Kevin Kuranyi gab am Megafon den Einpeitscher, Geburtstagskind Manuel Neuer sang vom Titel, aber statt Sekt spritzte noch Wasser: Nach dem Sturm an die Tabellenspitze probten die Profis von Schalke 04 mit ihren Fans schon die Meisterfeier - doch reden wollte nachher niemand darüber.

"Unser Ziel bleibt immer noch, international zu spielen", sagte Matchwinner Kuranyi, der den beeindruckenden 2:0 (2:0)-Sieg im Spitzenspiel bei Bayer Leverkusen mit seinen Saisontoren 16 und 17 gesichert hatte, und musste sich das Grinsen verkneifen.

Magath kommt ins Grübeln

Nur der Vater des überraschenden Erfolges nahm erstmals vorsichtig das M-Wort in den Mund. Mit Blick auf das vielleicht schon vorentscheidende Duell mit Rekordmeister Bayern München am kommenden Samstag sagte Trainer und Manager Felix Magath: "Wenn wir die Bayern schlagen würden, dann hätten wir schon Chancen auf die Meisterschaft. Dann komme ich nicht mehr drumherum."

Obwohl der erste Meistertitel seit 52 Jahren dann bei einem Vorsprung von fünf Punkten fünf Spieltage vor Schluss zum Greifen nahe wäre, schusterte Magath seinem Team weiter die Außenseiterrolle zu: "Die Bayern haben das leichteste Restprogramm. Und wir waren bisher nicht souverän genug - außer vielleicht heute."

"Wir haben einen guten Ball gespielt"

In Leverkusen spielten Magaths Schalker in der Tat wie ein Meister auf und nutzten nach dem Münchner 1:2 gegen den VfB Stuttgart die Gunst der Stunde. Mit dem Doppeltorschützen Kuranyi, der vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw mit seinen Treffern (11./28.) glänzte, und der gewohnt sicheren besten Abwehr der Liga entwickelten die "Königsblauen" auch spielerische Klasse.

"Wir haben einen guten Ball gespielt", sagte Neuer und konterte damit den Vorwurf vieler Experten und Konkurrenten, Schalke sei im Titelkampf die spielerisch schwächste Mannschaft, "und kämpfen können wir auf Schalke ja auch, das haben wir oft genug gezeigt."

Mit langen Ballstafetten, Tempowechseln und schnellem Direktspiel bewies auch das Mittelfeld seine Qualitäten. "Normalerweise sind wir spielerisch stärker als Schalke. Aber heute war Schalke um Klassen besser", gab Bayer-Kapitän Manuel Friedrich zu. Sein Trainer Jupp Heynckes erklärte, Schalke habe "nicht nur Ambitionen, sondern auch große Chancen, die Meisterschaft zu gewinnen".

Neuer tritt auf die Bremse

Doch obwohl sich die gut 10.000 mitgereisten Fans mit "Spitzenreiter, Spitzenreiter"-Sprechchören und dem von Neuer angestimmten Gesang "Schalke ist die Macht, wir holen uns die Meisterschaft, das wäre doch gelacht" auf die große Sause zum Saisonende einstimmten, hielten die Spieler den Ball flach. "Wir haben 2007 erlebt, wie man sich verrückt machen lassen kann", sagte Neuer und erinnerte an die verspielte Meisterschaft vor drei Jahren, "da mussten wir später in den sauren Apfel beißen. Deswegen stoppen wir jetzt die Euphorie."

Auch Kuranyi, der von den Fans gefeiert wurde wie noch nie in seinen fünf Jahren auf Schalke, hielt sich nach dem Schlusspfiff mehr zurück als auf dem Spielfeld. "Wir stehen gut da, aber es war nur ein Schritt", sagte er nach seinem 110. Bundesligator.