Köln - Der Schock sitzt immer noch tief beim FC Schalke 04.  Die herbe 0:3-Derbyniederlage bei Borussia Dortmund hat den Knappen ordentlich zugesetzt und offenbarte auf einen Schlag: Di Matteos Defensivtaktik fruchtet nicht mehr. Der Italiener scheut nicht davor zurück, sich selbst zu hinterfragen. Die kommenden Wochen werden zur Bewährungsprobe, zukünftige Rückkehrer dürften den Knappen sehr gelegen kommen. Stichwort: Offensivkraft aus dem Mittelfeld.

"Wir müssen sehen, ob wir nicht grundsätzlich etwas ändern müssen. Wir müssen überlegen, ob es mit diesem System weitergeht", analysierte Di Matteo nach dem Derby nachdenklich. Den überstarken Borussen hatten die Gelsenkirchener nichts entgegenzusetzen. Die Spieler sparten nicht mit Selbstkritik. "Das war einfach Schrott, was wir gespielt haben. So kann man gegen keinen Gegner bestehen", so Marco Höger.

Fünferkette auf dem Prüfstand

Besonders erschreckend präsentierte sich S04 im Spiel nach vorne. Ganze drei Torschüsse flatterten in Richtung BVB-Kasten, so wenig waren es in keinem Spiel mit blau-weißer Beteiligung seit der Datenerfassung. Der Hauptgrund lag jedoch nicht im mauen Sturm, sondern im "kollektiven Versagen" der gesamten Mannschaft, wie es Sportvorstand Horst Heldt nüchtern formulierte.

Selbst das einstige Prunkstück, die Fünfer-Abwehrkette, für die die Schalker noch beim 1:0-Sieg daheim gegen Borussia Mönchengladbach großes Lob ernteten, fiel regelrecht auseinander. Stand man in den vorherigen Spielen gegen Frankfurt, Real Madrid und Bremen noch einigermaßen stabil, so klafften im "Spiel des Jahres" gegen Schwarz-Gelb große Löcher. Di Matteos Beton bröckelte nicht nur, er stürzte komplett zusammen. Dass es noch bis zur Schlussphase 0:0 stand, grenzte an "ein Wunder", so Heldt.

Fehlende Initiative aus dem Mittelfeld

Ein Wunder brauchen die Königsblauen in den nächsten Wochen nicht, sondern vielmehr ein funktionierendes Offensivspiel, mit dem die Abwehrkette entlastet werden kann. Vier Pflichtspiele ohne Dreier entziehen der Mauertaktik nun alle Argumente. Fakt ist: Schalke hat unter Di Matteo gegen Wolfsburg (3:2), Mainz (4:1) und in Stuttgart (4:1) schon bewiesen, dass die Stürmerfraktion knipsen kann. Voraussetzung dafür ist jedoch ein spielstarkes Mittelfeld. Und genau dort liegt die Krux, was ein Systemwechsel fast schon notwendig macht.

Schalke fehlt der Zug nach vorne, zwischen Angriff und Abwehr fehlt eine kreative Mittelfeldachse. Auch wenn ein Revierderby stets unter speziellen Gesichtspunkten gesehen werden muss, wurden die Probleme im Signal-Iduna-Park auf einen Schlag sichtbar. Die fehlenden Initiativen aus dem Mittelfeld ließen die Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting und Klaas-Jan Huntelaar in der Luft hängen. Auch von den Flügeln gab es keine Unterstützung. Die Außenverteidiger Christian Fuchs und Atsuto Uchida wagten in der Fünferkette nicht den Sprint an die Grundlinie, vom Hinterlaufen im Zusammenspiel mit den Zentralen war sowieso keine Spur. Ein Trend der letzten Wochen.

Goretzka steht vor Comeback

Was macht Schalke Hoffnung? Wo liegen die Lösungen für die offensichtlichen Probleme? Es ist davon auszugehen, dass Di Matteo sich von der Fünferkette verabschiedet, um das Mittelfeld mit mehr Kreativität auszurüsten. Max Meyer wäre sicherlich der erste Kandidat, der in einem möglichen Systemcomeback des 4-2-3-1 die Zehnerposition übernehmen könnte. Zudem winkt das Comeback eines Hoffnungsträgers: Leon Goretzka hat seinen Muskelbündelriss komplett auskuriert, fehlte den Knappen rund acht Monate. Der Nachwuchsstar steht für Offensivkraft, ohne dabei die Defensive aus den Augen zu verlieren.

Weitere Power im Spiel nach vorne lauert im Schalker Lazarett, auf welche die Blau-Weißen jedoch noch nicht zurückgreifen können. Jefferson Farfan (Knorpelschaden) wird schon die ganze Saison auf der Außenbahn vermisst. Besser sieht es da schon bei Julian Draxler aus. Der Weltmeister kann nach seinem Sehnenteilriss schon wieder erste Laufeinheiten absolvieren. Auch auf der linken Außenverteidigerposition gäbe es frische Kräfte. Nach zuletzt schwachen Leistungen von Dennis Aogo und Christian Fuchs wäre der wieder genesene Sead Kolasinac eine willkommene Alternative.

Fest steht jedoch: Um die personellen und systemtechnischen Fragen in Zukunft nachhaltig lösen zu können, sind vor allem die Schalker Grundtugenden gefragt, wie Höger klar betont: "Zweikämpfe annehmen, fighten, einfach 90 Minuten Vollgas geben."

Yannik Schmidt

Schalkes Lazarett

Spieler

Verletzung

Ralf Fährmann

Teilriss des Kreuzbands

Fabian Giefer

Adduktorenzerrung

Jan Kirchhoff

Achillessehnenprobleme

Joel Matip

Muskelfaserriss

Julian Draxler

Sehnenabriss

Jefferson Farfan

Knorpelschaden

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Reha nach Schienbein-OP