München - Bayerische Offensivpower gegen englische Defensivarbeit? Ralf Rangnick ist sich sicher, dass der FC Bayern im Champions-League-Finale gute Chancen hat, den FC Chelsea aus dem Weg zu räumen (Sa., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker).

"Die Bayern werden das Spiel dann gewinnen, wenn sie die Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler so gering wie möglich halten. Wenn Arjen Robben und Franck Ribery die Bälle zu lange halten, ohne schnell zu passen, spielt das eher Chelsea in die Karten", erklärte der ehemalige Trainer von 1899 Hoffenheim und dem FC Schalke 04 im Gespräch mit bundesliga.de

bundesliga.de: Herr Rangnick, Sie haben in England studiert und eine besondere Beziehung zu diesem Land, vor allem aber zum englischen Fußball aufgebaut. Was gefällt Ihnen besonders?

Ralf Rangnick: Da ich als junger Mensch in England gelebt habe, konnte ich viele Spiele sehen. Mich hat die Art und Weise, wie die Fans ihre Mannschaften unterstützen, beeindruckt. Das hat sich im Laufe der Zeit ein wenig gewandelt. Im Großen und Ganzen ist es aber immer noch so, dass in englischen Stadien eine ganz besondere Atmosphäre herrscht, die es in kaum einem anderen Land gibt.

bundesliga.de: Nach Manchester United im letzten Jahr hat es mit dem FC Chelsea wieder eine englische Mannschaft ins Finale der Champions League geschafft. Eine Überraschung?

Rangnick: Ja, denn damit hatte ja eigentlich keiner vorher gerechnet. Die Rollen waren ja auch angesichts der bis dato gezeigten Leistungen klar verteilt. Natürlich war es völlig legitim, so zu spielen, wie es der FC Chelsea gegen Barcelona gemacht hat. Man kann auch nicht sagen, dass es unverdient war. Den Fußball hat es insgesamt aber nicht weitergebracht. Der Zweck hat die Mittel geheiligt, und die Rechnung ist für die "Blues" aufgegangen.

bundesliga.de: Im Gegensatz zu den Londonern hat der FC Bayern in der "Königsklasse" beeindruckt. Wie sehen Sie den bisherigen Erfolg?

Rangnick: Es ist spürbar gewesen, dass das Endspiel im eigenen Stadion die Mannschaft beflügelt hat. Deshalb haben sie den Fokus sicherlich ein klein wenig mehr auf die Champions League gelegt. Trotzdem bleibt festzustellen, dass Borussia Dortmund in der Bundesliga total dominierend war. Sie haben die Bayern zuletzt oft hintereinander geschlagen, das sagt alles aus.

bundesliga.de: Ähnlich wie Dortmund versteht es Chelsea, unheimlich diszipliniert zu verteidigen. Was sind die Besonderheiten im taktischen System der Londoner?

Rangnick: Seitdem Roberto di Matteo Trainer beim FC Chelsea ist, erkennt man seine Handschrift. Es ist ein italienischer Stil, den man in London am ehesten mit der Zeit unter Jose Mourinho vergleichen kann. Der große Schwerpunkt liegt auf der Defensive. Sie laufen meist mit nur einer Spitze und einem Fünfer-Mittelfeld auf, ziehen sich sehr weit zurück und setzen auf Konter. Gegen Barcelona hat der FC Chelsea die beiden Außenpositionen mit gelernten Mittelfeldspielern besetzt (Mata, Ramires, Anm. d. Red.), während sie in der Premier League häufig mit zwei Stürmern auf den Außen spielen (Sturridge, Kalou, Anm. d. Red.). Mich würde es nicht wundern, wenn sie in München auf die defensivere Variante setzen.

bundesliga.de: Simon Rolfes hat im Interview mit bundesliga.de erklärt, dass die Londoner Defizite im Spielaufbau haben. Inwieweit stimmen Sie zu?

Rangnick: Chelsea ist gar nicht daran interessiert, das Spiel selber zu machen. Sie werden sich weit zurückziehen und vor dem eigenen Strafraum die Räume dicht machen, um aus eigenen Balleroberungen schnell nach vorne zu spielen. Das wird die Marschroute sein, alles andere wäre für mich sehr überraschend.

bundesliga.de: Wie sehen Sie im Gegenzug die Taktik der Münchner?

Rangnick: Der FC Bayern hat in der laufenden Saison verschiedene Gesichter gezeigt. Im September, Oktober und November hatten sie viele Elemente von Borussia Dortmund in ihrem Spiel, was ballorientiertes Spiel, Balleroberungen, das schnelle Umschalten und möglichst wenig individuelle Ballkontakte angeht. Dann gab es aber auch wieder Phasen, beispielsweise zum Beginn der Rückrunde, wo sie gespielt haben wie unter Louis van Gaal. Die Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler waren da sehr hoch.

bundesliga.de: Also könnte wenig Ballbesitz den Champions-League-Sieg bedeuten?

Rangnick: Die Bayern werden das Spiel dann gewinnen, wenn sie die Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler so gering wie möglich halten. Wenn Arjen Robben und Franck Ribery die Bälle zu lange halten, ohne schnell zu passen, spielt das eher Chelsea in die Karten.

bundesliga.de: Apropos Karten. Der FC Bayern und auch der FC Chelsea müssen im Finale auf gesperrte Spieler verzichten.

Rangnick: Es ist eine Besonderheit, dass beide Teams auf absolute Stammspieler im defensiven Mittelfeld und im zentralen Abwehrbereich verzichten müssen. Wenn man davon ausgeht, dass die Bayern spielen wie gegen den 1. FC Köln, dann ist das eine Abwehr, die in der Form kaum zusammengespielt hat. Bei Chelsea ist es aber ähnlich. An der taktischen Ausrichtung beider Mannschaften wird es nichts ändern.

bundesliga.de: Unter anderem muss der FC Bayern ohne Ihren ehemaligen Schützling Luiz Gustavo auskommen. Ein großer Nachteil, da er gegen die robusten Engländer im defensiven Mittelfeld aufgrund seiner Lauf- und Zweikampfstärke effektiver wäre?

Rangnick: Das steht außer Frage. Jupp Heynckes sieht das sicherlich genauso. Für mich ist Luiz einer der besten Balleroberer der Welt. Er hat es wie kein Zweiter im Blut, wann er attackieren muss. Grundsätzlich ist Bayern mit Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger auf der Doppelsechs deutlich konteranfälliger. Deshalb sollten die Münchner speziell darauf achten und möglichst wenig Konter zulassen.

Das Gespräch führte Sebastian Schramm