Gelsenkirchen - Niemand verkörpert die Mentalität beim FC Schalke 04 so wie Benedikt Höwedes. Fast zehn Jahre ist der Innenverteidiger jetzt teil des Schalker Profikaders und wurde 2011 von dem Mann zum Kapitän befördert, mit dem es am Samstag ein Wiedersehen gibt: Ralf Rangnick. Der Weltmeister spricht im Interview über die Super-Serie nach dem Fehlstart, seine ganz besondere Beziehung zu Schalke und das anstehende Topspiel gegen RB Leipzig.

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bundesliga.de: Herr Höwedes, nach fünf Niederlagen in der Bundesliga zum Start ist Schalke nun seit zwölf Pflichtspielen ungeschlagen. Gibt es eine halbwegs rationale Erklärung dafür, dass ein Team zunächst über Wochen kein Bein auf den Boden bekommt, dann aber innerhalb weniger Tage unbezwingbar wird?

Benedikt Höwedes: Eine rein rationale Erklärung gibt es dafür wohl nicht. Fußball hat viel mit Selbstvertrauen zu tun. Wenn das nicht vorhanden ist, laufen gewisse Dinge nicht in den normalen, üblichen Bahnen. Fehlt zudem noch das Quäntchen Glück, das man in gewissen Situationen einfach braucht, wird es sehr schwierig. Andererseits hilft großes Selbstvertrauen enorm, um schon mal eine schwierige Situation in einem Spiel zu überstehen. Und dann kommt man in einen Lauf, bei dem vieles wie von selbst zu gelingen scheint.

bundesliga.de: Bleibt trotzdem die Frage, woher nach fünf bitteren Niederlagen im sechsten Spiel plötzlich dieses Selbstvertrauen kommt?

Höwedes: Ganz so sehe ich das nicht, oder würden Sie sagen, dass wir gegen Bayern München ein schlechtes Spiel gemacht haben?!

bundesliga.de: Nein. Das war trotz der 0:2-Niederlage eine sehr ordentliche Leistung wie auch wenige Tage später beim 1:0-Sieg in der Europa League in Nizza. Trotzdem enttäuschte man kurz darauf in Berlin, zuhause gegen Köln und in Hoffenheim...

Höwedes: Schlecht waren vor allem die Spiele in Frankfurt zum Saisonauftakt und in Berlin. Trotzdem glaube ich, dass wir schon in den ersten Wochen Leistungen gezeigt haben, die den einen oder anderen Punkt verdient gehabt hätten. Leider haben wir uns oft durch individuelle Fehler selbst bestraft. Letztlich macht es für uns aber gar keinen Sinn, in der Vergangenheit zu wühlen. Wir sind sehr froh, dass wir aus dieser Situation gestärkt hervorgegangen sind. Und ich finde es sehr beachtenswert, dass wir immer die Ruhe bewahrt und geschlossen unseren Weg verfolgt haben. Hier hat niemand den Kopf verloren.

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bundesliga.de: Tatsächlich war es erstaunlich ruhig auf Schalke in einer Situation, in der früher wohl große Unruhe ausgebrochen wäre...

Höwedes: Die Mannschaft hat die Ruhe bewahrt, Trainer und Management haben immer die richtigen Worte gefunden und an uns geglaubt, und – das hat mich besonders beeindruckt – auch die Fans sind trotz fünf Niederlagen in Folge sehr ruhig geblieben. Ich denke, dass sie auch in den ersten fünf Spielen gespürt haben, dass wir unbedingt aus dieser Misere herauskommen wollten.

bundesliga.de: Wie sind Sie persönlich mit der Situation umgegangen, waren Sie vor allem mit sich selbst beschäftigt oder konnten Sie als Kapitän den Kollegen helfen?

Höwedes: Mit einem solchen Amt darf man sich nicht nur auf sich selbst konzentrieren. Und ich denke, dass ich in dieser Phase genau dasselbe gemacht habe, was ich nun auch mache: Ich bin vorweg gegangen und habe mich bemüht, die Mannschaft mitzureißen mit der Art und Weise, mit der ich selbst immer versuche, auf dem Platz aufzutreten. Natürlich spricht man in der Kabine auch miteinander und macht den Kollegen Mut, an die eigene Stärke zu glauben. Schließlich war uns trotz der Negativserie immer bewusst, dass wir eine Mannschaft sind, die guten Fußball zeigen kann.

bundesliga.de: Stichwort "vorweg gehen": Sie haben von 19 Pflichtspielen 18 bestritten, stets die vollen 90 Minuten, und nur in der vergangenen Woche gegen Nizza gefehlt. Ist man enttäuscht oder froh, wenn man nach diesem Dauereinsatz mal eine Pause bekommt?

Höwedes: Sowohl als auch. Ich hätte ganz gerne gespielt. Der Trainer hat aber mit mir gesprochen, und selbstverständlich habe ich das akzeptiert. Zudem hat die Mannschaft, die gegen Nizza gespielt hat, das Vertrauen voll gerechtfertigt und gezeigt, dass wir uns wirklich auf jeden einzelnen verlassen können. Grundsätzlich stehe ich aber gerne bei jedem Spiel auf dem Platz. Umso mehr, wenn ich topfit bin und mich sehr gut fühle.

bundesliga.de: Der Unterschied zur vergangenen Spielzeit, als Sie lange verletzt waren, ist tatsächlich groß.

Höwedes: Damals hatte ich eine schwere Sprunggelenksverletzung aus der Vorsaison mit in die neue genommen, die sich mit allen Konsequenzen nahezu durch die gesamte Spielzeit gezogen hat. Deshalb bin ich nie ganz auf die Beine gekommen und konnte keinen Rhythmus finden. In diesem Sommer war es ein umso schöneres Gefühl, aufgrund einer guten Fitness-Basis unbeschwert in eine Spielzeit starten zu können.

bundesliga.de: Haben Sie bezüglich Ihrer Lebensgewohnheiten etwas geändert?

