Warschau - Der Auftrag ist eindeutig und kommt von hoher Stelle. "Wir erwarten, dass unsere Mannschaft einen weiteren glorreichen Teil zur Chronik der Siege des russischen Fußballs beiträgt", sagte Verbandspräsident Sergej Fursenko vor dem EM-Gruppenfinale in Warschau am Samstag (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) gegen den ehemaligen Europameister Griechenland. Nur der Gruppensieg also zählt für die Russen, Griechenland selbst benötigt jedoch auch unbedingt einen "Dreier", um seine Chance auf das EM-Viertelfinale zu wahren.

Der seit 16 Spielen ungeschlagenen "Sbornaja" würde gegen die Griechen zwar schon ein Punkt für den Einzug in die K.o.-Runde genügen, doch nach Fursenkos klarer Ansage will sich die Mannschaft von Trainer Dick Advocaat auf solche Rechenspiele gar nicht erst einlassen. "Wir wollen gewinnen, um in Warschau zu bleiben. Jedes andere Ergebnis wäre inakzeptabel", sagte Mittelfeldspieler Roman Shirokov. Als Gruppensieger würde der EM-Halbfinalist von 2008 auch die Runde der besten Acht gegen den Zweiten der Deutschland-Gruppe bestreiten.

"Abwehr verbessern"



Ein Erfolgserlebnis würde laut Stürmer Roman Pavlyuchenko "nicht nur Prestige und Punkte, sondern auch gute Laune bringen. Damit könnten wir in Warschau bleiben, was uns in den letzten zehn Tagen fast zur Heimat geworden ist." Nach dem Gala-Auftritt gegen die Tschechen (4:1) musste Russland im zweiten Gruppenspiel gegen Polen (1:1) den ersten Dämpfer hinnehmen. Daher warnt Pavlyuchenko davor, die Hellenen auf die leichte Schulter zu nehmen: "Das wird noch härter für uns als gegen Tschechien und Polen. Die brauchen einen Sieg, wir brauchen einen Sieg. Eigentlich beginnt am Samstag die K.o.-Runde."

Der mäßige Auftritt in der zweiten Halbzeit gegen Polen hat zumindest Advocaat etwas die Laune verhagelt. "Wir müssen unser Abwehrspiel verbessern", forderte der knurrige Niederländer.

"Von Beginn an wach sein"



Pavlyuchenko schätzt die Griechen derweil als "ein kampfstarkes, trickreiches Team" ein, doch besonders in ihrem zweiten Spiel gegen Tschechien (1:2) blieb die Mannschaft von Trainer Fernando Santos diesen Nachweis schuldig. Wie schon im EM-Eröffnungsspiel gegen Polen stolperten die Griechen in der Anfangsphase hilflos über den Rasen und kassierten in den ersten sechs Minuten zwei Gegentore. "Gegen Russland dürfen wir die ersten Minuten nicht verschlafen, sondern konzentriert auftreten", sagte der in Aschaffenburg geborene Jose Holebas.

Santos räumte ein, dass die Chance auf die nächste Runde gering sei. Man habe aber noch Hoffnung und wolle diese geringe Chance nutzen. Man müsse daran glauben, dass es möglich sei: "Ich habe Vertrauen in mein Team."

Der 57 Jahre alte Nachfolger von Otto Rehhagel wird sich beim unter der Finanzkrise ächzenden griechischen Volk an seinen Versprechungen vor dem Turnier messen lassen. "Ich will die Griechen wissen lassen, dass wir für den Erfolg bluten werden. Wir werden einhundert Prozent für Griechenland geben. Die Fans sollten Vertrauen in uns haben. Wir wollen ihnen Glücksmomente bescheren." Diese reduzierten sich bisher auf eine starke zweite Halbzeit gegen Polen.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Griechenland: Sifakis - Torosidis, K. Papadopoulos, Sokratis, Holebas - Maniatis, Katsouranis, Karagounis - Salpingidis, Gekas, Samaras

Russland: Malafeev - Anyukov, Berezutskiy, Ignashevich, Zhirkov - Shirokov, Denisov, Zyryanov - Dzagoev, Kerzhakov, Arshavin

Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)

Die Top-Fakten zum Spiel:

  • Obwohl Griechenland nach zwei Spielen nur einen Punkt auf dem Konto hat, hat es nun alles selbst in der Hand: Mit einem Sieg gegen Russland wären die Hellenen im Viertelfinale, gelingt der Sieg nicht, sind die Griechen draußen.

  • Russland ist mit einem Unentschieden sicher im Viertelfinale. Bei einer Niederlage gegen Griechenland wären die Russen draußen, wenn:
    Tschechien gegen Polen gewinnt.
    Polen gegen Tschechien gewinnt.
    die eigene Niederlage mit mindestens sechs Toren Differenz ausfällt und Tschechien und Polen die Punkte teilen.

  • Serientäter Russland: Die "Sbornaja" ist seit 16 Monaten und 16 Spielen (acht Siege, acht Remis) unbesiegt - die letzte Niederlage datiert vom 9. Februar 2011 (in Abu Dhabi 0:1 gegen den Iran).

  • Die Griechen gewannen bei einer WM oder EM insgesamt fünf Spiele - immer hieß der Trainer Otto Rehhagel. Jetzt gegen Russland muss es aber auch ohne "König Otto" gehen, die Griechen brauchen also einen "historischen" Sieg für den Einzug ins Viertelfinale.

  • Drittes EM-Duell in Folge: Auch bei den letzten zwei Europameisterschaften trafen Griechenland und Russland aufeinander - beide Male siegten die Russen (2004 mit 2:1, 2008 mit 1:0).

  • Die letzte Niederlage Russlands gegen Griechenland liegt über 18 Jahre zurück - am 17. November 1993 gab es in Athen ein 0:1.

  • Schlechte Gesamtbilanz Griechenlands: Von den insgesamt 21 Spielen gegen Russland bzw. die UdSSR gewann Griechenland lediglich drei - bei fünf Remis und 13 Niederlagen. Die drei Siege gelangen den Griechen alle zuhause mit jeweils 1:0.

  • Nur Joker treffen: Griechenland erzielte bei dieser EM bislang zwei Tore, beide durch Joker: Gegen Polen war Dimitris Salpingidis als Einwechselspieler erfolgreich, gegen Tschechien Fanis Gekas.

  • Alan Dzagoev schoss bei der EM 2012 schon drei Tore - mit seinem nächsten Tor könnte er alleiniger Rekordhalter der Russen werden: Noch nie erzielte ein Spieler aus Russland bzw. der UdSSR und der GUS bei einem Europameisterschaftsturnier mehr als drei Treffer.

  • "Alle Neune" für Anyukov: Aleksandr Anyukov steht vor seinem neunten EM-Spiel, er würde damit alleiniger Rekordhalter der Russen (inklusive UdSSR und GUS) werden und Oleksiy Mykhailychenko (acht Spiele, 1988 und 1992) überflügeln.