Gelsenkirchen - Klaas-Jan Huntelaar wollte nur noch Weg vom Ort der Schmach. Nach der Blamage gegen Chelsea hastete der Stürmer als einer der Ersten aus dem Stadion, nicht einmal Socken hatte er auf die Schnelle übergezogen.

Wie Huntelaar war die 0:5-Heimniederlage der Schalker gegen Chelsea den meisten Spielern so aufs Gemüt geschlagen, dass sie nicht mehr Willens oder in der Lage waren, ein Wort der Erklärung abzugeben. Vor allem die vermeintlichen Führungsspieler duckten sich wie zuvor auf dem Platz kurzerhand weg, glänzten mit Schweigen wie Kapitän Benedikt Höwedes oder verdrückten sich gleich durch den Hinterausgang wie Kevin-Prince Boateng.

Kluft zwischen Theorie und Praxis riesengroß

Dass man zuvor zumindest in der Kabine kurz Ursachenforschung betrieben hatte, verriet Dennis Aogo im Interview mit bundesliga.de: "Natürlich unterhalten wir uns auch darüber und es gibt den einen oder anderen Ansatz. Aber es ist wichtig, dass wir das unter uns besprechen und es auch intern bleibt."

Ob es bei der Analyse auch um die taktische Ausrichtung der Mannschaft gegangen ist, wollte Aogo nicht verraten. Der Trainer aber wird sich sicher nach dieser deutlichen Abfuhr noch mehr Gedanken darüber machen, welche Formation für seine Mannschaft die erfolgversprechendste ist. Gegen Wolfsburg hatte Roberto Di Matteo mit seiner variablen 3-5-2- bzw. 5-3-2-Auchrichtung den Gegner erfolgreich überrascht - auch aus Pragmatismus: "Dieses System hat gut zu den Spielern gepasst, die wir in dieser Partie zur Verfügung hatten."

Dieses Mal sollte ein defensiveres System irgendwo zwischen 4-5-1 und 4-4-1-1 mit faktisch nur einer echten Spitze Chelseas Spielfreude so einengen, dass Schalke hinten kompakt verteidigt und dann nach vorne Nadelstiche setzt. Doch grau ist alle Theorie; die Mannschaft konnte Di Matteos Vorgaben schlicht nicht umsetzen, was auch der Trainer deutlich kritisierte: "Einer Mannschaft wie Chelsea darf man nicht so viel Raum geben. Und wir waren nicht aggressiv genug, haben den Gegner nicht unter Druck gesetzt."

Aogo: "Es hat auch am Glauben gefehlt"

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Schalke versagte dieses Mal kollektiv, agierte fast die gesamte Spielzeit irgendwo zwischen planlos und harmlos, ließ auch Kampfgeist und Leidenschaft vermissen. Sportvorstand Horst Heldt brachte das nach der Partie – sichtlich angefressen – knallhart auf den Punkt: "Wir haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Wir haben Angsthasenfußball gespielt. Die Art und Weise ist nicht zu akzeptieren."

Auch die taktischen Versuche von Roberto Di Matteo, von außen Einfluss zu nehmen, versandeten dieses Mal komplett. Zur zweiten Halbzeit hatte er nach der Einwechslung von Christian Clemens auf eine 4-2-3-1-Formation umgestellt, ohne dass Schalke dadurch besseren Zugriff auf die Partie bekam. "Es hat dann auch am Glauben gefehlt, einen 0:3-Rückstand gegen eine so starke Mannschaft wie Chelsea noch drehen zu können", gab Dennis Aogo zu.

Die Frage wird nun sein, wie Di Matteo seine Mannschaft auf den nächsten Gegner 1. FSV Mainz 05 am Samstag einstellen wird. Die Knappen spielen zuhause, das Publikum verlangt Wiedergutmachung. Eine zu defensive Marschrichtung könnte auf offene Kritik stoßen. Auf der anderen Seite hat der Italiener keine Zweifel gelassen, dass er mit dem derzeit vorhandenen Personal kaum eine Chance für offensiven Vollgasfußball sieht: "Wir haben limitierte Optionen."

Erinnerungen an Madrid werden wach

Vielleicht ist der 44-Jährige aber auch zurzeit mehr als Psychologe, denn als Taktiker gefragt. Welches System auch immer der Trainer der Mannschaft vorgibt – sie muss es mit Leben füllen. Dass durch die heftige Abfuhr gegen Chelsea das Selbstbewusstsein dazu nicht gerade gewachsen ist, liegt auf der Hand.

Auf der anderen Seite ist es die Ironie dieser königsblauen Geschichte, dass Schalke derartige Situationen kennt – und durchaus mit ihnen umzugehen versteht. Max Meyer war es, der nach der Pleite gegen Chelsea an eine ähnliche Blamage im Achtelfinale-Hinspiel der Champions League vor rund sieben Monaten erinnerte: ''Damals haben wir zu Hause gegen Real Madrid mit 1:6 verloren. Anschließend konnten wir in der Liga dennoch eine positive Serie starten. Das muss uns auch dieses Mal Hoffnung geben."

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte