Zusammenfassung

  • Mit einem Tor und einer Vorlage ist Sahin gegen Berlin der Matchwinner

  • Der 28-Jährige fühlt sich unter Trainer Peter Bosz wohl

  • Wieder Wertschätzung zu bekommen, tut dem Mittelfeldmann gut

Dortmund - BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball drückte ihn an sich und herzte ihn, Trainer Peter Bosz flüsterte ihm im Vorbeigehen noch schnell ein Lob ins Ohr und Marco Reus machte sich einen Spaß daraus, den Interview-Marathon seines gefragten Kumpels gleich per Video festzuhalten: Nuri Sahin stand als Mann des Spiels nach dem 2:0-Erfolg von Borussia Dortmund über Hertha BSC im Mittelpunkt – ebenso wie sein vermeintlich schwacher rechter Fuß.

>>> Alle Infos zu #BVBBSC im Matchcenter

Mit eben jenem Fuß hatte Sahin in der 57. Minute ein wunderschönes Tor erzielt, als er den Ball per Dropkick aus knapp 20 Metern ins Tor der Berliner gedroschen und die Partie damit praktisch entschieden hatte. Seinen Mitspielern lieferte er damit eine Steilvorlage; nach dem Abpfiff blühte der Flachs. "Das hat im Stadion keiner gewusst, dass er mit rechts auch schießen kann. Und wir auf dem Platz haben es auch nicht gewusst", lachte Gonzalo Castro. Den rechten Fuß habe er sonst doch nur zum Wasser holen, setzte Castro noch einen drauf – ähnliches hatte Reinhard Rauball dem Dortmunder Mittelfeldstrategen auch schon schmunzelnd gesagt.

"Ich hatte ein gutes Gefühl"

Sahin selbst gab erst den Entrüsteten und musste dann doch selbst grinsen: "Ich bin mir auch nicht sicher, wie oft ich den Ball mit rechts so gut treffe. Aber ich hatte ein gutes Gefühl, als er den Fuß verlassen hat." Ein wenig abgekämpft, aber auch sichtlich glücklich und zufrieden stand der 28-Jährige nach dem zweiten Saisonsieg der Dortmunder Rede und Antwort. Und ein wenig schien Nuris Sahin auch zu genießen, endlich wieder mittendrin und voll dabei zu sein, endlich wieder Spiele für seine Borussia zu entscheiden, endlich wieder so richtig helfen zu können und zu dürfen.

© gettyimages / Maja Hitih

>>> Lukasz Piszczek im Interview: "Das sieht schon gut aus"

Jeder aus der großen BVB-Familie freute sich an diesem Abend mit dem Profi, der 2005 mit 16 Jahren im schwarz-gelben Trikot sein Bundesligadebüt gefeiert und seither auch nach eigener Aussage alle Höhen und Tiefen erlebt hat: "Niemand kennt sie besser, diese Ups ans Downs." In der Saison 2010/11 war er der überragende Spieler in der Bundesliga, führte den BVB unter Jürgen Klopp als Taktgeber im Mittelfeld zur Deutschen Meisterschaft. In der Mannschaft war Nuri Sahin damals wie heute beliebt wegen seiner Ehrlichkeit und Bescheidenheit, von den Fans wird er auch geliebt wegen seines schwarz-gelben Herzens. Das behielt er auch, als er zu Real Madrid wechselte – und im Januar 2013 zurückkehrte: "Ich bin überglücklich, wieder zu Hause zu sein."

"Er ist ein ruhiger, sehr menschlicher und korrekter Typ"

Es folgten schwere Zeiten, in denen der Körper immer wieder streikte, ob Schambeinentzündung, Knie-Operation oder Bänderriss. Aber Sahin, der begnadete Techniker, ist auch ein Kämpfer, der nicht aufgibt. Auch dann nicht, wenn ihn der Trainer plötzlich ohne plausiblen Grund aussortiert. Dass Thomas Tuchel ihn beim Pokalfinale im Mai nicht einmal in der Kader berufen hat, hat ihn dennoch schwer getroffen. Heute möchte er über die Vergangenheit nicht mehr reden. Aber wer das Dortmunder Urgestein über den neuen Coach Peter Bosz sprechen hört, der kann seine eigenen Schlüsse in Bezug auf dessen Vorgänger ziehen. "Er ist ein ruhiger, sehr menschlicher und korrekter Typ", charakterisiert Sahin den neuen Chef auf der Bank.

© imago

>>> Peter Bosz hinterlässt in der Bundesliga mächtig Eindruck

Weil er selbst diese Charakterzüge auch mitbringt, zudem ein herausragender Fußballer ist, deswegen hielt der Verein auch an ihm fest und verlängerte den Vertrag bis 2019. Unter Peter Bosz spürt der türkische Nationalspieler jetzt auch wieder Rückendeckung: "Jeder Fußballer lebt davon, Vertrauen zu bekommen." Sahin zahlt es mit Leistung zurück. "Ich will nicht der Beste oder Wichtigste sein, ich will Teil der BVB-Familie sein", hat er jetzt noch einmal einen Einblick in seine Seele gewährt. "Ich will nur Teil des Ganzen sein und dazu beitragen, dass wir erfolgreich sind. Diese Wertschätzung bekomme ich momentan und das tut mir sehr gut."

"Ich will nicht der Beste oder Wichtigste sein, ich will Teil der BVB-Familie sein." Nuri Sahin

Dass er sich dabei endlich auch wieder auf seinen Körper verlassen kann, quasi die komplette Vorbereitung absolvierte, ist unabdingbare Voraussetzung. Dass Peter Bosz zudem auf ein Spielsystem setzt, das in Teilen an den Vollgasfußball von Jürgen Klopp erinnert, hilft Sahin ebenfalls bei der Rückkehr zu alter Stärke und Wichtigkeit. Die Mannschaft steht höher, Dortmunds Nummer 8 kann seine Qualitäten besser zur Geltung bringen, kommt auch selbst in Abschlusssituationen. Wie gegen die Berliner spielt Sahin nicht nur im Zentrum, sondern ist mit seiner Übersicht auch das Herzstück des Dortmunder Spiels. Er bestimmt den Rhythmus, er dirigiert, er lenkt.

"Das war wahrscheinlich in der E-Jugend"

Die Torvorlage zum Führungstreffer von Pierre-Emerick Aubameyang war gegen die Herthaner ein erster, zählbarer Ertrag seines Spiels. Gutes Auge, schneller Antritt, präzise Flanke – Auba musste nur noch Danke sagen. Der eigene Treffer setzte dann das I-Tüpfelchen auf eine starke Leistung, das ganze Stadion feierte lautstark seinen „Nuuuuuuuuriiiii“. Rund zweieinhalb Jahre war es her, dass er sich in der Bundesliga in die Torschützenliste eintragen konnte. Und wann hat er das letzte Mal mit dem rechten Fuß getroffen? Nuri Sahin lachte an diesem Abend ganz entspannt: „Das war wahrscheinlich in der E-Jugend."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte