Ich weiß nicht, ob es für jeden Spieler gilt - aber viele Spieler denken so", antwortete der 59-Jährige auf die Frage, ob das 6:0 ein Geschenk an ihn gewesen sei.

Angenehmer Nebeneffekt war sicherlich auch, dass sein Team mal wieder zu Null gespielt hat. Daniel van Buyten stand nach langer Zeit wieder in der Startelf und bildete mit Luiz Gustavo eine sichere Innenverteidigung. Der Belgier war bester Zweikämpfer des FCB (71 Prozent gewonnen), der Brasilianer bewies - erstmals auf dieser Position eingesetzt - einmal mehr seine Flexibilität.

Lahm und Robben warnen vor Inter

"Die Mannschaft stand in der Verantwortung - und dass sie damit umgehen kann, hat sie gezeigt", war Lahm zufrieden. Der nächste Charaktertest - zweifelsohne ein härterer als gegen den HSV - steht bereits am Dienstag an, wenn Inter Mailand zum Achtelfinal-Rückspiel der "Königsklasse" kommt. "Natürlich gibt dieser Sieg Selbstvertrauen, aber das wird schwer genug."

"Wir waren neugierig, wie es weitergeht. Daher war es wichtig, dass wir die Reaktion der Mannschaft gesehen haben", freute sich Karl-Heinz Rummenigge. Der FCB-Vorstandschef betonte aber: "Trotzdem tun wir gut daran, jetzt ganz ruhig zu bleiben und nicht zu glauben, dass damit alles geregelt ist."

Mit dem Spielball als Souvenir unterm Arm blickte auch Matchwinner Robben auf das anstehende Duell. "Es wird ein sehr gefährliches Spiel. Das 1:0 ist eine gute Ausgangsposition, aber wir müssen hochkonzentriert sein und dürfen uns keine Fehler erlauben", so der dreifache Torschütze. Am besten, er reißt sein Team gegen die Italiener einfach wieder so energisch mit...

Aus der Allianz Arena berichtet Tim Tonner