Günter Netzer feiert heute, am 14. September, seinen 65. Geburtstag. Von Ruhestand dürfte für den früheren Topfußballer von Borussia Mönchengladbach und der deutschen Nationalelf, heute in der Sportrechtebranche erfolgreich und anerkannter TV-Experte der ARD, aber auch dann keine Rede sein. Rainer Bonhof würdigt seinen Freund Günter Netzer.

Als junger Kerl von 18 Jahren zu Borussia Mönchengladbach zu kommen, hatte für mich etwas ganz Besonderes. Der Bökelberg, unser damaliges Stadion, und Günter Netzer waren absolut das Größte.

"Schillernde Figur mit moderner Kleidung"

Als ich dort 1970 zum Profikader stieß, hatte der Club sich seit dem Aufstieg von 1965 in der Bundesliga schon absolut etabliert, 1970 die erste Deutsche Meisterschaft gewonnen und besaß mit Günter Netzer eine schillernde Figur in seinen Reihen, eine Persönlichkeit: als Typ ein Stück weit anders als der Rest bei der Borussia, auffällig auch durch seine langen Haare, moderne Kleidung und das ganze Drumherum.

Als Spieler produzierte er damals die Mönchengladbacher Stadionzeitung, das "Fohlen-Echo", Ausdruck seiner Geschäftigkeit über die Rolle als Fußballspieler hinaus. Er betrieb die Diskothek "Lovers Lane", dazu ein Restaurant. Über ihn wurde schon damals ein Buch geschrieben ("Rebell am Ball"), er hatte Kontakt zu Prominenten aus anderen Branchen - und er fuhr einen Jaguar.

Mit dem Jaguar durch den Fahrradtunnel

Weil dieser Vorfall verjährt ist und in dieser Form heute sicherlich auch nicht mehr vorkommen würde, kann ich zu diesem außergewöhnlichen Auto eine kleine Anekdote erzählen. Tagtäglich ging es bei uns um fünf Mark für den, der als Erster das Trainingsgelände erreichte.

Einmal hat Günter registriert, das wir mit unseren langsameren Pkws einen kleinen Vorsprung hatten, der auf normalem Weg für ihn nicht mehr aufzuholen war. Mit seinem extrem schmalen Jaguar hat er eine abenteuerliche Abkürzung durch einen Fahrradtunnel gewählt - und gewonnen.

So ehrgeizig war er; und diese Einstellung hat sicherlich auch dazu geführt, dass Günter nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn in jeder Hinsicht weiter stark am Ball blieb. Sei es als erfolgreicher Manager des Hamburger SV mit drei Deutschen Meisterschaften und dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983, sei es als Executive Director der Sportrechteagentur Infront Sports & Media AG - oder in seiner bekannten Rolle als Fernsehexperte an der Seite von Gerhard Delling. Ein Part, den er mit seiner Fähigkeit zur Spielanalyse geradezu perfekt beherrscht.

"Haben uns immer gut verstanden"

Dass wir uns in der gemeinsamen Zeit in Mönchengladbach immer sehr gut verstanden haben und das bis zum heutigen Tag auch so geblieben ist, galt nicht unbedingt für meine fußballerischen Anfänge in der Bundesliga.

Als Stürmer, der ich von Haus aus war, musste ich ja von Günter Netzer mit Zuspielen versorgt und mit Pässen auf die Reise geschickt werden. Nur bin ich manches Mal falsch gelaufen, so dass unser Trainer Hennes Weisweiler für mich eine andere Rolle gesucht und gefunden hat: hinter Günter Netzer im defensiven Mittelfeld, als Absicherung für ihn.

Reibungspunkte mit Weisweiler

Aus dieser Position heraus war ich auch an einem seiner Tore beteiligt, das legendäre Bekanntheit erlangt hat. Unmittelbar vor seinem Wechsel zu Real Madrid ließ Hennes Weisweiler diesen Star im DFB-Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln in Düsseldorf auf der Ersatzbank schmoren. Dazu muss man auch wissen, dass es zwischen dem Trainer und Günter Netzer wegen unterschiedlicher Standpunkte immer wieder mal Reibungspunkte gab.

Bis Günter zu Beginn der Verlängerung auf dem Platz stand - ob er sich nun selbst eingewechselt hat oder diese eine Maßnahme von Hennes Weisweiler kam, lassen wir hier einmal dahingestellt. Auf jeden Fall hat Günter Netzer schon nach wenigen Minuten ein Zuspiel von mir aufgenommen, den Ball mit dem linken Fuß ins Kölner Tor gedroschen und so unseren 2:1-Triumph sichergestellt.

"Er gab dem Ganzen den besonderen Kick"

Im Grunde stand diese Szene für das, was Günter Netzer für das Spiel von Borussia Mönchengladbach ausmachte: Er gab dem Ganzen den besonderen Kick, den Aktionen einer sehr gut besetzten Mannschaft die spezielle Note. Und was viele nicht wissen oder sich heute einfach nicht mehr vorstellen können: Günter Netzer war ungeheuer schnell mit seinen großen Schritten, mit denen er durch das Mittelfeld stürmte, um die Mitspieler passgenau in Szene zu setzen oder selbst den Abschluss zu suchen.

Eine andere Spezialität waren seine Freistöße. Vor der Ausführung legte er den Ball so gefühlvoll wie ein rohes Ei zurecht, eine echte Zeremonie, die mit dieser Hingabe seinerzeit noch nicht üblich war. Unabhängig von seinen beschriebenen Interessen abseits des Fußballplatzes, die wir - ehrlich gesagt - damals nicht so recht nachvollziehen konnten, war auch Günter Netzer in dieser verschworenen Gemeinschaft ein richtig guter Kumpel.

Denkmal gesetzt: Maskottchen heißt "Jünter"

Unser Kontakt ist nie abgerissen, regelmäßig unregelmäßig telefonieren wir, und am Rande von Fußballspielen sieht man sich sowieso. Treffen sollten wir uns auch irgendwann im kommenden Jahr, wenn sich die erste Deutsche Meisterschaft für Borussia Mönchengladbach zum 40. Mal jährt.

Seine Spuren mit der Schuhgröße 46 2/3 hat Günter Netzer bei unserem Club sowie in der Nationalmannschaft hinterlassen. Seine Popularität bleibt auch im heutigen BORUSSIA PARK unübersehbar. Schließlich haben ihm die Fans mit dem von ihnen gewählten Namen für unser Maskottchen bereits ein Denkmal gesetzt: Unser Fohlen heißt "Jünter".