Die Reaktion war schon erstaunlich. Noch Minuten nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Dr. Felix Brych feierten die Fans von Hannover 96 ihre Mannschaft. Die Spieler des VfL Wolfsburg rieben sich während des Auslaufens verwundert die Augen.

Da hatte Hannover gerade 0:1 verloren und die neunte Niederlage in Folge hinnehmen müssen. Doch in der niedersächsischen Landeshauptstadt wurden die Spieler gefeiert, als ob gerade der Klassenerhalt sichergestellt worden sei.

"Quält euch, nicht uns"

"Quält euch, nicht uns", hatten die Anhänger auf einem großen Transparent gefordert, und die Spieler kamen dieser Aufforderung nach. Sie kämpften und grätschten 90 Minuten lang und wussten auch spielerich zu gefallen. Das von Trainer Mirko Slomka geforderte "schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff" war klar zu erkennen. Nur vor dem Tor fehlte das letzte Quäntchen Selbstbewusstsein; statt draufzuhalten, wurde die Verantwortung häufig an einen Mitspieler weitergegeben.

Dabei ist gerade der niedersächsische Nachbar aus Wolfsburg in dieser Saison in der Abwehr alles andere als sattelfest. Vor dem Spiel hatte der Meister in der aktuellen Saison gerade mal zwei Spiele ohne Gegentreffer überstanden.

Aber "woher soll das nötige Selbstvertrauen auch kommen nach so einer Negativserie", wirbt Kapitän Arnold Bruggink um Verständnis, dass trotz des aufopferungsvollen Einsatzes kein zählbarer Erfolg verbucht werden konnte.

Vor dem Anpfiff in die Fankurve

"Uns war klar, man muss das Publikum mitnehmen", beschrieb Karim Haggui die Aktion der Spieler, schon vor dem Anpfiff in die Fankurve zu gehen und um Unterstützung zu bitten: "Und ich glaube, das ist uns gut gelungen".

Es sei aber bitter, so der 26-Jährige weiter, "dass wir wieder keinen Punkt geholt haben. Die Niederlage tut richtig weh, aber wir haben gezeigt, dass die Mannschaft eine gute Qualität hat."

Schlaudraff nicht dabei

Das sah auch Slomka, der immer noch auf seinen ersten Punkt mit Hannover wartet und im sechsten Spiel als 96-Coach die sechste Niederlage einstecken musste. "Wir haben mit den Fans eine Einheit gebildet. Da stand eine Elf auf dem Platz, die gezeigt hat, dass sie will."

Und nach diesen Kriterien hatte der Trainer seine Elf auch aufgestellt: "Bei Jan Schlaudraff habe ich in den letzten Trainingseinheiten den letzten Willen nicht gespürt", erklärt der 42-Jährige, warum er den Ex-Nationalstürmer kurzfristig aus dem Kader für die Partie gestrichen hatte.

"Jeder muss und kann sich bei jedem Training aufdrängen. Das erwarte ich. Von daher gilt jede Suspendierung natürlich nur für das eine Spiel", will Slomka seinen Profis den Ernst der Lage vermitteln. Die gegen den amtierenden Deutschen Meister aufgestellten Spieler hätten das klar begriffen: "Wir haben leidenschaftlichen Fußball gespielt. Das Spiel war eines Derbys würdig. Wir hätten in Führung gehen müssen."

Unterstützung vom Präsidenten

Um seine eigene Person muss sich Slomka, trotz der bislang fehlenden Punkte, noch keine Sorgen machen. 96-Präsident Martin Kind erklärte unmissverständlich, dass der Trainer auch bei der Partie am Samstag beim SC Freiburg auf der Bank sitzen wird.

Für den Coach wird es nun entscheidend sein, die Begeisterung über das gute Spiel gegen den Meister bis zum Auftritt im Breisgau zu transportieren. Lob gab es von VfL-Trainer Auch Lorenz-Günther Köstner. "96 hat gut gespielt. Wichtig war, dass wir ohne Gegentor in die Pause gegangen sind", sagte der Gäste-Trainer.

"Die Gegner müssen wieder Respekt haben"

"Ich habe vor dem Spiel jedem in die Augen geschaut und gesehen, dass jeder diese Partie unbedingt gewinnen wollte", beschrieb Florian Fromlowitz im Gespräch mit bundesliga.de die Stimmung in der Kabine vor dem Spiel und zog ein positives Fazit aus der Niederlage: "Wenn wir so weitermachen, wird sich auch der Erfolg einstellen. Es ist wichtig für mich und die Mannschaft, dass ich nicht vier, fünf Bälle aus dem Netz holen musste. Die Gegner müssen wieder Respekt haben und sich nicht totlachen, wenn sie nach Hannover kommen."

Die Betreuung durch den Sportpsychologen Dr. Andreas Marlovits habe jedem etwas gebracht. "Ich habe viel mit ihm geredet und es hat mir geholfen", erklärte Fromlowitz, der in den vergangenen Wochen in der Diskussion stand: "Aber im Endeffekt müssen wir Spieler uns allein aus dem Dreck ziehen."

Am besten mit einem Sieg am kommenden Wochenende beim Abstiegskonkurrenten Freiburg. "Das ist ein entscheidendes Spiel", bringt es Haggui auf den Punkt. Denn am besten feiert es sich doch immer noch nach einem Sieg.

Aus Hannover berichtet Jürgen Blöhs