Höwedes: Es lässt sich einfach nicht jede Verletzung verhindern. Wenn einem – wie bei meiner Sprunggelenksverletzung – der Gegenspieler im Zweikampf auf den Fuß springt, und dort so ziemlich alles kaputtgeht, was kaputtgehen kann, ist das eine sehr schwerwiegende Verletzung, nach der man vieles erst wieder lernen muss. Es stimmt aber, dass mir Yoga, das ich allerdings schon seit etwa zwei Jahren betreibe, dabei geholfen hat. Auch meine Ernährung habe ich umgestellt und verzichte auf Weizen und Kuhmilch. Das mag nicht für jeden funktionieren. Mir aber hat es sehr geholfen, und ich habe heute keine muskulären Probleme mehr.

bundesliga.de: Sie sind der Dauerbrenner auf Schalke, seit 2001 im Verein und seit 2007 Profi. Was macht diesen Club für Sie so lebenswert?

Höwedes: Das sind die Menschen, die diesen Verein wirklich leben. Alle auf Schalke verkörpern die Liebe zum Club und zum Fußball per se. Es ist die Malocher-Mentalität, die für die Menschen zählt. Man darf verlieren, aber man muss sich immer mit aller Macht gegen eine etwaige Niederlage stemmen. Wenn die Mannschaft kämpft und ackert, fightet und grätscht, wird das immer honoriert. Ich liebe einfach die Stimmung, die hier herrscht. Wenn wir gute Spiele abliefern, ist sie, glaube ich, sogar einzigartig in Deutschland.

Video: Ein Schalke-Fan mit viel Liebe zum Detail

bundesliga.de: Ist Schalke für Sie mehr als nur ein toller Club, vielleicht sogar so etwas wie ein Zuhause?

Höwedes: Ganz sicher ist Schalke ein Stück weit ein Zuhause für mich geworden in den vergangenen 16 Jahren. Wenn man über einen so langen Zeitraum Tag für Tag hier ein und ausgeht und viele Stunden am Tag im Verein verbringt, gehört das längst ganz selbstverständlich zum eigenen Leben.

bundesliga.de: Dank des Erfolgs in Wolfsburg in der Vorwoche sind Sie einer von nur neun Schalkern mit 100 Bundesliga-Siegen. Bedeutet Ihnen diese Zahl etwas, oder gibt es mittlerweile zu viele Zahlen und Statistiken im Fußball?

Höwedes: Mir war das im Vorfeld überhaupt nicht bewusst. Klar freut man sich darüber, dass man zu den erfolgreichsten Spielern des Clubs gehört. Aber es ist keine Zahl, die mich um den Verstand bringen oder für die ich mich selbst abfeiern würde. Und ich glaube tatsächlich, dass es mittlerweile zu viele Zahlen und Statistiken im Fußball gibt. Natürlich gibt es wichtige Daten, die auch für uns Spieler interessant sind. Insgesamt aber existieren heute so viele Daten und Tabellen für dieses und jenes, dass mir das manchmal doch zu viel des Guten scheint.

bundesliga.de: Dass die Bundesliga heute eine andere ist als vor 20, 30 Jahren steht außer Frage. Hat sie sich aber auch in den vergangenen zehn Jahren Ihrer bisherigen Profi-Karriere grundlegend verändert?

Höwedes: Das Spiel selbst ist in diesem Zeitraum noch einmal viel schneller und noch athletischer geworden. Aber auch die Strukturen haben sich brutal geändert. Heute haben wir 17-Jährige, die schon so stark sind, dass sie in der Bundesliga regelmäßig zum Einsatz kommen. Als ich Profi wurde, galt noch, dass sich die Jungen erst einmal hintenanstellen müssen, völlig egal, ob man bessere oder schlechtere Leistungen brachte. Damals hatten die Älteren ein Vorrecht, das war einfach so. Das mag ungerecht gewesen sein, hatte aber auch eine gute Seite. Als junger Spieler musste man lernen das wegzustecken und sich einfach mit aller Macht durchbeißen, ohne dabei nachzulassen. Und ein wenig Demut würde dem einen oder anderen jungen Spieler heute vielleicht ganz guttun. Natürlich profitieren wir aber auch von der großen Klasse und der ungeheuren Dynamik, die viele dieser jungen Spieler aufweisen.

bundesliga.de: Jung und große Klasse, das trifft auch auf die Elf von RB Leipzig zu, Schalkes nächstem Gegner. Hätten Sie dem Aufsteiger diese Leistungen zugetraut?

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Höwedes: Ich habe ja unter dem jetzigen RB-Sportdirektor Ralf Rangnick Fußball gespielt und weiß, wie er tickt und wie er eine Mannschaft zusammenstellt. Ich war damals sehr beeindruckt von ihm und davon, wie er Fußball interpretiert. In dieser Konsequenz aber, soll heißen, dass RB ganz oben steht nach zwölf Spieltagen, hätte ich das vor der Saison nicht für möglich gehalten. Einen sicheren Mittelfeldplatz habe ich RB aber auf jeden Fall zugetraut. Die Mannschaft spielt sehr souverän, und man erkennt, dass dahinter harte Arbeit steckt. Man muss wirklich den Hut ziehen, und wir sind auf jeden Fall gewarnt. Nach 17 Punkten aus sieben ungeschlagenen Spielen in der Bundesliga wollen wir nun aber selbstverständlich auch in Leipzig punkten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter