Dortmund - Eine Saison der Superlative hat der BVB auf den Rasen gezaubert. Viele schöne Stunden mit packendem Offensivfußball, herrlichen Toren und bemerkenswertem Jubel. Aber es gab auch schmerzhafte Momente in der Saison 2011/2012. Körperliche Qualen und sportliche Leiden.

bundesliga.de blickt auf die Momente des Meisters, die richtig weh taten - und widmet sich nach "Brüche, Blut und Beulen" im zweiten Teil einem misslungenen Auftritt in der Champions League.

"Wir sind auf einem sehr guten Weg. Aber für diese Aufgaben in der Champions League, das muss man so sagen, hat es noch nicht gereicht." Das Fazit von Jürgen Klopp fiel eindeutig und ernüchternd aus.

Reichlich Lehrgeld gezahlt



So wie Klopp den sonst üblichen Trainingsanzug für die Auftritte in Europas "Königsklasse" gegen Anzug und Krawatte getauscht hatte, so wechselte leider auch seine Mannschaft ihr Gesicht. Aus der ballsicheren, offensivstarken und souveränen Meisterelf wurde eine Ansammlung von Fußballern, die international reichlich Lehrgeld zahlte und sich nach der Vorrunde als Gruppenletzter aus der Champions League verabschiedete.

Dabei waren die Auftritte nicht generell schlecht. Im Gegenteil: Der BVB betrieb einen enormen Aufwand, überzeugte in den meisten der sechs Spiele sogar, münzte diese Überlegenheit aber nicht in Tore um. Zum Auftakt gegen Arsenal London standen am Ende 14:4 Torschüsse zu Buche, aber nur ein mageres 1:1 als Ergebnis. Auch in Marseille verzeichnete man mehr Ecken und Torschüsse als der Gegner, ließ sich aber von Olympique mit einer 0:3-Klatsche nach Hause schicken.

"Es fehlt ein kleiner Drecksack"



Die bittere Erkenntnis: Begeisterung und Leidenschaft allein gewinnen in diesem Fall keine Spiele. Jürgen Klopp nahm seine junge Mannschaft aber in Schutz: "Häufig haben wir davon gelebt, dass die Jungs ihre Spiele mit ganz viel Herzblut angehen, ohne groß zu taktieren. So sind wir auch in die Champions League gekommen. Das hat uns auch schon sehr viele Punkte eingebracht, mit welchem Enthusiasmus die Jungs zu Werke gehen."

Nur eben international nicht, wo man einen Ball auch mal ungalant ins Aus dreschen muss, bevor es am eigenen Strafraum brenzlig wird. Oder auch mal auf ein taktisches Foul zurückgreifen muss. "In solchen Phasen fehlt uns ein kleiner Drecksack", brachte es Roman Weidenfeller auf den Punkt. Die Mannschaft aber versuchte alles spielerisch zu lösen - ehrenvoll, aber nicht effektiv. Und so stand zusammen mit der 1:3-Niederlage in Piräus nach drei Partien gerade einmal ein Pünktchen auf der Habenseite, und das bei sieben Gegentreffern.

"Zu viel Nervosität"



Gerade die in der Vorsaison so sichere Meisterdefensive (22 Gegentore in 34 Spielen) wackelte auf einmal auf internationaler Ebene. Ein Hauptgrund waren vor allem unerklärliche, individuelle Fehler - miserables Stellungsspiel, Stockfehler, Pässe und Kopfballrückgaben in den Fuß des Gegners. "Zu viel Nervosität und zu viele einfache Ballverluste" machte Sportdirektor Michael Zorc als Problem aus. Auch hier musste der BVB viel Lehrgeld zahlen.

Parallel dazu hakte es in der Chancenverwertung. Ein Phänomen, das der BVB auch aus der Bundesliga kannte, das er hier aber zumeist kompensieren konnte. Auf Europas Plätzen aber weht bisweilen ein anderer Wind. Wer hier seine Möglichkeiten nicht nutzt, steht am Ende dumm da. Mats Hummels fand es sogar "grotesk und frustrierend", wie viele Chancen die Mannschaft nicht nutzen konnte. "Das ist eine Qualität, die uns fehlt."

Rang 3 bleibt dem BVB verwehrt



Den einzigen Sieg in der Champions League sicherte sich Borussia Dortmund im vierten Spiel der Gruppe gegen Piräus. Ein knapper 1:0-Zittererfolg und ein Spiel, in dem der BVB trotz früher Führung nach sieben Minuten nicht an Sicherheit hinzu gewann. Und selbst nach der folgenden Niederlage in London peilte der BVB immerhin noch den dritten Gruppenrang und damit die Qualifikation für die Europa League an. Doch selbst das blieb dem Team verwehrt.

Vielmehr war die abschließende 2:3-Niederlage gegen Marseille noch einmal "ein Spiegelbild unserer Champions-League-Saison", wie Jürgen Klopp frustriert feststellte. Viele vergebene Chancen, immer neue Abwehrfehler und ein Gegner, der das Wort Abgeklärtheit genüsslich mit Toren buchstabierte. Ein Sieg, ein Remis und vier Niederlagen sowie eine Tordifferenz von 6:12 standen so am Ende in der Bilanz. "Wer so viele Gegentore kriegt, hat es nicht verdient, weiterzukommen", zog Klopp einen nüchternen Schlussstrich.

Klopp nimmt sein Team in der Pflicht



Immerhin: Nach den enttäuschenden Auftritten auf internationalem Parkett schaffte es der BVB, in der Bundesliga stets eine Reaktion zu zeigen. Gala-Auftritte gegen Wolfsburg, Köln oder Schalke halfen, den Schmerz zu lindern. "Nach den Pleiten in der Champions League sind wir an den Wochenenden danach immer wieder zurückgekommen und so auch zu den Unbesiegbaren geworden", meint Sebastian Kehl nicht ohne Stolz.

In der neuen Saison aber wollen sich die Dortmunder damit nicht zufrieden geben. "Wir haben Erfahrungen gesammelt, sind gereift und werden sicher ein paar Punkte mehr holen", ist Jürgen Klopp überzeugt. Der Trainer nimmt seine Mannschaft aber dieses Mal auch in die Pflicht, ihrer Verantwortung als Deutscher Meister gerecht zu werden: "Dass wir die Verpflichtung haben, für Deutschland Punkte zu holen, das wissen wir."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte