Köln - Mit Deutschland wurde Sebastian Boenisch vor sieben Jahren U21-Europameister, mit Polen bestritt er 2012 die Europameisterschaft im eigenen Land. Am Donnerstag treffen Deutschland und Polen im zweiten Gruppenspiel aufeinander. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 29-Jährige, der für Schalke 04, Werder Bremen und Bayer 04 Leverkusen 124 Bundesliga-Spiele bestritt und aktuell einen neuen Verein sucht, über die Partie und die Chancen der Polen.

bundesliga.de: Sebastian Boenisch, das zweite Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen steht an. Sie kennen beide Teams aus eigener Erfahrung bestens. 2009 wurde Sie zusammen mit Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil U21-Europameister. 2012 spielten Sie für Polen die Heim-EM. Wie sind bei dem Spiel Ihre Sympathien verteilt?

Sebastian Boenisch: Ich bin zwar im Moment kein aktueller Nationalspieler, aber ich drücke in erster Linie den Polen die Daumen. Wie die Chancen stehen, müssen wir mal abwarten. Deutschland wirkte im ersten Spiel in der Defensive nicht so sicher. Sie haben da schon einige Chancen der Ukraine zugelassen. Ich hoffe, dass sich auch für uns Chancen ergeben werden.

bundesliga.de: Wie ist Ihr Kontakt zu den ehemaligen deutschen Teamkollegen aus der U21 von damals?

Boenisch: Wir schreiben uns sicherlich nicht mehr tagtäglich. Wenn wir uns bei den Bundesliga-Spielen begegnen, freuen wir uns immer über ein Wiedersehen. Zu manchen ist der Kontakt aber komplett abgebrochen. Es ist ruhiger geworden.

bundesliga.de: Hätten Sie gedacht, dass die Mannschaft von damals nicht nur etablierte Bundesliga-Spieler sondern auch zahlreiche Weltmeister hervorbringen würde?

Boenisch: In der Bundesliga hatten wir uns ja schon damals alle durchgesetzt. Es gab kaum einen Mitspieler, der unter 50 Bundesliga-Spielen lag. Es ist eine tolle Sache, dass so viele von ihnen A-Nationalspieler und Weltmeister geworden sind. Das hätte man nicht unbedingt erwarten können.

bundesliga.de: Am Donnerstag spielen Deutschland und Polen gegeneinander. Wie haben Ihnen die beiden Auftaktspiele der Teams gefallen?

Boenisch: Ich hätte gedacht, dass Polen das Spiel deutlicher gestalten könnte. Ein 1:0 gegen Nordirland klingt fast ein bisschen zu wenig, auch wenn man sich die Chancen anguckt, die wir hatten. Gegen Deutschland müssen wir uns mehr einfallen lassen, um uns Chancen herauszuspielen. Es wird aber auch sicher ein anderes Spiel werden, weil Deutschland sich nicht hinten reinstellen, sondern selbst das Spiel machen wird. Wir werden mit unseren schnellen Leuten bessere Konterchancen bekommen. Uns liegt es nicht, wenn eine Mannschaft, wie es die Nordiren gemacht haben, mit acht oder neun Mann hinten verteidigt. Dann ist es schwierig, Lösungen zu finden, weil unsere Offensivkräfte gedoppelt werden. Wenn Deutschland so auftritt wie im ersten Spiel, werden wir zu unseren Möglichkeiten kommen.

bundesliga.de: Sie sprechen die polnische Offensive an. Superstar Robert Lewandowski kam im ersten Spiel noch nicht so richtig zum Zug. Sind die Erwartungen an ihn zu hoch, belastet ihn das ein wenig?

Boenisch: Man hat gesehen, dass der Gegner sich extrem auf ihn eingestellt und zwei, drei Leute auf ihn abgestellt hat. Aber das bringt uns auch Vorteile, weil dann andere Spieler wie Kamil Grosicki oder Arkadiusz Milik mehr Freiräume haben, um Chancen zu kreieren oder zum Abschluss zu kommen. Robert wird das nerven, dass er nicht so zur Geltung gekommen ist. Aber ich glaube nicht, dass er zu viel Druck hat und damit nicht klar kommt. Er hat bei Bayern München immer Druck und ist das gewohnt.

bundesliga.de: Was erwarten Sie für ein Spiel am Donnerstag? Erwarten Sie einen offenen Schlagabtausch oder ein abwartendes Taktieren?

Boenisch: Es wird eine Mischung werden. Wenn wir uns nur hinten reinstellen, kann das nicht gut gehen. Dafür ist Deutschland zu stark. Das ist auch nicht die Spielweise, die Trainer Adam Nawalka spielen lässt. Wir haben das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland gewonnen, weil wir frech nach vorne gespielt haben. Das wird auch diesmal das Mittel sein, um Deutschland schlagen zu können. Man muss die Deutschen in Bewegung bringen und darf ihnen nicht den Ball überlassen, weil einen das sonst auf Dauer zermürbt. Dann würde am Ende die Kraft fehlen, um die Lücken zu schließen. Man muss sie beschäftigen.

bundesliga.de: War der Sieg in der Qualifikation die große Befreiung?

Boenisch: Auf jeden Fall. Nach dem Spiel war in Polen eine Menge los, das war ein unbeschreiblicher Sieg gegen den großen Nachbarn, gegen den man noch nie gewinnen konnte. Wir haben sie in einem wichtigen Spiel geschlagen und waren zu dem Zeitpunkt auch Gruppen-Erster. Ich will mir gar nicht ausmalen, was in Polen passiert, wenn wir die Deutschen noch einmal schlagen. Dann drehen alle durch.

bundesliga.de: Wie geht es Ihnen persönlich? Wo sehen wir Sie in der kommenden Saison?

Boenisch: Ich bin noch ein paar Tage in Urlaub. Die Verhandlungen laufen, wo es hingeht, weiß ich noch nicht. Es gibt gute Optionen, die gerade geprüft werden. Ich hoffe, ich kann demnächst etwas verkünden.

bundesliga.de: Wie geht das Spiel am Donnerstag aus?

Boenisch: Ich tippe auf einen 2:1-Sieg für Polen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski