Mailand - In der historischen Nacht in San Siro war selbst Raul ratlos. "An solch ein Spiel kann ich mich nicht erinnern", sagte der spanische Weltstar und sprach seinen Teamkollegen von Schalke 04 damit das allerhöchste Lob aus.

Der dreimalige Champions-League-Gewinner mit Real Madrid, der die "Königsklasse" wie kein Zweiter geprägt und im europäischen Fußball eigentlich schon alles erlebt hat, staunte nach dem sensationellen 5:2 (2:2)-Triumph beim Titelverteidiger Inter Mailand genauso wie alle Beobachter.

Inter-Stars ausgebremst

"Damit haben wir Geschichte geschrieben", stellte der 33-Jährige fest, während sich um ihn herum Unglaubliches abspielte. Zwei Teenager, die Inters Weltklasse-Offensive in die Grenzen gewiesen hatten, feierten völlig losgelöst mit zwei Rückkehrern, die noch vor kurzem in die Regionalliga verbannt worden waren, und einem Brasilianer, der lange auf einen solchen Abend warten musste.

"Irgendwann im Schlaf", sagte der 19-jährige Joel Matip, "werde ich wohl aufhören zu grinsen." Grund zum Strahlen hatte der Deutsch-Kameruner nach dem denkwürdigen Viertelfinal-Hinspiel genug. Zusammen mit dem gleichaltrigen Griechen Kyriakos Papadopoulos hatte er die Superstars Samuel Eto'o und Wesley Sneijder ausgebremst und zudem das wichtige 1:1 (17.) nach dem Blitz-Rückstand durch Dejan Stankovic nach 25 Sekunden erzielt.

Rangnick löst die Blockaden

Mit Matip um die Wette grinste Hans Sarpei. "Hier stehen zwei ehemalige Amateurspieler", sagte der Ghanaer und zeigte auf Alexander Baumjohann neben sich, mit dem er vom Ex-Trainer Felix Magath in die Reserve geschickt worden war. Für einen Moment wurde der 34-Jährige ernst. "Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht sechs Tore gemacht haben", meinte er, dann lachte er lauthals.

Der Spaß ist zurück auf Schalke und hat Spieler zu einer Leistung beflügelt, die ihnen niemand zugetraut hatte. Verantwortlich dafür ist Ralf Rangnick. In nur drei Wochen hat der Rückkehrer scheinbar alle Blockaden gelöst. "Man sieht, dass die Psyche eine wichtige Rolle spielt", meinte der neue, alte Trainer, wollte aber Vergleiche mit seinem Vorgänger Magath nicht anstellen. "Ich habe schon vor dem Spiel den Einzug ins Halbfinale für realistisch gehalten. Dass die Schalker die Sache schon im Hinspiel klarmachen, hat mich dann aber doch überrascht", sagte Magath der Tageszeitung "Die Welt".

Edu wie verwandelt

Vom Stilwechsel nach der Trennung von Magath profitierte nicht nur Baumjohann, der sich im Mittelfeld an der Seite der enorm spielfreudigen Jefferson Farfan und Jose Manuel Jurado zu internationaler Klasse aufschwang. Vor allem Edu wirkte wie verwandelt. Der Brasilianer, der unter Magath auf der linken Außenbahn meist wie ein Fremdkörper wirkte, stahl als Stürmer sogar den Inter-Stars Eto'o und Diego Milito die Show.

"Er konnte einem schon ein bisschen leid tun, weil er keinen Ball bekam", sagte Rangnick im Rückblick auf das 0:2 bei Bayer Leverkusen, das letzte Spiel vor seiner Rückkehr auf die Schalker Trainerbank: "Mir war vom ersten Tag an klar, dass er im Zentrum spielen muss." Nicht nur mit den ersten beiden Europapokaltoren seiner Karriere (40. und 75.) bewies der 29-Jährige endlich brasilianische Qualitäten. Im schnellen Schalker Angriffsspiel, das die wackelige Inter-Abwehr völlig aus den Angeln hob, war er der auffälligste Aktivposten.

Schalke mit viel Offensive

Rangnick durfte sich an der Stätte des Schalker UEFA-Cup-Triumphes von 1997 als größter Gewinner fühlen. In kürzester Zeit hatte er nicht nur Spaß und Selbstvertrauen zurückgebracht, sondern auch eine taktisch Meisterliches geleistet. Ausgerechnet beim Triple-Gewinner und Bayern-Bezwinger Inter trat er die Flucht nach vorne an und bot fünf Offensive auf. "Das ist vielleicht ein bisserl zu viel", warnte Franz Beckenbauer auf der Tribüne - und staunte am Ende wie alle anderen.

Mit Mut zum Risiko legte Schalke die eklatanten Abwehrschwächen des Titelverteidigers offen, ließ sich auch durch das 1:2 von Milito (34.) nicht schocken, blieb dank der Weltklasseparade von Manuel Neuer gegen Eto'o (48.) von einem dritten Rückstand verschont und nahm dann den Weltpokalsieger nach allen Regeln der Kunst auseinander. Rauls 72. Europapokaltreffer (53.) und ein Eigentor von Andrea Ranocchia (57.) stießen das Tor zum Halbfinale ganz weit auf.

Das Rückspiel am nächsten Mittwoch sollte trotz aller Warnungen vor den Offensivqualitäten von Inter nur noch Formsache ein. "Ich fühle mich durch das Ergebnis relativ sicher", meinte Neuer. Über das Finale am 28. Mai im Wembley-Stadion wollte der Nationaltorwart aber nicht reden: "An den ganz großen Wurf möchte ich noch nicht denken."