Berlin - Nach kleineren Startschwierigkeiten fühlt sich Salomon Kalou in Berlin sportlich wie privat pudelwohl. Mit Hertha BSC steht der Ivorer vor dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Sonntag, ab 17 Uhr im Liveticker) auf Platz 13.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der Afrika-Cup-Sieger über sein Leben in Deutschland, die Arbeit mit Coach Pal Dardai und Fußball-Profis, die er bewundert.

bundesliga.de: Salomon Kalou, als Sie in Berlin vorgestellt wurden, lobten Sie die Stadt in höchsten Tönen. Was sagen Sie nach acht Monaten an der Spree?

Salomon Kalou: Ich fühle mich sehr wohl in dieser Stadt und in diesem Club. Ich habe hier bereits Freunde gefunden und fühle mich heimisch. Auf die Menschen zugehen, sie kennenzulernen ist die beste Möglichkeit, sich einzuleben.

"Es ist unmöglich, sich in Berlin zu langweilen"

bundesliga.de: Welche Stadtteile besuchen Sie besonders gern in Berlin?

Kalou: Ich war bisher mehr im Ostteil der Stadt, weil es dort mehr Sehenswürdigkeiten gibt. Ich war in einigen Museen und mag den Zoo. Es ist eine unendlich interessante Stadt. Es ist einfach unmöglich, sich in Berlin jemals zu langweilen.

bundesliga.de: Rudi Garcia, der ehemalige Coach Ihres Ex-Clubs OSC Lille, hat erzählt, es sei damals enorm schwer gewesen, Sie von einem Wechsel aus Chelsea nach Frankreich zu überzeugen. Was war für Sie ausschlaggebend für Ihre Unterschrift bei der Hertha?

Kalou: Nachdem wir uns in meinem zweiten Jahr in Lille für die Champions League qualifiziert hatten, war ich der Meinung, dass wir das Bestmögliche erreicht hatten. Die Hertha war da sehr verlockend, weil der Club sich weiter entwickeln und über kurz oder lang wieder in Europa spielen will. Ich bin mir sicher, dass das auch möglich ist.

bundesliga.de: Wie fällt ihr Fazit dieser Saison bisher aus?

Kalou: Die Hinrunde war nicht einfach. Wäre die Saison im Dezember zu Ende gewesen, wären wir abgestiegen. Es war kein einfacher Start in Berlin für mich. Aber seit Pal Dardai als Coach da ist, haben wir uns verbessert. Unter ihm verteidigen wir als Team, nutzen aber auch unsere Chancen nach vorne. Wir kassieren weniger Tore, das zeigt, dass das System funktioniert. Wenn wir darauf aufbauen können, werden wir in der kommenden Saison auch mehr erreichen.

bundesliga.de: Sie haben die Champions League und den Afrika-Cup gewonnen. Fällt es Ihnen schwer, erstmals in Ihrer Karriere gegen den Abstieg spielen zu müssen?

Kalou: Nein, natürlich nicht. Ich denke, nichts kann dich auf den Abstiegskampf vorbereiten. Du kannst immer nur kämpfen und dein Bestes geben. Wir sind derzeit in einer schwierigen Situation, aber dieser Club hat großes Potenzial. Wir haben ein tolles Stadion. Und alle hier, die Verantwortlichen, die Fans, sie alle wollen, dass es nach oben geht. Wir haben in den vergangenen Wochen ein paar gute Ergebnisse gehabt, sind auf dem richtigen Weg.

"Irgendwann werde ich mit Toren belohnt"

bundesliga.de: Pal Dardai lobt Ihre Defensiv-Arbeit. Mussten Sie Ihr Spiel ändern?

Kalou: Na klar. Als Stürmer bist du es gewohnt, zwei, drei Chancen pro Spiel zu bekommen. Aber wir erspielen uns als Team manchmal nicht so viele. Doch es geht nicht um mich und ob ich Tore schieße, es geht nur um den Erfolg des Teams. Derzeit hilft es der Mannschaft, wenn ich in der Defensive hart arbeite. Irgendwann werde ich dafür mit Toren belohnt werden.

bundesliga.de: Sind Sie enttäuscht, dass Sie nicht so viele Tore erzielen wie zum Beispiel in den vergangenen beiden Jahren in Frankreich?

Kalou: Es ist eine ganz andere Situation, und die Bundesliga ist eine ganz andere Liga. Wenn du in eine andere Liga kommst, musst du dich im ersten Jahr erst einmal an diese Liga gewöhnen. Im zweiten Jahr wird es dann leichter, seine Qualitäten zu zeigen und die Erwartungen zu erfüllen.

bundesliga.de: Bedeutet das, Sie planen, länger in Berlin zu bleiben?

Kalou: Ich haben einen Dreijahres-Vertrag in Berlin unterschrieben. Ich lerne gerne - und derzeit lerne ich viel dazu. Die Arbeitseinstellung hier ist komplett anders. Wir arbeiten extrem hart. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor so hart trainiert habe.

bundesliga.de: Haben Sie dennoch Spaß am Training?

Kalou: Sicher. Das Training ist hart, aber ich mag es.

bundesliga.de: Haben Sie Ihren Kampfgeist, Ihren Teamgeist auch entwickelt, weil Sie mit zehn Geschwistern aufgewachsen sind?

Kalou: Aber sicher. Wenn du so aufwächst wie ich, lernst du schnell, dass es wichtig ist zusammenzuarbeiten und zu teilen. Ich musste mein Zimmer, mein Essen, die Klamotten und viele andere Dinge teilen. Fußball ist eine Mannschaftssportart. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder besser wird, wenn er weiß, dass er ein gutes Team um sich herum hat.

"Wir haben für Platz 13 viel investiert"

bundesliga.de: Hat Sie Ihre Familie schon in Berlin besucht?

Kalou: Ja, natürlich. Meine beiden Brüder (darunter auch der ivorische Ex-Nationalspieler Bonaventure, d. Red.) und eine meiner Schwestern waren schon mit ihren Familien hier. Meine Eltern kommen auch bald. Die haben mich in jeder Stadt besucht. Ich freue mich darauf. Denn ich möchte mein Leben mit den Menschen verbringen, die mir wichtig sind.

bundesliga.de: Am Sonntag geht es für die Hertha gegen Borussia Mönchengladbach. Der Abstand zum Relegationsplatz wie zu Platz sieben beträgt sechs Punkte. Um was geht es in dieser Saison noch?

Kalou: Wir haben noch vier schwere Spiele vor uns. Die Clubs hinter uns werden versuchen, ihre restlichen Spiele zu gewinnen und uns noch abzufangen. Wir haben sehr viel investiert, um 13. zu werden. Und das wollen wir nicht so einfach abschenken, sondern uns lieber noch um ein paar Plätze verbessern.

bundesliga.de: Spielt die Hertha kommende Saison um die Europacup-Plätze mit?

Kalou: Wir müssen einen Schritt nach dem anderen gehen. Vor zwei Jahren war die Hertha noch in der 2. Bundesliga. Das Ziel in dieser Saison war es, sich in der Bundesliga zu etablieren. Aber danach können wir weiter nach oben schielen.

bundesliga.de: Glauben Sie, die Hertha hat das Potenzial, sich in näherer Zukunft mal wieder für die Champions League zu qualifizieren.

Kalou: Obwohl wir eine wenig berauschende Saison gespielt haben, kommen trotzdem rund 50.000 Zuschauer zu jedem Heimspiel. Auch auswärts fahren immer viele unserer Fans mit. In Chelsea kommen an einem guten Tag vielleicht 40.000. Wenn wir ein paar Spiele gewinnen, kann es mit diesem Club schnell aufwärts gehen.

"CL-Sieg war der größte Moment meiner Karriere"

bundesliga.de: Sie haben in der Allianz Arena in München die Champions League gewonnen. Wie war es für Sie, dorthin nun mit der Hertha zurückzukehren?

Kalou: Das war schon etwas ganz Besonderes, an die Stätte meines größten Triumphes zurückzukehren. Da kamen viele Erinnerungen zurück. Dieser Sieg in diesem fantastischen Stadion war der größte Moment meiner Karriere. Wir haben an diesem Tag Geschichte geschrieben.

bundesliga.de: Ist für Sie der Titel in der Champions League noch mehr wert als die Afrikameisterschaft mit der Elfenbeinküste?

Kalou: Für mich persönlich war es der größte Erfolg. Aber natürlich war es auch etwas Besonderes, meinen Landsleuten diesen Afrika-Cup schenken zu können.

bundesliga.de: Wer war der beste Spieler, mit dem Sie jemals zusammengespielt haben?

Kalou: Yaya Toure. Wir haben schon als Kinder zusammen in einer Mannschaft gespielt - und schon damals wusste ich, dass wir beiden einst zu den besten Spielern Afrikas gehören werden. Er hat das nicht immer im Training gezeigt, aber im Spiel ist er ein komplett anderer Spieler. Kein anderer Spieler versteht das Spiel so wie er. Jeder seiner Mitspieler profitiert von ihm.

bundesliga.de: Herthas Ronny hat bei Ihnen auch Eindruck hinterlassen...

Kalou: Ich mag Ronny sehr, er ist ein ausgezeichneter Fußballer. Ich habe noch nie jemanden mit einem so harten Schuss gesehen. Ich habe schon mit vielen zusammengespielt. Aber keiner trifft den Ball so wie er.

bundesliga.de: Wer ist Ihr Lieblingsspieler in der Bundesliga?

Kalou:Arjen Robben. Ich bin schon ein großer Fan von ihm, seit ich in den Niederlanden gespielt habe. Damals spielte er für PSV Eindhoven, ich war bei Feyenoord Rotterdam. Später haben wir dann ein Jahr lang zusammen bei Chelsea gespielt. Er ist einfach überragend.

Das Gespräch führte Felix Seaman-Höschele