Warschau - Für Polen steht schon im zweiten EM-Spiel alles auf dem Spiel, und natürlich mussten diese Schlagzeilen kommen. "Aufwachen! Russland oder Tod!", schrieb die Wochenzeitung "Wprost" vor dem höchst brisanten Duell der EM-Gastgeber mit Russland am Dienstag (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) in Warschau.

Und während die Gazeta Wyborcza die "Mission: Stoppt die Russen!" ausrief, beschworen gleich mehrere Zeitung "ein zweites Wunder an der Weichsel".

Schiri Stark leitet die Partie



Mit diesem doch recht fragwürdigen Vergleich spielen die Medien auf das Jahr 1920 an. Damals zwangen die unterlegenen polnischen Streitkräfte im Kampf um die Unabhängigkeit ihres Landes eine russische Übermacht in der Schlacht von Warschau in die Knie. 15.000 Menschen starben, was die "Newsweek Polska" am Tag vor dem Spiel nicht davon abhielt, von der "Schlacht von Warschau 2012" zu schreiben.

Alle, wirklich alle in Polen sind alarmiert. Innenminister Jacek Cichocki sprach von der "größten Herausforderung" für sämtliche Ordnungskräfte. Er hoffe, dass "unsere pessimistischen Szenarien nicht eintreten". Besonders ein geplanter Marsch zum Nationalstadion von russischen Fans, von denen sich einige bereits während des Auftaktspiels gegen Tschechien danebenbenommen hatten, bereitet der Polizei große Sorgen.

Auch Deutschlands Spitzenschiedsricher Wolfgang Stark, so viel ist jetzt schon klar, wird jede Menge zu tun bekommen. "Wir alle wissen, was dieses Spiel gegen die Russen bedeutet", sagte Mittelfeldspieler Kamil Grosicky: "Wie immer, wenn es gegen Russland oder Deutschland geht, musst Du Dir auf dem Platz die Eingeweide rausreißen."

Boniek ist skeptisch



Das unnötige 1:1 gegen Griechenland (Hier geht's zum Nachbericht) hat den Druck auf die Polen zusätzlich erhöht, Russland ist nach dem eindrucksvollen 4:1 zum Auftakt gegen Tschechien klarer Favorit. Sogar Polens Fußball-Held Zbigniew Boniek scheint alles andere als überzeugt, dass die EM für den Gastgeber ein gutes Ende nehmen wird. "Wir haben drei oder vier gute Spieler. Ein Haufen verrückter Optimisten denkt, dass wir große Dinge bei dieser EURO erreichen können, aber ich frage mich, wie wir unsere Gegner überraschen sollen. Ich habe einige Probleme mit der Beantwortung dieser Frage", sagte der ehemalige Weltklassespieler.

Nationaltrainer Franciszek Smuda gibt sich derweil alle Mühe, den Druck von seinen Spielern zu nehmen, wirkt dabei allerdings nicht unbedingt glaubwürdig. "Vor dem Eröffnungsspiel fühlte ich mich, als hätte ich das Gewicht von 40 Millionen Menschen auf meinen Schultern. Jetzt ist das Spiel vorbei, und der Druck ist von uns gewichen", sagte Smuda. Stürmerstar Robert Lewandowski scheint solche Aussagen seines Chefs verinnerlicht haben: "Wir wissen, worauf wir achten müssen und werden unsere Fehler korrigieren."

Derweil warnt Russlands Trainer Dick Advocaat trotz oder gerade wegen der Demonstration modernen Offensiv-Fußballs seiner Mannschaft im ersten Spiel eindringlich vor dem Gegner. "Ich sehe nicht einen Grund, warum das Spiel gegen Polen einfach für uns werden könnte", sagte der Niederländer: "Ich wäre mit dem Ergebnis unseres letzten Duells schon zufrieden." Das war ein 2:2 im August 2007.


Voraussichtliche Aufstellungen:

Polen: Tyton - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Murawski, Polanski - Blaszczykowski, Obraniak, Rybus - Lewandowski

Russland: Malafeev - Anyukov, A. Berezutskiy, Ignashevich, Zhirkov - Denisov - Zyryanov, Shirokov - Dzagoev, Arshavin - Pavlyuchenko

Schiedsrichter: Stark (Deutschland)


Die Top-Fakten zum Spiel:

  • In Pflichtspielen standen sich Polen und Russland bzw. die damalige UdSSR sechs Mal gegenüber. Dabei feierten die Polen nur einen Sieg, am 20. Oktober 1957 zu Hause beim 2:1 (WM-Qualifikation).

  • Bei einem großen internationalen Turnier trafen Polen und die UdSSR einmal aufeinander - bei der WM 1982 in der zweiten Finalrunde trennte man sich 0:0.

  • Polen verlor noch nie ein Heimspiel gegen die Russen (drei Siege, zwei Remis).

  • Russland feierte zum Auftakt gegen Tschechien den höchsten EM-Sieg in der Verbandsgeschichte (4:1).

  • Russland kann sich mit einem Sieg gegen Polen schon vorzeitig als erstes Team die Viertelfinal-Teilnahme sichern.

  • Als Trainer der Niederlande traf Dick Advocaat zwei Mal in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1994 auf Polen. Am 14. Oktober 1992 gab es ein 2:2 in Rotterdam, anschließend gewann seine Elf am 17. November 1993 mit 3:1 in Posen.

  • Erstmals seit 24 Jahren hat Russland mal wieder das erste EM-Spiel gewonnen, damals im Jahre 1988 gab es für die damalige UdSSR ein 1:0 gegen die Niederlande, für das sich die Holländer beim Wiedersehen im Endspiel rächten.

  • Russland trat gegen Tschechien mit der ältesten Elf seiner EM-Geschichte an (im Schnitt 30,1 Jahre).

  • Die Elf von Dick Advocaat ist mittlerweile seit 15 Länderspielen ungeschlagen, die letzte Niederlage war ein 0:1 in einem Freundschaftsspiel im Iran am 9. Februar 2011.

  • Seit Sommer 2011 hat Polen nur eines von 13 Länderspielen verloren, im November 2011 gab es ein 0:2 gegen Italien.