Madrid - Im 2. Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht Canizares über die bevorstehende Wahl zum Weltfußballer sowie das dramatische Finale von 2001.

bundesliga.de: Es ist sicherlich das bis jetzt beste Jahr von Manuel Neuer in seiner Karriere. Nun steht er als Weltmeister unter den letzten Drei im Kampf um den Thron als Weltfußballer. Herr Canizares, ganz ehrlich: Wie schätzen Sie die Chancen Neuers auf den Ballon d´Or ein?

Canizares: Meiner Meinung nach steht Cristiano Ronaldo in diesem Moment über Messi und Neuer. Trotzdem: Es ist ein Riesenerfolg für die Torwartgilde und speziell für Neuer unter den letzten Drei zu sein, schließlich reden wir bei Ronaldo und Messi von den beiden Überfußballern, die seit vielen Jahren immer in der engeren Wahl anzutreffen sind. Es sind die beiden Spieler, die bei allen Spielen den Unterschied ausmachen, da kann normalerweise keiner mithalten. Ich denke persönlich, dass der Ballon d´Or an Cristiano Ronaldo gehen sollte. Aber ich wiederhole mich gerne: Für uns Torleute ist das eminent wichtig, dass diesmal ein Torwart mit dabei ist. Dass unsere Gilde meistens nicht in Betracht genommen wird, hat einen einfachen Grund: Der Torwart hat generell wenige Ballkontakte, er ist nicht so richtig sichtbar wie ein Feldspieler. Leider achtet man meistens bei solchen Ehrungen auf die Stürmer oder generell auf die Offensivspieler.

"Neuer legt unter Guardiola einiges zu"

bundesliga.de: Sie sprachen vorhin von dem Qualitätssprung Neuers nach seinem Wechsel zu Bayern München. Sie waren Nationalmannschaftskollege seines jetzigen Trainers Pep Guardiola. Welchen Anteil hat der Bayern-Trainer an dem Weltklasseniveau des gebürtigen Gelsenkircheners?

Canizares: Ich habe immer Trainer bewundert, die das Maximum aus ihren Spielern rausholen, die Spieler in allen Bereichen vehement verbessern. Pep ist genau so ein Trainertyp. Neuer legt unter Pep Guardiola einiges zu. Das ist sicherlich eine der großen Tugenden Peps, und davon profitiert mit Sicherheit auch Manuel Neuer.

bundesliga.de: Sie sind in Deutschland speziell durch das Champions-League-Finale 2001 gegen die Münchner Bayern bekannt geworden. Es war für Sie das zweite verlorene Finale in Folge. In wieweit verfolgt Sie dieses Schicksal noch? Haben Sie deswegen schlaflose Nächte?

Canizares: Wissen Sie, niemand, der ein Champions-League-Finale gespielt hat, kann dieses vergessen, ganz gleich ob man es gewonnen oder verloren hat. Wir als FC Valencia waren sehr stolz darauf, gegen einen absoluten Weltklasseclub wie den FC Bayern München in einem Finale mithalten zu können und sogar das Elfmeterschießen zu erreichen. Wir haben uns in den beiden Jahren auf Augenhöhe mit den besten Teams Europas gefühlt. Der Club ist durch diese beiden Finalteilnahmen enorm gewachsen. Wir waren damals ein Beispiel in ganz Europa dafür, dass man mit einem weitaus geringeren Etat Clubs wie Real, Barcelona, Bayern oder Manchester United ärgern konnte. Dieses Finale von 2001 gehört trotz der Niederlage zu den ganz großen, historischen Momenten des FC Valencia. Oliver Kahn hatte einen großen Abend, die Fans des FC Bayern müssen ihm für diesen Erfolg sehr dankbar sein. Eigentlich hat er den Henkelpott für die Bayern geholt. Der Titel ist uns in letzter Sekunde durch die Finger geflutscht. 

"Ich mag so Typen wie Oliver Kahn"

bundesliga.de: Über eine Szene müssen wir nochmal reden, Herr Canizares. Nach dem letzten, von Oliver Kahn gegen Pellegrino gehaltenen Elfmeter, sackten Sie in sich zusammen, brachen auf dem Spielfeld in Tränen aus. Oliver Kahn bemerkte Ihren seelischen Zustand und unterbrach seinen Freudentaumel, um Sie zu trösten. Eine unglaublich menschliche Szene. Was ist Ihnen von diesem Moment noch hängen geblieben?

Canizares: Gott sei Dank ist im Fußball nicht alles Gewalt oder Hass. Ich mag die Typen, die sich mit vollem Kampfgeist beim Spiel einsetzen und nach der Schlacht den Rivalen umarmen. Es war der größte Fußballabend Olivers - in allen Aspekten. So was vergisst man einfach nicht.

Das Gespräch führte Miguel Gutierrez

Hier geht's zum 1. Teil des Interviews