Darmstadt - Der SV Darmstadt 98 hat eine mehr als nur achtbare Vorrunde gespielt. Mit 18 Punkten liegen die Lilien auf Platz 13 - viele hatten ihnen das nicht zugetraut. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Präsident Rüdiger Fritsch über die Bedeutung für den Club, die Stadt und die Region, über die Gefahr der Abhängigkeit von einzelnen Personen und über Fußball-Romantik.

bundesliga.de: Herr Fritsch, kurz vor dem Saisonstart haben Sie gesagt: "Wir bleiben die kleinste Trompete im Konzert". Um im Bild zu bleiben, könnte man heute sagen, dass diese Trompete oft lauter war als einige weit größere Blasinstrumente...

Rüdiger Fritsch: Das könnte man so sagen. (lacht) Im Konzert der Großen waren wir in einer gewissen Regelmäßigkeit deutlich zu vernehmen. Deshalb sind wir sehr zufrieden mit der Performance der kleinen Trompete.

bundesliga.de: Mal weg von der Instrumentenkunde: Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach der ersten Bundesliga-Halbserie seit 33 Jahren in fußballspezifischer Sprache aus?

Fritsch: Dieses Fazit ist positiv! Wir dürfen nicht vergessen, mit welchen Möglichkeiten wir ausgestattet sind. Und da sind wir doch wieder bei der kleinen Trompete im großen Orchester oder beim Hollandrad auf der Tour de France. Denn egal welches Ranking man betrachtet, ob es der Etat ist, der für die Mannschaft aufgebracht werden muss, ob es der Wert der Mannschaft ist oder ob es die Zuschauerkapazität und die Vermarktungsmöglichkeiten sind - in all diesen Rankings zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Fußballvereins, liegen wir abgeschlagen an letzter Stelle. Setzt man das ins Verhältnis zum bisher Erreichten, darf das Fazit nur positiv ausfallen.

bundesliga.de: Trainer Dirk Schuster hat nicht zuletzt im Hinblick auf diese Rankings gesagt, dass man "eigentlich in der Bundesliga nichts zu suchen" habe. Die Elf hat alle Skeptiker eines Besseren belehrt; sind die Lilien also der Club für ausgewiesene Fußball-Romantiker?

Fritsch: Was genau ist Fußball-Romantik? Letztlich muss das jeder Fußball-Fan für sich selbst entscheiden. Für die einen klassifiziert sich das Fußballgeschäft durch die besten Spieler, die in der Regel absolute Höchstleistungen erbringen. Diese Spieler aber findet man eher bei den Top-Vereinen, die über eine entsprechende Wirtschaftskraft verfügen. Für die anderen, die vielleicht bereit sind Abstriche bei der fußballerischen Qualität zu machen, folgt die Klassifizierung eher der Ursprünglichkeit des Vereins und der Bereitschaft aus eher ungünstigen Voraussetzungen das Bestmögliche zu machen.

bundesliga.de: Beides hat seine Berechtigung und macht die Vielfalt in der Bundesliga aus...

Fritsch: Stimmt! In dieser Frage gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder arbeitet mit den Möglichkeiten, die ihm vorgegeben sind. Wir sind ein Club, der es eher mit der Fußball-Tradition in einem ganz klassischen Sinne hält und halten muss. Wir werden sehen, wohin uns dieser Weg noch führt.

bundesliga.de: Wohin haben die vergangenen Jahre den Club bereits geführt?

Fritsch: Fakt ist, dass die sportliche Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren die Entwicklung der administrativen und organisatorischen Strukturen eindeutig überholt hat. Das ist kein Wunder, weil wir für die beiden Aufstiege jeweils nur ein Jahr in der entsprechenden Liga benötigt haben. Schneller hätte das niemand schaffen können. Aber das hat zu großen Herausforderungen geführt, die wir Stück für Stück abarbeiten, bzw. teilweise schon abgearbeitet haben.

bundesliga.de: Können Sie bitte einige Beispiele nennen?

Fritsch: Noch vor ein paar Jahren, in der Regionalliga, haben wir unsere Tickets am Kassenhäuschen Karte für Karte verkaufen müssen, so wie das heute nur noch bei den Amateurvereinen der unteren Ligen der Fall ist. Marketing, Ticketing und Software/EDV - all das wurde in den vergangenen anderthalb Jahren im Schweinsgalopp nachgearbeitet. Entsprechend mussten wir auch personell nachlegen. Zudem haben wir die Basis für ein funktionierendes Nachwuchsleistungszentrum gelegt. Auch das war vor anderthalb Jahren noch undenkbar, so dass man durchaus sagen darf, dass wir für den Profi-Fußball der Neuzeit eine Art Start-up sind. (lacht)

bundesliga.de: Sehen Sie die Nachhaltigkeit gesichert, oder befürchten Sie, dass bei einem etwaigen Abstieg diese Errungenschaften verloren gehen könnten?

Fritsch: Diese Befürchtung habe ich nicht. Die Entscheidung für den Stadion-Umbau geht auf die Zeit zurück, als wir noch Drittligist waren und niemand absehen konnte, dass es so steil bergauf gehen würde. Die Entscheidung der Stadt war und ist unabhängig davon, ob Darmstadt 98 in der Bundesliga oder in einer anderen Liga spielt. Man sieht diesen Umbau als notwendige Investition, und die entsprechenden Pläne befinden sich in der konkreten Umsetzungsphase. Daran darf sich nun nichts mehr ändern, wenn wir das Momentum für die nächsten Jahre, ja Jahrzehnte nutzen wollen. Alles andere wäre eine fatale Fehlentscheidung und würde der Region Darmstadt einen schlechten Dienst erweisen. Aber diese Sorge habe ich nicht. Vielmehr gehe ich fest davon aus, dass in absehbarer Zeit die Bagger rollen werden.

bundesliga.de: Welche Bedeutung hat die Entwicklung über den Club hinaus, für die Region Darmstadt und das Umland?

Fritsch: Das ist für mich nicht ganz einfach zu beantworten. Spricht man aber mit den Entscheidern der Wirtschaftsförderung für die Region, sagt jeder, dass die Erfolgsgeschichte, die Darmstadt 98 zuletzt geschrieben hat, in Geld nicht aufzuwiegen ist. Der Image-Gewinn für und die Steigerung des Bekanntheitsgrades von Stadt und Region sind immens. Das hätte man in dieser kurzen Zeit mit Marketing-Maßnahmen und mit Auftritten auf Messen etc. niemals erreichen können, sagen die Experten.

bundesliga.de: Hat der Begriff "Lilien" damit nun Markencharakter im klassischen wirtschaftlichen Sinn?

Fritsch: Nein. Zumindest haben wir diesen Begriff nicht weiter in Richtung einer klassischen Marke geprägt, indem wir eine Agentur beauftragt hätten. Das ist gar nicht notwendig. Denn auch ohne einen wirtschaftlich geprägten Markenbegriff vorauszusetzen, hat das Bild von den Lilien an Bekanntheit weit über die Grenzen der Region hinaus gewonnen. Wenn man in München, in Hamburg oder in Berlin jemandem erzählt, dass der Verein XY in der kommenden Woche auf die Lilien trifft, weiß derjenige sofort, dass Darmstadt 98 gemeint ist. Zudem darf man nicht vergessen, dass dieses Bild aufgrund der Tradition unseres Vereins schon sehr viel länger ein fester, eingeführter Begriff ist.

bundesliga.de: Die sportliche Entwicklung der vergangenen Jahre ist untrennbar verbunden mit Dirk Schuster, aber auch mit Ihrem Namen, schließlich haben Sie Schuster verpflichtet. Wie gefährlich ist diese Abhängigkeit von einzelnen Personen?

Fritsch: Zunächst möchte ich in Bezug auf diese Entwicklung unbedingt noch meinen Vorgänger, Hans Kessler, und den Vorgänger von Dirk Schuster, Kosta Runjaic, nennen. Der eine auf der Management-Seite und der andere später auf der sportlichen Ebene haben die Aufräumarbeit geleistet, die 2008 notwendig war, als der Verein kurz vor der Insolvenz stand. Sie haben das Feld überhaupt erst so bestellt, das darauf später etwas wachsen konnte. Die Fortsetzung dieser Arbeit war dann Dirk Schuster und mir vorbehalten.

bundesliga.de: Was einmal mehr zeigt, wie wichtig die richtigen Personen zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sind...

Fritsch: Das stimmt zwar, ist aber bei anderen Vereinen, wo bestimmte Strukturen und Entwicklungen von bestimmten Personen abhängig sind, ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Trotzdem bedeutet das nicht, dass diese Personen unersetzbar sein müssen. Bezüglich meiner Person zumindest möchte ich das nicht behaupten. Ganz im Gegenteil ist es eine der Aufgaben, die ich mir stelle, dass wir die Entwicklung von bestimmten Personen und einer kurzfristigen Denke unabhängig machen, um den Verein so auf eine breitere Basis zu stellen.

bundesliga.de: Zum Schluss noch einmal eine Frage aus der Rubrik Fußball-Romantik: Gibt es noch Momente, in denen Sie sich manchmal kneifen müssen ob der Entwicklung Ihrer Lilien?

Fritsch: Auf jeden Fall! Dafür, dass alles zur Routine werden und man in einen Normalmodus übergehen könnte, war die Halbserie viel zu kurz. Vor jedem Auswärtsspiel, wenn die Reise nach München, nach Hamburg oder in welche Bundesliga-Stadt auch immer ansteht, denke ich im ersten Moment "Ist denn schon wieder Pokal?". Bis mir schlagartig wieder bewusst wird "Nein, kein Pokal. Wir sind in der Bundesliga!". (lacht) Wir leben weiterhin einen Traum. Allerdings wacht man irgendwann aus jedem noch so schönen Traum auf. Deshalb ist es unsere Pflicht, eine realistische Perspektive für die Zeit nach diesem Traum zu schaffen und so für Nachhaltigkeit zu sorgen. Wir dürfen das Momentum nicht als gegeben hinnehmen, sondern müssen es als ganz große Chance begreifen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter