München - Sechs Wochen vor dem Bundesliga-Start läuft bei den 18 Bundesligisten die Saisonvorbereitung auf Hochtouren. Die neuen Spieler werden integriert, die konditionellen Grundlagen gelegt, an der Taktik gefeilt. Läuft so eine Saisonvorbereitung eigentlich in anderen europäischen Ländern anders ab? Gibt es Unterschiede?

bundesliga.de hat beim Ex-Profi Gerhard Poschner (290 Bundesliga-Spiele für Stuttgart (Pokalsieger 1997), Dortmund (Vizemeister 1992) und 1860 München) nachgefragt, der in seiner langen Karriere auch in Österreich (Rapid), Italien (Venedig) und Spanien (Vallecano) auf höchstem Niveau gespielt hat. Zuletzt war der 42-Jährige in Spanien Generaldirektor bei Real Saragossa. Außerdem spricht Poschner über den Wechsel von Mattihas Sammer, mit dem er in Dortmund zusammen gespielt hat, zum FC Bayern.

bundesliga.de: Herr Poschner, während die Bundesligisten den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen haben, dauert die Sommerpause in anderen europäischen Topligen noch etwas an. Herr Poschner, wie unterscheidet sich der Trainingsalltag speziell in der Saisonvorbereitung zwischen der Bundesliga und anderen Ligen?

Gerhard Poschner: Ich glaube, dass die Unterschiede in den letzten Jahren geringer geworden sind und eine Angleichung stattgefunden hat. Dennoch gibt es sicherlich auch Unterschiede.

bundesliga.de: Wo liegen die Unterschiede?

Poschner: In Deutschland wir nach wie vor großer Wert auf die Grundlagenausdauer gelegt. Lange Läufe von einer Dauer zwischen 30 und 45 Minuten stehen auf dem Trainingsplan. Bei meinen Vereinen in Italien und Spanien wurde darauf verzichtet. Statt dessen gab es kurze und sehr intensive Läufe von maximal zehn Minuten. Die Intensität war höher, die Zeitspanne geringer.

bundesliga.de: Was ist Ihnen noch aufgefallen?

Poschner: Auch ist in Italien oder Spanien der Stellenwert des Krafttrainings weitaus höher. Da waren wir jeden Tag in der "Mucki-Bude". Die Ergebnisse sind mir auch wieder bei der EM aufgefallen. Wenn die Spieler nach dem Schlusspfiff die Trikots getauscht haben, haben mir die Körper der ausländischen Spieler meistens besser gefallen, da hatten viele einen ausgeprägten Sixpack. Schauen Sie sich einmal Bilder von Spielern wie Sami Khedira oder Mesut Özil an und vergleichen Sie aktuelle mit Bildern, die zwei, drei Jahre alt sind. Ein Mesut Özil hat bestimmt in den zwei Jahren in Spanien vier oder fünf Kilo zugelegt und jetzt richtige Muskeln. Und Sami Khedira hat einen Adoniskörper.

bundesliga.de: Warum wird in Deutschland weniger Wert auf Krafttraining gelegt?

Poschner: Es ist immer noch etwas verpönt, weil man glaubt, dass die Spieler dadurch unbeweglicher würden. Aber das halte ich für Unsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Mir persönlich hat das Training im Ausland besser gefallen, Italien und Spanien haben mir gut getan. Ich habe mich nie so fit gefühlt wie damals. Aber das ist sicher auch eine Frage des Typs. Viele Spieler bevorzugen sicher auch das Training in Deutschland. Und es gleicht sich wie gesagt auch an.

bundesliga.de: Es heißt ja auch, dass im Ausland weitaus mehr Wert auf Taktik gelegt wird. Wie ist Ihr Eindruck?

Poschner: Taktisch wird im Ausland vom ersten Tag an positionsbedingt trainiert. Selbst beim Warmmachen bleibt man auf seiner Position. Die taktische Grundformation ist immer präsent. Man geht mit der Taktik schlafen und steht mit ihr auf. Und zwischendurch findet auch die körperliche Arbeit statt. In Spanien ist der Ball immer mit im Spiel, in Deutschland inzwischen auch meistens.

bundesliga.de: In München war der Ball kürzlich noch nicht im Spiel, als bekannt gegeben wurde, dass Matthias Sammer neuer Sportdirektor des FC Bayern und damit Nachfolger von Christian Nerlinger werden würde. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Poschner: Ich war genauso überrascht wie jeder andere. Das kam ja aus dem Nichts. Aber wenn die Auffassungen zwischen den Gremien der Bayern und Christian Nerlinger unterschiedlich waren, war das ein logischer Schritt.

bundesliga.de: Was halten Sie von der Entscheidung?

Poschner: Matthias Sammer lebt den Fußball total, man könnte fast sagen, 25 Stunden am Tag. Es wird spannend werden in München, wo die Kompetenz geballt da ist. Matthias Sammer hat seinen eigenen Kopf, es wird sicherlich auch einmal knallen. Das kann positiv sein, wenn sie einen Konsens und eine gemeinsame Basis finden und in eine gemeinsame Richtung gehen. Problematisch wird es, wenn Interna nach außen dringen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski