Köln - Mit Borussia Dortmund wurde Sebastian Kehl dreimal Deutscher Meister und einmal Pokalsieger. Der langjährige Kapitän des BVB bestritt zwischen 2002 und 2015 263 Bundesliga-Spiele (20 Treffer) für die Westfalen. Er startete seine Bundesliga-Karriere allerdings im Jahr 2000 beim SC Freiburg (40 Partien, vier Tore). Vor dem Duell seiner beiden Ex-Vereine am Samstag in Freiburg spricht der heute 37-Jährige im Interview mit bundesliga.de über seine Sympathien für die Südbadener und die fehlende Konstanz des BVB.

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bundesliga.de: Herr Kehl, Sie haben im Jahr 2000 beim SC Freiburg in der Bundesliga debütiert. Was ist aus dieser Zeit in Ihrem Gedächtnis hängen geblieben? Welche Gefühle verbinden Sie mit Ihren eineinhalb Jahren in Freiburg?

Sebastian Kehl: Es war eine sehr schöne Zeit, die unheimlich positiv für mich verlief, wenngleich der Abschied damals völlig überraschend kam und so definitiv nicht geplant war. Die erste Bundesliga-Station, nachdem ich vom Zweitligisten Hannover 96 nach Freiburg gewechselt bin, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Der Sport-Club war einfach für mich der richtige Verein zum richtigen Zeitpunkt. Er ist ein sehr familiär geführter Verein mit einer tollen Struktur, einem gutem Klima und optimalen Rahmenbedingungen für junge Spieler. Sie können sich dort in Ruhe entwickeln und auf sich aufmerksam machen. Diesen Schritt würde ich jedem Spieler sofort empfehlen.

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bundesliga.de: Glauben Sie, dass die von Ihnen genannten Attribute auch heute noch gelten?

Kehl: Absolut. Ich glaube, dass der SC weiterhin seine DNA in sich trägt und auch ganz genau weiß, was er den Spielern bieten kann. Man tut dort keine verrückten Dinge, sondern hat seinen USP. So gewinnen sie Spieler und mit Christian Streich und Fritz Keller, den ich noch aus meiner Zeit sehr gut kenne, besitzt der Sport-Club tolle Persönlichkeiten und sehr wertvolle Menschen. Sie haben ihre eigene Art, auf den Fußball zu schauen, Spieler zu entwickeln und diesen Weg haben sie nie verloren auch nicht in schwierigen Zeiten. Die Bodenständigkeit, die diesen Verein weiterhin auszeichnet, macht ihn in der Bundesliga einfach besonders. Wie Sie sicher merken, hege ich für den Verein, die handelnden Personen und auch für die Stadt weiterhin große Sympathien und Wertschätzung.

bundesliga.de: Sportlich läuft es bei den Breisgauern in dieser Saison auch wieder sehr gut, wie 30 Punkte nach 21 Spieltagen belegen. Was macht die Mannschaft besonders gut?

Kehl: Der SC spielt wieder eine sehr unaufgeregte Saison, arbeitet ruhig und konsequent, bleibt seiner Linie treu und behauptet sich somit in der Tabelle. Dazu überraschen sie immer wieder gegen gute Teams. 28 erzielte Tore, schon mehr als etwa der FC Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach und neun Siege sind ebenfalls ein deutliches Signal für den bis dato guten Saisonverlauf.

bundesliga.de: Wie erleben Sie den Trainer und Menschen Christian Streich, der sich sozial engagiert, zurückhaltend ist, aber auch immer wieder mal am Spielfeldrand emotional ausbricht?

Kehl: Er ist ein sehr positiver, vielleicht teils verrückter aber total bodenständiger Typ. Ich habe ihn ein paarmal erlebt und es waren immer tolle Begegnungen. Dazu ein sehr impulsiver Mensch, der für den Fußball, seine Jungs und den SC Freiburg lebt und alles gibt. Genau das mögen die Menschen an ihm. Außerdem finde ich es stark, dass er es schafft in diesem Fußballgeschäft ab und an über den Tellerrand hinaus zu schauen.

bundesliga.de: Gegen Borussia Dortmund hat er mit dem Sport-Club aber noch keinen einzigen Punkt geholt.

Kehl: Ich kann mich in meiner Dortmunder Zeit auch an kaum einen Ausrutscher gegen Freiburg erinnern. Es ist nun mal so, dass der FC Bayern München, Borussia Dortmund oder aktuell RB Leipzig individuell eine sehr hohe Qualität besitzen. Wenn diese Mannschaften ihr Potenzial abrufen, wenn der BVB in dem Fall bei 100 Prozent ist, wird es für den SC schwer zu gewinnen. Aber gerade in diesem Stadion, mit den Fans im Rücken und wenn sie frech und mutig spielen, wird der SC immer mal wieder die Gelegenheit bekommen, für eine Überraschung zu sorgen, zumal der BVB sich in dieser Saison auswärts öfters schwer getan hat.

bundesliga.de: Borussia Dortmund steht auf Platz drei und bewegt sich damit im Rahmen der Zielvorgabe. Verstehen Sie, dass trotzdem gefühlt viel Unruhe herrscht?

Kehl: In der Champions League spielen sie überragend, auch die Niederlage in Lissabon war sehr unnötig. Da ist ein Weiterkommen für den BVB zu Hause aber absolut möglich. In der Bundesliga läuft es schon ein wenig holprig, das stimmt. Sie sind derzeit nicht konstant genug um sich von Platz vier zu entfernen und die Ausrutscher der anderen Teams zu nutzen. Da ist alles noch sehr eng beisammen. Realistisch betrachtet ist der Abstand nach vorne jedoch zu groß. Der BVB wird sich bei der Belastung in drei Wettbewerben in den nächsten Wochen weiter strecken müssen, wobei ich persönlich bei der Qualität weiterhin fest davon ausgehe, dass sie Platz drei am Ende erreichen und wieder in Berlin im Endspiel um den DFB Pokal stehen.

bundesliga.de: Woran hapert es beim BVB Ihrer Meinung nach?

Kehl: Das hat für mich unterschiedliche Gründe. Es passt in dieser Saison einfach noch nicht alles zusammen, was im letzten Jahr so super funktionierte. Einige Verletzungsprobleme, viele Neuzugänge und die damit neue Struktur in der Mannschaft sind sicher auch dafür verantwortlich. Und es gab auch außerhalb des Platzes Themen, die für Unruhe gesorgt haben. Alle werden aber mit Hochdruck daran arbeiten, die oft überragenden Leistungen nun konstant zu zeigen, und dann wird es in Dortmund auch wieder ruhiger werden um den BVB.

bundesliga.de: Von den Neuzugängen haben Spieler wie Ousmane Dembele oder Raphael Guerreiro sehr gut eingeschlagen. Dagegen blieben Andre Schürrle oder Heimkehrer Mario Götze hinter den Erwartungen. Warum tun sie sich so schwer?

Kehl: Dembele und Guerreiro sind absolute Verstärkungen für dieses Team und haben eine Qualität, die dem Kader unheimlich gut tut. Bei Mario darf man nicht vergessen, wie die letzten Jahre für ihn verlaufen sind. Es war eine schwierige und unruhige Zeit für ihn, mit wahnsinnigen Höhen aber auch Tiefen. Derzeit leidet er darunter, nicht regelmäßig trainieren und spielen zu können, das muss er aber, er braucht den Rhythmus, den er bei Bayern auch nicht unbedingt hatte. Aber ich kenne Mario, weiß wie ehrgeizig und akribisch er arbeitet, bin weiterhin ein starker Befürworter von ihm und glaube deshalb fest daran, dass er es allen noch zeigen wird, die im Moment an ihm zweifeln. Und am Ende war es allen Beteiligten doch klar, dass sowohl er als auch Andre eine gewisse Zeit brauchen werden um ihr Potenzial stabil zeigen zu können.

bundesliga.de: In die Kritik geraten ist auch Pierre-Emerick Aubameyang, der in der Hinrunde getroffen hat, wie er will, und jetzt eine Flaute durchlebt.

Kehl: Aber bei ihm gibt es keine Diskussion und er genießt überall großes Vertrauen. Er hat eine überragende Quote und war für den BVB in den letzten Monaten und Jahren so wichtig, dass man damit locker umgehen kann, wenn er mal ein paar Spiele nicht trifft. Vielleicht ja schon heute...

bundesliga.de: Wie geht das Spiel am Samstag aus? Wie lautet Ihr Tipp für die Partie Freiburg gegen Dortmund?

Kehl: Ich kann mir vorstellen, dass es ein 1:1 Unentschieden geben könnte. Das wird den Dortmundern natürlich nicht so schmecken, weil sie oben dran bleiben wollen. Aber der SC wird alles in die Waagschale werfen und hat Zuhause sieben von zehn Spielen gewonnen und auch Teams wie Eintracht Frankfurt, Hertha BSC oder den 1. FC Köln geschlagen. Lassen wir uns überraschen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski