Hamburg - Zu Beginn des Nordderbys zwischen dem Hamburger SV und Hannover 96 gab es eine herzliche Umarmung beider Kapitäne. Kein Wunder: Hatten Johan Djourou und Christian Schulz in der Rückrunde der Saison 2012/13 noch gemeinsam das Trikot der 96er getragen.

Doch mit dem Anpfiff waren die Nettigkeiten vergessen. Die Hamburger schnürten die Gäste von Beginn an in deren Hälfte ein und gingen bereits nach sechs Minuten durch Michael Gregoritsch in Führung.

Kein gutes Omen für die Roten. Von den letzten zehn Derbys hat der HSV keines verloren. Außerdem erwies sich die Defensive der Gastgeber in fünf der zehn Liga-Spiele zuvor als unüberwindlich. Nur bei Rekordmeister Bayern München stand häufiger die Null (sieben Mal).

Adler in Durchgang eins ohne Beschäftigung

Und die Hannoveraner strotzen in der aktuellen Saison nicht gerade vor Selbstbewusstsein. Sechsmal verließen sie als Verlierer den Platz. So einen schlechten Start hatte das Team aus der niedersächsischen Landeshauptstadt vor 44 Jahren hingelegt. In der Spielzeit 1971/72 standen nach zehn Partien sieben Pleiten zu Buche.

Angesichts der Hamburger Angriffswellen konnte einem "Angst und Bange werden" gab Uffe Bech nach der Partie zu. Keinen einzigen Schuss bekam HSV-Keeper René Adler in Durchgang eins auf sein Gehäuse.

"Sie haben uns am Leben gelassen"

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Doch dem HSV wollte das zweite Tor einfach nicht gelingen. Reihenweise ließen die Gastgeber ihre Chancem liegen, und wenn doch mal ein Ball aufs Gehäuse kam, war Ron-Robert Zieler zur Stelle. "Eine ganz starke Leistung" bescheinigte 96-Coach Michael Frontzeck dem National-Keeper, der seit dem 1. April 2011 zum 153. Mal in Folge in der Startelf der Niedersachsen stand. Das war in der Geschichte der 96er zuvor niemandem gelungen.

"Das Beste an der ersten Halbzeit war, dass sie uns am Leben gelassen haben", so Schulz gnadenlos ehrlich. Und das sollte sich rächen. Hiroshi Kiyotake traf in der 59. Minute vom Elfmeterpunkt, und acht Minuten später stellte Salif Sané mit seinem Treffer zum 2:1-Endstand die Partie auf den Kopf.

"So ein Spiel habe ich noch nie erlebt"

Während die 96er nach dem Schlusspfiff den 2:1-Sieg ausgiebig feiern, hatten die Gastgeber Mühe, das Geschehene zu begreifen. "So ein Spiel habe ich noch nie erlebt", war Sven Schipplock fassungslos. "Wir haben Chance auf Chancen und machen das zweite Tor nicht, und die schießen zweimal aufs Tor... Das war der Knackpunkt. Wenn wir das 2:0 machen, ist Hannover tot."

Eine Meinung, die Verlierer wie Sieger vertraten. "Wir haben viel Glück gehabt. Das war spielerisch nicht das, was wir uns wünschen", so Zieler. "Aber Fußball ist nun mal ein Ergabnissport. Die drei Punkte haben wir. Wir hatten das nötige Quäntchen Glück. jetzt können wir ein wenig durchatmen."

Frontzeck lobt Moral seines Teams

"Der HSV war in Halbzeit eins die klar bessere Mannschaft. Sie haben den Fehler gemacht, das nicht zu Ende zu spielen", so Frontzeck. "Ich weiß nicht, ob wir einen 0:2-Rückstand noch aufholen."

So aber hatte der Coach allen Grund, sein Team zu loben. ""Es liegen schwere Wochen hinter uns mit der Niederlage gegen Frankfurt und im Pokal in Darmstadt", so Frontzeck. "In der zweiten Halbzeit hat man dann gesehen, das steht eine Mannschaft auf dem Platz. Das ist auch der Grund, warum ich mich immer wieder vor die Mannschaft stelle."

"In Ruhe auf Hertha vorbereiten"

"Es geht in dieser Saison nur darum, die Klasse zu halten", fiel Schulz nicht in Euphorie. "Dafür haben wir heute ganz wichtige Punkte geholt. Jetzt haben wir etwas Ruhe und können uns konzentriert auf Hertha vorbereiten."

Die Berliner sind am Freitagabend zu Gast in der HDI-Arena. Für die Partie wünschte Djourou seinem Ex-Kollegen viel Glück. Genau so, wie Schulz dem Schweizer Nationalspieler alles Gute für das Spiel in Darmstadt. Nach den 90 Minuten waren sie wieder Freunde.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs