Vielleicht liegt es am guten Essen? Nein, in Italien speist man überall formidabel. Das Wetter? Kann nicht sein, schließlich ist beinahe der gesamte "Stiefel" von der Sonne und angenehmen Temperaturen verwöhnt. Die Frauen? Unmöglich, denn schöne Damen zieren landauf landab, von der Lombardei bis nach Sizilien, das Straßenbild.

Warum also blüht dieser Alberto Gilardino nach drei für seine Klasse unterdurchschnittlichen Jahren beim AC Mailand in Florenz so auf? Seit Sommer 2008 trägt er das violette Trikot des Toskana-Clubs und hat sich seinen festen Platz im Herzen der "Fiorentina"-Tifosi erspielt.

Luca Toni: "'Gila' braucht keine Tipps"

Vielleicht ist es die Tradition, die "Gila", so sein Spitzname, wieder so stark macht. Mit Gabriel Batistuta, der in 269 Partien für Florenz sage und schreibe 168 Tore erzielte, und Luca Toni (67 Spiele/ 47 Treffer), zählt Gilardino äußerst prominente und treffsichere Stürmer zu seinen Vorgängern bei der "Fiorentina".

Auch wenn der 27-Jährige derzeit eine kleine Torflaute aufzuweisen hat - seit sechs Spieltagen hat er in der Serie A nicht mehr getroffen - ist er mit neun Saisontreffern bester Schütze seines Teams. In der Champions League netzte Gilardino in bislang fünf Partien drei Mal. Darunter auch im abschließenden Gruppenspiel beim FC Liverpool: An der Anfield Road erzielte er in der 90. Minute das 2:1-Siegtor, das Florenz den Gruppensieg bescherte.

Deshalb sieht Luca Toni auch keine Notwendigkeit, seinem Nachfolger bei der "Fiorentina" Tipps in Sachen Toreschießen zu geben. "Das braucht 'Gila' nicht", sagt Toni, der vom FC Bayern bis Saisonende an den AS Rom ausgeliehen ist: "Auch wenn er im Moment nicht trifft. Solche Phasen gibt es immer bei einem Stürmer. Ich denke, dass er für Bayern sicherlich die größte Gefahr darstellt. Eine Chance reicht ihm, um das Tor zu machen."

Sturmpartner Mutu fehlt

Die Last der Verantwortung liegt in der Offensive quasi allein auf den eher schmalen Schultern des 1,84 Meter großen und 79 Kilogramm schweren Gilardino. Sein kongenialer Sturmpartner Adrian Mutu ist aufgrund eines Dopingvergehens seit Mitte Januar gesperrt. Als einzige Spitze tut sich Gilardino seitdem schwer.

Hinzu kommt die große Erwartungshaltung im Land des amtierenden Weltmeisters. "Gilardino hat das Talent, Batistuta zu beerben", sieht die Gazzetta dello Sport in ihm bereits den möglichen Nachfolger des legendären "Batigol". Der argentinische Stürmer will zwar keinen Tipp abgeben, wie viele Tore Gilardino noch für Florenz erzielen wird, würde ihm aber den Erfolg gönnen: "Alberto ist ein Stürmer, von dem ich schon immer viel gehalten habe."

Bei den "Rossoneri" gescheitert

Nicht mehr allzu viel hielt man beim AC Mailand vom 29-fachen Nationalspieler, der 2006 mit der "Squadra Azzurra" Weltmeister wurde. Drei Jahre spielte Gilardino für Milan und konnte die in ihn gesetzten Hoffnungen nie erfüllen.

In der ersten Saison nach seinem Wechsel im Sommer 2005 vom AC Parma, für den er zuvor in zwei Spielzeiten jeweils 23 Tore erzielte, hielt er zwar mit 17 Treffern fast seine Quote. Doch in den beiden folgenden Jahren gelangen "Gila" nur noch zwölf beziehungsweise sieben Tore - zu wenig für die hohen Erwartungen bei den "Rossoneri".

Und so kam es zum Transfer nach Florenz, wo Gilardino einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieb. Ein Hauptgrund für den Wechsel: "Fiorentina"-Trainer Cesare Prandelli, der Gilardino bereits in Parma zum Höhenflug verhalf. "Er hat die Ernsthaftigkeit, die richtige Umgebung und die Überzeugung gefunden, die er zuvor vielleicht verloren hatte", erklärt Prandelli Gilardinos Formanstieg. "Wenn man weiß, wie man Fußball spielt, reicht es, diese Komponenten zusammenzuführen, um so etwas zu schaffen."

Liebe auf den zweiten Blick

Für ihn sei der Mittelstürmer ein "schweigsamer Anführer", also "genau so, wie es mir gefällt". Gilardino arbeitet für die Mannschaft, spielt die Bälle auch ab. Im Strafraum beweist er wieder regelmäßig seinen Torriecher, Technik und Eleganz runden das Bild eines der erfolgreichsten Torjäger Europas ab.

Gilardino hat die schweren Zeiten in Mailand hinter sich gelassen, wie auch Batistuta glaubt: "Vielleicht hat er unter der großen Konkurrenz bei Milan gelitten. Aber in Florenz hat er sich erholt und ist reifer geworden."

Zwischen Gilardino und der "Fiorentina" ist es übrigens Liebe auf den zweiten Blick. Als der Piemontese 1996 im Alter von 14 Jahren bei einem Testspiel mitwirkte, fiel er durch das Raster der Talentsichter. Prandelli hätte ihn sicherlich bereits damals unter Vertrag genommen...

Denis Huber