Gelsenkirchen - Der FC Schalke 04 steht vor dem Spiel beim FC Bayern München unter Druck. Im exklusiven Interview mit bundesliga.de erklärt Knappe Sead Kolasinac, warum er persönlich bisher eine sehr starke Saison spielt. Der Defensiv-Allrounder spricht auch über seine Erfahrungen mit Partien gegen den Rekordmeister und darüber, auf was zu achten gilt, wenn Kinder den Traum vom Profifußball träumen.

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bundesliga.de: Herr Kolasinac, das Spiel beim FC Bayern steht an. Ist die Anspannung grundsätzlich größer als vor einer Partie gegen ein anderes Team?

Sead Kolasinac: Wir wissen, dass wir gegen die stärkste Mannschaft Deutschlands spielen, die zudem auch in Europa zu den ganz großen Nummern gehört. Es ist immer eine besondere Herausforderung, sich mit so einer Mannschaft zu messen. Und wir werden trotz des schlechten Auftritts gegen Eintracht Frankfurt zuletzt alles daran setzen, dort ein gutes Spiel abzuliefern.

bundesliga.de: Ihr allererstes Bundesliga-Spiel in der Startelf haben Sie vor fast genau vier Jahren ebenfalls in München gegen die Bayern gemacht. Eine allzu fröhliche Premiere war das damals nicht...

Kolasinac: Nein. Das war es wirklich nicht. Damals war ich noch sehr jung und der Trainer Jens Keller hatte entschieden, dass ich erstmals von Beginn an spielen durfte - und das ausgerechnet beim FC Bayern München! Mein Gegenspieler war Arjen Robben und damals war ich wirklich sehr, sehr aufgeregt. Wir haben dann deutlich mit 0:4 verloren. Trotzdem wird dieses Spiel für mich immer eine ganz besondere Erinnerung bleiben.

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bundesliga.de: Damals - in der Saison 2012/13 - wurde der FC Bayern mit 25 Punkten Vorsprung Meister, in dieser Spielzeit scheint es weit schwieriger für den Rekordmeister. Haben die anderen aufgeholt oder haben die Bayern nachgelassen?

Kolasinac: Nein. Die Bayern haben nicht nachgelassen. Ich glaube, dass das Niveau der Bundesliga per se immer besser geworden ist in den vergangenen Jahren und dass viele Mannschaften aufgeholt haben. Die Bundesliga ist in jeder Hinsicht eine der erfolgreichsten und stärksten Ligen der Welt. Man darf kein einziges Spiel unterschätzen; jeder hat in jedem Spiel eine Chance, zu gewinnen - ganz egal, wo man gerade in der Tabelle angesiedelt ist. Und das macht es auch für den FC Bayern immer schwieriger.

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bundesliga.de: Erwartet hätte man allerdings, dass Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen oder auch Schalke den Bayern auf den Fersen bleiben - stattdessen füllt RB Leipzig diese Rolle aus. Sind Sie überrascht?

Kolasinac: Ich bin jemand, der gerne auch mal einen intensiveren Blick auf untere oder internationale Ligen wirft. Und ich habe schon in der vergangenen Zweitliga-Saison gesehen, dass sehr viel Qualität in dieser Mannschaft steckt und dass RB einen exzellenten Fußball spielt. Und bisher hat man das auch eine Klasse höher, in der Bundesliga, bestätigt. Deshalb überrascht es mich nicht, dass RB direkt hinter dem FC Bayern steht.

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bundesliga.de: Schalke hat in der Vorrunde gegen beide Teams nach eigentlich guten Leistungen verloren, weil man in den entscheidenden Momenten Fehler gemacht hat und auch Pech hatte. Waren diese beiden Spiele eine Blaupause dafür, warum sich Schalke in dieser Saison bisher so schwer tut?

Kolasinac: Ob das so ist, das fragen wir selbst uns natürlich auch. Ich glaube, dass unser Problem die mangelnde Konstanz ist. Manchmal zeigen wir wirklich Klasseleistungen - wie in der Phase Mitte der Hinrunde, als wir zwölf Pflichtspiele in Folge ungeschlagen waren. Dann wieder liefern wir Spiele ab, nach denen wir uns selbst nicht im Spiegel erkennen - wie am letzten Spieltag.

bundesliga.de: Sie selbst wurden im Hinspiel erst in der 86. Minute, beim Stand von 1:0 für die Münchner, eingewechselt. Am Ende stand es 0:2. Seitdem gab es für Ihr Team ein ziemliches Auf und Ab, während Sie persönlich seit dem 6. Spieltag auf gutem Niveau recht stabil sind...

Kolasinac: Das stimmt. Aber mir ist es ganz wichtig, immer wieder zu betonen, dass einer alleine Im Fußball nicht gut aussehen kann über einen längeren Zeitraum. In einem einzigen Spiel mag das mal möglich sein, über mehrere Spiele oder gar eine Halbserie aber ganz sicher nicht. Ohne das Team bist du nichts! Wir hatten unsere bisher beste Phase in dieser Saison ab dem 6. Spieltag, dem 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Danach sind wir die erwähnten zwölf Pflichtspiele in Serie ungeschlagen geblieben. In dieser Zeit waren wir alle sehr stark und es war für mich ein besonders tolles Gefühl, dass ich der Mannschaft mit vier Vorlagen und zwei Toren ein wenig helfen konnte.

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bundesliga.de: Sechs Scorerpunkte - das sind in einer halben Saison beinahe doppelt so viele wie in vier Spielzeiten zuvor. Ist das vor allem das Ergebnis davon, dass Markus Weinzierl seit einigen Monaten auf eine Dreierkette setzt?

Kolasinac: Es kommt mir auf jeden Fall zugute, dass wir nun mit drei Mann hinten spielen. Ich weiß, dass ich immer abgesichert bin, wenn ich nach vorne gehe. Dann kann ich mich darauf verlassen, dass Matija (Nastasic; d.Red.) hinter mir ist und in meinem Rücken aufpasst. Das ist bei der Viererkette nicht so. Da bist du selbst derjenige, der absichern muss. Wenn du dann nach vorne gehst, hast du unter Umständen niemanden mehr im Rücken, der wiederum für dich da ist. Mir macht es einfach Spaß, jetzt hin und wieder auch vorne mitmischen zu können.

bundesliga.de: Dabei ist Ihre ureigene Stärke nicht die Offensiv-, sondern die Defensivarbeit. Sie sagen von sich selbst, dass es "eklig" sei, gegen Sie zu spielen. Was genau macht Sie zum "Ekelpaket"?

Kolasinac: Ich bin sicher nicht der Spieler, der die Übersteiger auspackt und so vielleicht besser ins Spiel kommt, wie das bei Offensivspielern oft der Fall ist. Ich muss Zweikämpfe führen und natürlich möglichst gewinnen, um in mein Spiel zu finden. Und ich nehme mal an, dass es die Offensivspieler nicht so mögen, wenn da einer ist, der ihnen wirklich das ganze Spiel über im Nacken hängt. Ich glaube, das ist wirklich kein angenehmes Gefühl. Andererseits gilt auch: Als Abwehrspieler kannst du neunmal hervorragend klären; wenn du beim zehnten Mal zu spät kommst, bist du doch der Dumme.

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bundesliga.de: Spüren Sie, dass der ein oder andere Gegenspieler im Laufe des Spiels schonmal die Schultern hängen lässt und vielleicht sogar resigniert?

Kolasinac: Nein. Das würde ich nicht sagen. Wir sind alle Profis und wissen, dass wir das nicht zulassen dürfen. Jeder will gewinnen und das Beste für seine Mannschaft leisten. Ich kenne keinen, der nicht immer alles für sein Team bis in die letzte Sekunde in die Waagschale werfen würde.

bundesliga.de: Linker Außen- bzw. Innenverteidiger oder auch defensiver Mittelfeldspieler - und immer mit Vorwärtsdrang: Hat Ihnen Schalkes Jugendtrainerikone Norbert Elgert diese Vielseitigkeit anerzogen?

Kolasinac: Norbert Elgert kommt eine ganz große Bedeutung bei meiner Entwicklung zu. Er hat mich in der Jugend als Innenverteidiger ausgebildet. Wenn wir damals mal hinten lagen, hat er mich in den letzten Spielminuten oft in die Spitze beordert und mir mit auf den Weg gegeben: "Sead, immer gut den Körper reinstellen, versuch' den Ball vorne zu behaupten und abzulegen". Und hin und wieder habe ich auch mal als Sechser ausgeholfen. Und als ich später zu den Profis gekommen bin, hat es Huub Stevens mit mir im Training schon mal als linker Außenverteidiger versucht. Seitdem spiele ich meist auf dieser Position.

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bundesliga.de: Früher haben Sie Jermaine Jones und Kyriakos Papadopoulos als Vorbilder genannt. Heute gelten Sie längst als Führungsspieler und sind wahrscheinlich selbst für manchen Jugendlichen ein Vorbild. Was raten Sie einem 15-, 16- oder 17-Jährigen, der von einer Bundesliga-Karriere träumt?

Kolasinac: Ich würde ihm sagen: "Lass nie, wirklich nie, den Kopf hängen - egal, wie schlimm es auch mal aussehen kann." Man muss lernen, dass es nicht immer nur schöne Tage gibt. Es wird negative Erlebnisse und Zeiten geben, wie zum Beispiel bei einer schweren Verletzung, wie ich sie mit meinem Kreuzbandriss in der Saison 2014/15 hatte. Auch diese Dinge muss man annehmen und aus ihnen lernen. Und man muss selbstkritisch bleiben und den Fehler oder das Problem auch mal bei sich selbst suchen, wenn irgendetwas nicht rund läuft. Ebenso wichtig ist aber auch, dass der Spaß in diesen frühen Jahren nie verloren geht. Da möchte ich mich auch an die Eltern richten. Wenn es immer nur heißt, "du musst, du musst, du musst..." - dann wird das kaum zum Erfolg und zu einer dauerhaften Zufriedenheit führen können. Und gerade das ist doch das Tolle am Beruf als Fußballprofi, dass man seine tägliche Arbeit mit der großen Freude am Sport verbinden kann.

Das Gespräch führte Andreas Kötter