Die Hälfte der Saison ist vorbei. Mit einem Derby-Sieg gegen Werder Bremen hat der Hamburger SV seinen Anhängern nicht nur das Weihnachtsfest versüßt, sondern auch für einen tollen Hinrunden-Abschluss gesorgt. Die "Rothosen" überwintern auf dem 4. Tabellenplatz - mit Tuchfühlung zur Spitze.

Trainer Bruno Labbadia zieht im Gespräch mit hsv.de eine Bilanz zum ersten Halbjahr als HSV-Coach und verrät, was und wer ihn dabei am meisten überrascht hat.

Frage: Herr Labbadia, wie bewerten Sie den Erfolg über Werder Bremen?

Bruno Labbadia: Es war ein sehr schöner Abschluss und noch einmal ein Spiegelbild der Hinrunde. Wir haben im Vorwege versucht, bestimmte Hebel bei den Spielern zu drücken. Dabei ging es einmal um die Bedeutung des Derbys, aber auch um die Bedeutung eines Sieges in Bezug auf die Tabellensituation. Denn mit den drei Punkten haben wir uns für eine gute Vorrunde belohnt.

Frage: Inwieweit haben die vier Spiele aus dem Mai diesen Jahres noch eine Rolle gespielt?

Labbadia: Man kann diese Partien im Vorfeld nicht einfach ausklammern. Die gesamte Stadt hat immer noch davon gesprochen. Aus meiner Sicht waren die Begegnungen damals alle sehr eng und nur Nuancen haben über Sieg oder Niederlage entschieden. Jetzt waren wir einfach mal dran, das habe ich meinen Spielern auch so gesagt.

Frage: Sie sprachen am Anfang vom Spiegelbild der Hinrunde. Was hat Sie in dieser am meisten überrascht?

Labbadia: Das Nordderby hat noch einmal bestätigt, dass die Mannschaft einen tollen Charakter hat. Wir haben immer wieder versucht, Akzente zu setzen und auch Reibung zu schaffen, um uns weiterzuentwickeln. Das hat funktioniert. Am meisten überrascht hat mich, dass es die Mannschaft im Sommer geschafft hat, in der kurzen Zeit von nur dreieinhalb Wochen Vorbereitung, die Spielart, die wir vorgeben wollten, zu übernehmen. Dabei waren alle mit sehr viel Begeisterung dabei und haben eine große Bereitschaft gezeigt, dies umzusetzen.

Frage: Wie sieht Ihre Spielphilosophie aus?

Labbadia: Wir wollen das Spiel noch mehr in die eigene Hand nehmen und unseren Stempel aufdrücken. Dabei heißt es nicht nur reagieren, sondern vor allem agieren. Unser Fußball soll sich nicht verändern, egal wer auf dem Platz steht. Wir können uns mit anderen Spielern nicht auf einmal hinten reinstellen, sondern wollen immer in der gleichen Art auftreten. Dabei sind wir noch lange nicht fertig. Durch die vielen internationalen Spiele hatten wir nur wenig Zeit, weiter daran zu arbeiten. Diese Kontinuität brauchen wir, um uns weiterzuentwickeln.

Frage: Auch der HSV hatte eine Schwächephase mit sechs Spielen ohne dreifachen Punktgewinn.

Labbadia: Ich würde es nicht als eine Schwächephase bezeichnen. Von der Leistung waren auch diese Spiele in Ordnung. Ich würde daher eher von Ergebnisproblemen reden. Wir haben uns nicht in Form von Punkten belohnt. Diese Phase haben wir aber gut überstanden. Ich denke, es gibt nicht viele Mannschaften, die das geschafft hätten.

Frage: Dazu haben einige junge Spieler die Gunst der Stunde genutzt.

Labbadia: Wir haben einige junge Spieler integriert. Torun ist in den letzten Wochen förmlich explodiert und bereits ein fester Bestandteil der Mannschaft. Auch Arslan haben wir eingebaut oder Maximilian Beister reingeschmissen, zuletzt auch Sören Bertram herangeführt. Wir wollen im Verein längerfristig arbeiten. Dazu gehört es auch, den jungen Talenten eine Chance zu geben. Dabei geht es nicht nur darum, den Kader aufzufüllen, sondern ihnen auch Einsatzzeiten zu geben.

Frage: Gibt es dennoch weitere Personalüberlegungen für die Winterpause?

Labbadia: Wir wollen nicht einfach jemanden holen, damit wir etwas getan haben. Im Sommer hat der Verein hohe und gute Investitionen getätigt. Mit so viel Verletzungspech konnte keiner rechnen. Wir müssen wirklich sehen, ob es sich lohnt.

Frage: Zurück zu den vorhandenen Spielern. Wer hat Sie in der Hinrunde am meisten beeindruckt?

Labbadia: Das ist schwer zu sagen. Ich denke da vor allem an Spieler wie Joris Mathijsen oder David Jarolim, die in ihrer Spielweise vielleicht nicht für das Spektakuläre zuständig sind und nicht so oft im Rampenlicht stehen, aber unheimlich wichtig für die Mannschaft sind. Auch ein Spieler wie Dennis Aogo hat, obwohl er im Sommer quasi keine Pause hatte, alle Spiele absolviert.

Frage: Und fußballerisch?

Labbadia: Das sind sicher Spieler wie Zé Roberto oder Eljero Elia zu nennen. Doch über allen würde ich die Mannschaft stellen. Wenn ich sehe, dass bei anderen Vereinen schon bei zwei Verletzungen gejammert wird, das ist bei uns anders. Wir haben einen starken Charakter innerhalb der Truppe.

Frage: Wie haben Sie selber das erste halbe Jahr als HSV-Trainer erlebt?

Labbadia: Es war ein sehr intensives halbes Jahr, in dem ich viele Situationen erlebt habe, für die man ansonsten Jahre braucht. Es war von Anfang an eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Es ist ganz klar das Ziel zu erkennen, mit dem Trainerteam länger zusammenzuarbeiten und einen gemeinsamen Weg zu gehen. Dazu gehört es auch einmal, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht nicht so populär sind. Der Wille ist bei allen Entscheidungsträgern da, viele Probleme auch auf kurzem Wege zu lösen.

Frage: Und was wünschen Sie sich für den HSV in der Rückrunde?

Labbadia: Es ist schwer, eine Prognose abzugeben. Wir müssen mit unserer Situation sehr sorgsam umgehen. Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, dass in der Rückrunde alle Verletzungssorgen weg sind. Einige Spieler stehen uns sicherlich erst zur Mitte der Runde wieder zur Verfügung und brauchen zudem Zeit, um auf ihr absolutes Top-Niveau zu gelangen. Ich habe kein Problem damit, hohe Ziele auszusprechen, denn das ist auch der Anspruch des HSV. Aber es ist schwer einzuschätzen, wohin die Reise geht.