Beim FC Schalke 04 ist bekanntlich alles eine Dimension größer. Es geht um große Emotionen, oft gibt es für die Anhänger nur die Wahl zwischen himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. In dieser Saison sind die Fans besonders sensibel. Mit großen Erwartungen und hohen Zielen ist der Traditionsverein in die Saison gestartet.

Mit neuem Trainer, neuen Spielern, einer neuen Spielphilosophie. Doch der Erfolg stellte sich bislang noch nicht wie gewünscht ein. Aus in der Champions-League-Qualifikation, Aus im UEFA-Cup, Aus im DFB-Pokal, in der Bundesliga nur im Mittelfeld. Die sportliche Zwischenbilanz der "Königsblauen" liest sich im Vergleich zur Vorsaison (Platz 3 in der Bundesliga und Viertelfinale in der Champions League) eher bescheiden.

Für Schalke wieder vieles möglich

Trotz des mühevollen 1:0-Heimsieges gegen den immerhin sechs Spiele lang ungeschlagenen 1. FC Köln kochte die Schalker Volksseele. Die Kritik der Fans richtete sich gegen die ihrer Ansicht nach zu defensiven Auswechslungen des Schalker Trainers Fred Rutten.

Doch bei allem Verständnis für den Frust der Anhänger, dürften sich die Mienen der Fans beim Blick auf die aktuelle Tabelle wieder erhellen. Denn dank der kleinen Schalker Erfolgsserie von sieben Punkten aus den vergangenen drei Ligaspielen und der unglaublichen Ausgeglichenheit an der Tabellenspitze scheint in der Bundeliga für S04 auf einmal wieder vieles möglich.

"Wieder einen kleinen Schritt nach vorne gemacht"

Gerade einmal fünf Zähler trennen die "Knappen" nur noch von dem punktgleichen Quartett (Bayern, Hoffenheim, Wolfsburg und Hamburg), das derzeit die Ränge zwei bis fünf besetzt. Selbst die direkte Qualifikation zur Champions League ist nicht mehr utopisch.

"Ich habe auch vor fünf, sechs Wochen immer über die Bundesliga gesagt, dass wir kämpfen werden, um unser Ziel zu erreichen", meinte Rutten nach dem Sieg gegen Köln. "Wir haben wieder einen kleinen Schritt nach vorne gemacht." Rutten zeigte sogar Verständnis für die Pfiffe der Fans, besonders nach der Auswechslung von Vicente Sanchez.

Rückendeckung von Gegner Daum

"Er hat ein gutes Spiel gemacht und ist bei den Fans sehr beliebt. Er macht gerade eine gute Entwicklung mit", so Rutten. "Aber am Ende war er platt. Ich musste ihn auswechseln, weil wir unbedingt die drei Punkte wollten. Und es hat ja geklappt."

Rückendeckung erhielt Rutten ausgerechnet vom Kölner Kollegen Christoph Daum. "Der Sanchez ist unglaublich viel gelaufen. Der Wechsel war 100-prozentig richtig." Einmal zur Lage auf Schalke befragt, empfahl Daum Besonnenheit. "In der Situation muss man die richtigen Lehren und Rückschlüsse ziehen", sagte der FC-Trainer.

"Schalke hat sich mit den drei Punkten wieder zurückgekämpft. Wenn ihnen das fünfmal in Serie gelingt, dann werden die Leute, die heute gepfiffen haben, wieder hinter ihrem Verein stehen und diese Mannschaft rückhaltlos mit Applaus unterstützen."

Jones fordert konstante Leistungen

So weit voraus denken die Schalker Spieler nicht. "Wir dürfen nur von Spiel zu Spiel denken", mahnt Schalkes Mittelfeldarbeiter Jermaine Jones. "Ich will gar nicht davon reden, dass wir wieder da sind. Wir müssen jetzt Konstanz in die Leistungen reinbringen und uns auf das nächste Spiel konzentrieren. Und das wird in Wolfsburg schwer genug."

"Wir brauchen jetzt jeden Punkt. Wir haben gegen Köln den Grundstein gelegt und müssen daran anknüpfen und den Schwung mitnehmen", fordert Schalkes Torwart Manuel Neuer, der mit einer großartigen Parade in der Schlussminute den Sieg festhielt.

Mit starker Abwehr gegen die "Wölfe"

Die Schalker Minimalisten, die fünf ihrer sieben Heimsiege mit 1:0 gewannen, fahren optimistisch nach Wolfsburg, wo nach Meinung von Verteidiger Benedikt Höwedes "ein schweres Spiel gegen einen unmittelbaren Konkurrenten um einen UEFA-Cup-Platz" ansteht.

Die Schalker werden bei der besten Rückrundenelf wieder auf ihre starke Abwehr setzen (mit 21 Gegentoren die mit Abstand sicherste der Liga) und auf den Aufwärtstrend der vergangenen Spiele.

Und außerdem: Mit zehn Rückrundenpunkten war Schalke bislang erfolgreicher als die Konkurrenten aus München, Hoffenheim, Hamburg, Leverkusen, Bremen und vor allem Borussia Dortmund. Beim in der Rückserie immer noch sieglosen Reviernachbarn hätte man die Schalker Sorgen nach einem 1:0 gegen Köln sicher gerne. Das sollte auch den Fans gefallen...

Tobias Gonscherowski